Sie macht endlich sichtbar, durch welche Anregungen Rilkes Schreiben in Gang gesetzt wurde, und benennt damit die Rolle des Autors Franz Xaver Kappus in der Literaturgeschichte. Kappus ist schließlich (vielleicht unter anderem durch den Briefwechsel mit Rilke weniger unglücklich) ein ganz erfolgreicher Autor und Journalist geworden. Er konnte seinen Traum vom Leben als Autor verwirklichen, setzte dabei jedoch offensiv auf das Unterhaltungsgenre und produzierte zahlreiche in Folgen erscheinende Romane für den Ullstein Verlag. Einen späten Erfolg erzielte er 1967 mit 83 Jahren, als das von ihm geschriebene und von Oskar Schima vertonte Lied »Mamatschi, schenk’ mir ein Pferdchen« in der Interpretation des kindlichen Herzensbrechers Heintje ein großer Erfolg wurde. Die Verse des Liedes eröffnen vielfach mit »und« – einem Stilelement, das insbesondere Rilke (zuvor allerdings auch schon der von Rilke selbst wiederum nicht hoch geschätzte Richard Dehmel) popularisiert hatte. Nachdem ein kleiner Junge auf seinen sehnlichsten Wunsch hin ein Marzipanpferdchen anstelle des erhofften Rosses von »Mamatschi« erhalten hat, heißt es bei Kappus: »Und viele Jahre sind vergangen / Und aus dem Jungen wurd’ ein Mann / Da hielt, die Fenster dicht verhangen, / Vorm Haus ein prächtiges Gespann / Vor einer Prunkkarosse steh’n / Vier Pferde reich geschmückt und schön / Die trugen ihm sein armes Mütterlein / Da fiel ihm seine Jugend ein.« b
Keines seiner Werke aus der Zeit nach dem Briefwechsel mit Rilke ist jedoch zu einem Vademekum und Handorakel geworden. Abgesehen von »Mamatschi« sind seine erfolgreichsten Texte solche, die lange nicht publiziert wurden, und solche, in denen er nur implizit und ohne scharfe Konturen erkennbar ist, als Empfänger einer Poetik, die eher zufällig auf ihn als Empfänger zu treffen scheint. Wie liest man so was eigentlich, wie liest man Handorakel? c Liest man es überhaupt, oder schleppt man es eher mit sich herum wie einen Glücksbringer?
Die Ecken meiner stark beanspruchten Ausgabe der Briefe an einen jungen Dichter sind vom Rumpeln in der Tasche rundgestoßen, die Seiten vergilbt. Das Problem ist bekannt: »Jedes solcher Bücher hat […] seine Geschichte. Doch die werden älter und nutzen sich ab, je fleißiger sie gebraucht werden. Die Bücher an sich sind, obgleich das Papier in alter Zeit dazu derb und gut war, vergänglich. So geschieht es, daß sie fortgethan und vernichtet werden.« 9Bei mir nicht: Der Buchrücken ist offenbar schon einmal abgefallen, sodass ich ihn mit Tesafilm wieder ankleben musste. Das Buch enthält keine Anstreichungen, keine Klebestreifen zur Markierung wichtiger Stellen. Es ist das Äquivalent zu Texten, in denen die nicht unterstrichenen Sätze auffallender sind als die unterstrichenen. Alles war wichtig.
Die Kleinheit des Buches ist kein Zufall. »Charakteristisch auch das kleine Format der Taschenbüchlein bei ihrer relativ großen Drucktype, die nicht nur Leseschwäche (der älteren Leser) ausgleicht, sondern auch Lektüre abseits des Schreibpultes bzw. der sitzenden Lesehaltung ermöglicht – Lesen zwischendurch, Lesen, wo es sich gerade ergibt, okkasionelle Erbauung während des Tagesablaufs.« 10Ich weiß nicht, an welche Orte ich das Buch überallhin mitschleppte, verschwommen ist die Erinnerung an eine lange Wartezeit auf einem Flughafen, während derer ich in dem kleinen Band las. Sein jetziger Zustand erzählt keine Leseszenen, die ich schon längst vergessen habe, er weist nur allgemein heftigen Gebrauch durch seine Schrabbeligkeit nach.
Schon länger trägt man sowohl das Bedürfnis nach Erbauung als auch die Literatur, die Erbauung verspricht und sich selbst sogar Erbauungsliteratur nennt, d stets mit sich herum. Einerseits hat man sie dann immer schnell zur Hand, andererseits kann man sie auch gut vor missbilligenden Blicken verstecken. Trostsuchendes Lesen hat eine lange Geschichte, die vor allem davon handelt, dass man es trotzdem tut. »Wer sind die ›Alten Tröster‹? Der Ausdruck wird gebraucht für die Gebet- und Erbauungsbücher der gläubigen Väter unserer evangelisch-lutherischen Kirche, die noch heute die Gläubigen trösten; für die Erbauungsschriften, daraus nicht bloß der Schriftsteller und seine Zeitgenossen Trost gesucht und gefunden haben, sondern die solchen Wert haben, daß viele Geschlechter bis heute durch sie erbaut worden sind und noch erbaut werden. Alte Tröster hießen sie ursprünglich vielfach spottweise […].« 11Schon 1900 muss auf Seite eins klargestellt werden, dass man sich der potenziellen Peinlichkeit bewusst ist, die es bedeutet, nicht nur eine trostbedürftige Person zu sein, sondern vor allem, sich als solche ausgerechnet an ein Büchlein zu wenden, dessen ästhetischer Wert weit hinter seiner Funktionalität für seelische Belange zurückbleibt. Es sei aber, so wird weiter ausgeführt, kein Wunder, dass Die Alten Tröster von Leserinnen und Lesern angesteuert würden, denen der ästhetische Wert eines Textes, worin auch immer er bestehen möge, ziemlich egal war. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hätten die Kirchen erbauungssuchenden Personen »Steine statt Brot« angeboten. 12Aus Steinen kann man zwar eine Kirche erbauen, nicht aber die trostbedürftigen Gläubigen bei der Stange halten. Sie wollen einen Text. Das gilt auch zu Zeiten, in denen Gläubige schon solche sind, die allein mit einem spirituellen Restbedürfnis durchs Leben gehen und sich um den Glauben (an sich) vorerst keine größeren Gedanken machen, sondern andere Probleme haben.
Meine kleine Ausgabe von Rilkes Briefen an Kappus stammt aus dem Jahr 1997, ich glaube aber, dass ich sie mir erst deutlich später gekauft habe. Meine Erinnerung behauptet, dass ich sie seit 2004 mit mir herumgetragen habe, weil ich mich an die Anschaffung einer Umhängetasche erinnere, die ein Spezialfach hatte, in dem ich das Buch versenken konnte. Und so ist es wahrscheinlich auch gedacht: dass man diese Ratschläge Rilkes, seine Versuche, einem ihm unbekannten Mann Trost zu spenden, in die Tasche stecken kann. Zu wissen, dass dieses Buch überall hinpasst und immer mitkommen kann, ist vielleicht schon selbst Trost genug. Mit dem Buch in der Tasche war ich immer schon zwei. Vielleicht war genau das Effekt einer gelungenen verlegerischen Suggestion, die darin besteht, Leserinnen und Leser glauben zu lassen, dass es ein Kunstwerk gibt, das für sie jeweils ganz allein da ist. Der Preis dafür war die Ausblendung des eventuell doch einfach zu schmuddeligen Kappus’. Durchgezogen wurde vor allem der Triumph des Deutschunterrichts: Unsere Großen, immer dabei – spürt ihr es nicht auch?
Ursprünglich sollte meine Ausgabe fünf D-Mark kosten, wie man über dem ziemlich abgeschabten Barcode noch erkennen kann. Was ich tatsächlich bezahlt habe, weiß ich nicht. Die Rückseite enthält keine Hinweise zum Inhalt der Briefe oder zum Empfänger, dafür aber ein Zitat von Paul Valéry, den Rilke seinerseits in Deutsche übersetzt hat. »Teurer Rilke! … Ich liebte in ihm den zartesten und geisterfülltesten Menschen dieser Welt, den Menschen, der am meisten heimgesucht war von all den wunderbaren Ängsten und all den Geheimnissen des Geistes. Paul Valéry«.
Es hat bis 2017 gedauert, bis ich einmal etwas anderes von Paul Valéry als diesen Blurb gelesen habe. Ängste kannte ich nur als Ängste, also waren sie schrecklich, nicht wunderbar. In einem Aufsatz von Carlos Spoerhase fand ich einen Verweis auf Die beiden Tugenden des Buches , 13der mir gerade recht kam, direkt daneben ging es noch besser weiter, hier also noch mal Paul Valéry: »Der Geist des Schriftstellers betrachtet sich in dem Spiegel, den die Druckerpresse ihm liefert. Wenn Papier und Druckfarbe zueinander passen, wenn die Letter angenehm für das Auge, wenn der Satz sorgfältig, die Justierung ohne Makel, der Druck vorzüglich ist, so empfängt der Autor einen frischen Eindruck von seiner Sprache und seinem Stil. Beschämung und Stolz streiten in ihm. Er sieht sich mit Ehren bekleidet, die ihm vielleicht nicht zustehen. Ihm ist, er vernehme eine sehr viel entschiedenere und festere Stimme als die seine, höre eine unerbittlich reine Stimme seine Worte aussprechen, jedes einzelne seiner Wörter mit drohender Deutlichkeit. Alles, was er je Schwaches, Nachgiebiges, Willkürliches, Unelegantes niedergeschrieben hat, spricht nun allzu klar und vernehmlich. Ein schreckliches Urteil, und ein höchst kostbares zugleich, wird da über einen gefällt, wo man sich prächtig gedruckt sieht.« 14
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