Dabei ist klar, dass diese Auswahl erstens nicht zwingend ist und die Breite der Regionalgeschichte nicht erschöpfend abbildet und es zweitens „Sortenreinheit“ dieser Blickwinkel in der regionalhistorischen Praxis oft nicht geben kann. Sinnvoll erscheint dieses Vorgehen trotzdem, arbeitet es doch zugespitzt heraus, welche historiografischen Herangehensweisen an Regionalgeschichte möglich und in der Praxis vorherrschend sind. Dabei muss auch ausgelotet werden, welchen offenen Fragen und ungelösten Problemen die Regionalgeschichte gegenübersteht.
Zum Wissenschaftsbetrieb gehört auch die Institutionalisierung. Eine kleine Bestandsaufnahme geht daher der Frage nach, wo und in welcher Form Regionalgeschichte im deutschsprachigen Raum an Universitäten und in universitären Curricula sowie in außeruniversitären Forschungseinrichtungen verankert ist. Aber auch Ausprägungen der „Geschichte vor Ort“, also die oft von Laien getragenen lokal- und regionalhistorischen Initiativen und Vereine, liefern ein facettenreiches Feld, das nicht außen vor bleiben sollte. Institutionalisierung von Wissenschaft äußert sich auch in der Etablierung und Arbeit von Publikationsorganen wie Zeitschriften, Buchreihen oder Online-Portalen. Und so vermittelt auch die einschlägige Medienlandschaft Eindrücke von den Entwicklungen des Fachs.
1.1 Aktualität und Konjunktur von Region
Der Begriff der Region ist allgegenwärtig. Eine Google-Suche im Frühjahr 2020 erbringt 4,6 Milliarden Treffer.
Der Regionsbegriff: beliebt, aber vieldeutig
In der Medienlandschaft und der Werbewirtschaft fungiert der Regionsbegriff irgendwo zwischen Zugpferd und Allzweckwaffe: Ob regionale Lebensmittel – wie auch immer deren Herkunftsradius im Einzelnen definiert sein mag –, ob touristisches Destinationsmarketing („Nationalparkregion“, „Genussregion“, „Sportregion“) oder regional zugeschnittene Medien: Stets transportiert der Regionsbegriff eine sehr positive Botschaft, ein Versprechen von Vertrautheit, Nähe, Kontrolle und Kohärenz.
Abb. 1 Supermarkt in Oberösterreich – „Wir sind regional“ (Quelle: Eigene Darstellung 2020)
Die Beliebtheit des Begriffs spiegelt freilich seine Polyvalenz wider. Ähnlich anderen „Gummiwörtern“ der öffentlichen Debatte (besonders prominent z. B. der Nachhaltigkeitsbegriff) ist er ungemein offen für eine Vielzahl semantischer Aufladungen bei gleichzeitiger Suggestion eines konsensualen Verständniskerns.
Dabei sind weder der Begriff selbst noch der mit ihm bezeichnete Wirklichkeitsbereich einfach zu fassen. Um ein Alltagsverständnis von „Region“ greifen zu können, lässt sich die deutschsprachige Wikipedia konsultieren. Dabei wird vorneweg zwischen einem geografischen, biologischen und technischen Kontext unterschieden. Im geografischen Kontext finden sich zwei Definitionsangebote, die beide im weiteren Verlauf dieses Buches relevant sind. Region wird hier erstens als Gebiet bezeichnet, „das geographisch, politisch, ökonomisch und/ oder administrativ eine Einheit bildet“. Zweitens wird hier auf die Maßstabsebenen geografischer Betrachtung zwischen den Extremen lokaler, kleinräumiger Bereiche der Erdoberfläche auf der einen und globaler, die gesamte Erde betreffender Interessenahme auf der anderen Seite hingewiesen (Wikipedia, Region, wikipedia.org). In letzterem Gefüge verortet sich Regionalität als grundsätzlich partikulare, je nach Definition aber als supra-nationale („Der globale Süden“) oder sub-nationale („Provinz“) Größe.
Regionalität in der Europäischen Union.
Welche Faktoren machen Regionalität aus? Eine mögliche Sondierung besteht im politischen und administrativen Konzept von Region, das im Kontext der Europäischen Union fassbar wird (Lottes 1992). Das viel beschworene Schlagwort eines „Europa der Regionen“, das freilich mit dem Wiedererstarken nationaler Grenzen seit 2015 viel an seiner Strahlkraft verloren hat, macht eine Suche an dieser Stelle plausibel. Konkret äußert sich der Bezug zwischen Europäischer Union und Region in verschiedenen Politikfeldern, besonders prominent im Feld der Kohäsionspolitik, also dem Zusammenhalt zwischen einzelnen Staaten und Regionen. Hier geht es um ein programmatisches Bestreben nach Stärkung des „wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalts, um eine harmonische Entwicklung der Union als Ganzes zu fördern“ (Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union Art. 174, Stand 09. 09. 2020). Die Union setzt sich dabei „insbesondere zum Ziel, die Unterschiede im Entwicklungsstand der verschiedenen Regionen und den Rückstand der am stärksten benachteiligten Gebiete zu verringern“ (Ebd.). Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei ländlichen Gebieten, Gebieten im (post-)industriellen Strukturwandel und „Gebieten mit schweren und dauerhaften natürlichen oder demografischen Nachteilen, wie den nördlichsten Regionen mit sehr geringer Bevölkerungsdichte sowie den Insel-, Grenz- und Bergregionen“ (Ebd.). Dementsprechend befasst sich die EU-Regionalpolitik mit der Ausgestaltung des Verhältnisses zwischen Stadt und Land sowie mit der Entwicklung ländlicher Räume, entwirft aber auch Strategien der Entwicklung makroregionaler Räume wie der Alpen ( EU Strategy for the Alpine Region , EUSALP ), des Donauraums ( EU Strategy for the Danube Region , EUSDR ), des Ostseeraumes ( EU Strategy for the Baltic Sea Region , EUSBSR ; Sea Basin Strategy: Baltic Sea ) oder des Adriatischen und Ionischen Mittelmeerraumes ( EU Strategy for the Adriatic and Ionian Region , EUSAIR ; Sea Basin Strategies: Adriatic and Ionian Seas ). EUProgramme fördern die Kooperation nationaler, regionaler und lokaler Akteurinnen und Akteure über innereuropäische Grenzen hinweg ( INTERREG ). Zusätzlich betreibt die EU eine regional fokussierte Politik an ihren Außengrenzen als Teil der Nachbarschaftspolitik im Verhältnis zu Nicht-EU-Staaten.
Als roter Faden durch die Vielfalt dieser regional fokussierten Politikfelder und Programme zieht sich ein Verständnis von Region, das Regionalität problemorientiert von geografischen, ökonomischen, sozialen, demografischen und sozialökologischen Spezifika ableitet, während die politisch-administrative Verfassung oder die nationalstaatliche Zuordnung der territorialen Fokuseinheiten eine untergeordnete Rolle spielt. Ganz anders präsentiert sich dies freilich in der Implementierung dieser Politik. Ein Beispiel: Im Rahmen des Förderprogrammes INTERREG V-A Österreich – Bayern 2014–2020 kooperieren ein deutsches (Bayern) und vier österreichische Bundesländer (Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg) bzw. 26 deutsche und 15 österreichische Nomenclatory Units of Territorial Statistics ( NUTS ) Level III, die ihrerseits weitgehend deckungsgleich mit je einem oder mehreren bayerischen Landkreisen oder österreichischen Bezirken sind. Das heißt, der Projektraum definiert sich klar über administrative Teileinheiten der beteiligten Nationalstaaten. Die NUTS wiederum, zunächst einmal ein Instrument, das geschaffen wurde, um der europäischen Statistikbehörde EUROSTAT mehr oder minder vergleichbare Erhebungseinheiten für die europäische Statistik bereitzustellen, reflektieren ihrerseits das spannungsreiche Zusammenspiel von europäischem Anliegen (europäischer Statistik) und nationalstaatlicher Institutionalisierung (Deckungsgleichheit der NUTS aller drei Level mit nationalstaatlichen (Teil-)Einheiten sowie Datenerhebung und -lieferung durch nationalstaatliche Behörden).
Regionale Identität: offen für Missverständnisse
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