Götzl Wie geht es Ihren Brüdern jetzt?
Gamze Kubaşık Mein älterer Bruder ist achtzehn, er kriegt alles mit und ist sehr zurückgezogen, wenn es um die Sache mit unserem Vater geht. Wenn im Fernsehen was kommt darüber, dann geht er in sein Zimmer und sieht sich das allein an. Ich weiß, dass er mit seinen Freunden nie darüber gesprochen hat. Der Ausbildungsbetreuer hat ihn mal darauf angesprochen, aber er wollte nicht, dass die anderen das mitbekommen.
Götzl Und Ihre Mutter?
Gamze Kubaşık Ich weiß, dass meine Mutter viel weint. Seitdem mein Vater tot ist, zieht sie nichts Helles mehr an. Wenn man schwarz gekleidet ist, weiß man bei uns, dass derjenige in Trauer ist. Ich habe mal versucht, ihr in der Stadt eine weiße Bluse zu zeigen. Aber sie hat sie sich noch nicht mal angeguckt.
Anwalt Scharmer Schildern Sie bitte, auf welche Situation Sie trafen am 4.4.2006.
Gamze Kubaşık Ich bin die Mallinckrodtstraße hochgelaufen. Schon von Weitem habe ich eine Menschenmenge und Absperrungen gesehen. Als ich ankam, sagten die Leute, oh nein, da ist die Tochter. Ich wollte an der Absperrung vorbei. Ein Polizist, so Anfang dreißig, guckt mich an und fragt nach meinem Ausweis und sagt dann: Begleiten Sie mich bitte zum Polizeiauto. Dort sagte ich: Ich muss in den Kiosk, mein Vater braucht mich. Wenn er aufgeregt ist, weiß er nicht, was er sagen soll. Ich muss übersetzen. Der ältere Polizist im Polizeiauto sagte: Frau Kubaşık, Ihr Vater ist tot.
Anwalt Scharmer Am 5.4. wurden Sie von der Polizei vernommen. Erinnern Sie sich noch?
Gamze Kubaşık Wir hatten nicht geschlafen, unsere Wohnung war voll mit Bekannten und Verwandten. Mutter hat die ganze Nacht nur geweint. Wir wurden von der Polizei abgeholt, auf der Wache hat man Mutter und mich getrennt. Ich kam in einen kleinen Raum, dann ging es los. Ich wurde nicht gefragt, ob ich in der Lage bin, auszusagen. Es ging einfach los.
Anwalt Scharmer Wenn man Sie gefragt hätte, was hätten Sie gesagt?
Gamze Kubaşık Dass ich nicht kann, dass ich zu Hause sein möchte.
Anwalt Scharmer Hat man Ihnen erklärt, dass Sie eine Vertrauensperson hinzuziehen können?
Gamze Kubaşık Nein.
Anwalt Scharmer Erinnern Sie sich, was Sie gefragt wurden?
Gamze Kubaşık Ob mein Vater Feinde hatte, ob ich weiß, wer das sein könnte.
Anwalt Scharmer Wurden Sie nach Eheproblemen der Eltern gefragt? Nach Geliebten?
Gamze Kubaşık Ja. Ich habe mich geärgert, weil mein Vater so etwas nie getan hätte.
Anwalt Scharmer Wurden Ihnen Fotos von ausländischen Männern gezeigt?
Gamze Kubaşık Ja. Ich habe mir alle echt gut angeguckt, aber erkannte keinen. Ein Polizist sagte: Ihr fällt noch nicht mal auf, dass da einer mehrmals abgebildet war. Er hat sich lustig gemacht über mich.
Anwalt Scharmer War die Polizei bei Ihnen zu Hause?
Gamze Kubaşık Nach meiner Aussage kamen wir nach Hause, die Tür stand offen. Da kam mir ein Mann entgegen, der sagte, ich soll rausgehen. Ich sagte: Ich wohne hier! Im Haus waren noch weitere Männer, Männer in komischen weißen Anzügen mit großen Hunden, die an Sachen meiner Eltern herumschnüffelten. Da bin ich erschrocken.
Anwalt Scharmer Drei Wochen später waren Sie noch mal bei der Polizei vorgeladen? Erinnern Sie sich?
Gamze Kubaşık Ja, sie haben mich gefragt, ob mein Vater Drogen verkauft hat, ob er bei der PKK war, mit der Mafia zu tun hatte, mit einer türkischen Bank, ob er Geld transportiert hat, ob er Beziehungen mit anderen Frauen hatte. Ich habe alles verneint. Meine Mutter sagte später noch zu den Polizisten: Ich weiß, wer meinen Mann umgebracht hat, das waren die Nazis.
Anwalt Scharmer Gab es irgendeine Reaktion?
Gamze Kubaşık Der Polizeichef meinte, das kann man ausschließen, dafür gibt es keine Beweise.
Anwalt Scharmer Was wurde aus dem Kiosk?
Gamze Kubaşık Wir konnten den Kiosk nicht mehr betreten. Weder enge Verwandte noch Bekannte wollten da rein. Mit den Sachen, die sich noch im Kiosk befanden, wurden unsere Schulden bei der Metro beglichen.
Anwalt Scharmer Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hatte der Tod Ihres Vaters?
Gamze Kubaşık Ich hatte zuvor noch nie das Arbeitsamt betreten. Wir waren erstmals auf staatliche Unterstützung angewiesen.
Anwalt Scharmer Wurde Ihnen gesagt, dass Ihre Bank- und Telefondaten überprüft wurden?
Gamze Kubaşık Nein.
Verteidiger Klemke Sie haben doch vorher von Verwünschungen gesprochen. Von wem kamen die?
Götzl Dazu hat die Zeugin doch schon Angaben gemacht.
Verteidiger Klemke Ich meine, welcher Nationalität waren diese Menschen?
Oberstaatsanwalt Weingarten Ich beanstande diese Frage.
Götzl Welche Relevanz hat diese Frage?
Verteidiger Klemke Ich wollte nur die Einzelheiten nachfragen.
Gamze Kubaşık Es waren Deutsche wie Ausländer.
Verteidiger Klemke Waren es Ausländer unterschiedlicher Nationalität?
Oberstaatsanwalt Weingarten (lauter) Ich beanstande diese Frage!
Verteidiger Klemke Warum? Ich frage nur nach.
Götzl Herr Klemke wird uns das jetzt erklären.
Verteidiger Klemke Ich werde mich dazu nicht weiter äußern. Ich beantrage einen Gerichtsbeschluss über die Zulässigkeit der Frage.
Oberstaatsanwalt Weingarten Als Tatfolge sind Tuscheleien relevant. Welche Nationalität diese Tuschler haben, ist irrelevant.
Götzl Dann ergeht jetzt folgender Gerichtsbeschluss: Die Frage ist unzulässig, weil die Nationalität nicht relevant ist. Ein Sachbezug ist nicht erkennbar und wurde auf Nachfrage nicht dargelegt.
Verteidiger Klemke Gut, lassen wir das. Sie wurden gefragt, ob Ihr Vater irgendwas mit Drogen zu tun gehabt haben könnte. Haben Sie mal nachgefragt, wie die Ermittler darauf kommen?
Gamze Kubaşık Ich weiß nicht, ob ich nachgefragt hatte.
Verteidiger Klemke Wie haben Sie reagiert auf die Todesnachricht?
Anwalt Scharmer (genervt) Das hat sie doch schon beantwortet.
Verteidiger Klemke Dann habe ich keine weiteren Fragen mehr.
(Gamze Kubaşık verlässt den Zeugenplatz, die nächste Zeugin ist Elif Kubaşık, ihre Mutter.)
Götzl Können Sie uns Ihren Mann ein wenig beschreiben?
Elif Kubaşık Entschuldigen Sie, wenn ich emotional werde. Er war sehr besorgt um seine Familie, er liebte seine Tochter, war vernarrt in seine Kinder. Er war ein liebevoller Ehemann, wir haben uns geliebt. Mit seiner Ermordung sind alle unsere Träume zerbrochen. Wir hatten wie alle anderen Menschen ein ganz normales, liebevolles Leben.
Götzl Wie war das Leben nach der Tat für Sie?
Elif Kubaşık Es gab nichts mehr, was weiß war für mich, alles ist geschwärzt worden. Ich kann nicht vergessen, wie meine Kinder gelitten haben, wie sie sich in sich verkrochen haben. Der Tag ging nicht zu Ende. Ich erkrankte an Neurodermitis. Entschuldigen Sie bitte, dass ich nicht reden kann. Uns wurde sehr großes Unrecht angetan: Frauengeschichten, Mafia, Drogen – solche Dinge wurden in die Welt gesetzt. Sie zeigten mit Fingern auf uns. Ich konnte kaum atmen. Wenn ein kleines Geräusch zu hören war, hatte ich Angst und schrie. Oder wenn ein Fahrradfahrer an mir vorbeifuhr. Wir haben dann ein zweites Schloss eingebaut. 2008 saß ich zu Hause, da wurde ein großer Stein durchs Fenster geworfen. Die Polizei kam und sagte, es könnten ja Kinder gewesen sein, die draußen spielten. Ich hatte Ängste, dass meinen Kindern was zustößt, aber ich habe mich bemüht, stark zu sein.
Götzl Sie sagten, auf Sie wurde mit Fingern gezeigt. Wurden Sie auch angesprochen?
Elif Kubaşık Die Menschen, die uns kannten, glaubten uns natürlich. Aber andere dachten, wenn es nicht stimmen würde, dann würde die Polizei ja wohl nicht das Haus bis in den Keller untersuchen.
Anwalt Ilius Wie erging es der Schwiegermutter?
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