Haydar A. Ja, er hatte den Schlüssel.
(Am Ende des Verhandlungstags verkündet Richter Götzl einen Beschluss des Gerichts. Es geht um den Mord 2006 in Kassel und die Rolle des Verfassungsschutz-Beamten Andreas Temme, der sich am Tatort aufgehalten hatte und deshalb unter Tatverdacht geraten war. Die Richter lehnen einen Antrag ab, sämtliche 35 Akten der damaligen Ermittlungen zu Temme zum NSU-Verfahren beizuziehen. Es würden konkrete Anhaltspunkte fehlen, dass in den Akten Informationen enthalten seien, die für das NSU-Verfahren relevant wären.)
24. Oktober 2013
Manfred Götzl, Richter. Stephan Seidl, 54, Rechtsmediziner aus Erlangen. Er hat die Leiche des Nürnberger Mordopfers İsmail Yaşar obduziert. Er sagte bereits am Tag 26 aus. Moritz S., 29, Kriminalkommissar beim BKA Berlin. Leopold Pfoser, 64, Sachverständiger beim BKA Wiesbaden. Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl, Verteidiger von Beate Zschäpe.
(Erstmals sitzt Jacqueline, die Frau des Angeklagten Ralf Wohlleben, als sogenannter Beistand neben ihrem Mann auf der Anklagebank. Vor Gericht geht es um den Mord an Yaşar am 9. Juni 2005 in Nürnberg.)
Seidl Bei der rechtsmedizinischen Leichenöffnung des Opfers zeigten sich fünf Schussverletzungen; unter anderem ein Schädeldurchschuss, ein Trümmerbruch der vierten Rippe, ein Trümmerbruch des rechten Schlüsselbeins. An der rechten Wange war ein Streifschuss festzustellen sowie eine Aufreißung am Rand des rechten Ohrläppchens. Es fand sich unter anderem Blut in der rechten Brusthöhle. Das Opfer verstarb infolge von Verblutung.
Götzl Wie lange hat Herr Yaşar nach der Tat in etwa noch überlebt?
Seidl Das ist grob geschätzt im einstelligen Minutenbereich möglich gewesen.
(Nach weiteren Zeugen kommt Kriminalkommissar Moritz S. in den Saal.)
Moritz S. Ich war damit befasst, die Zeitungsausschnitte und die NSU-Videos abzugleichen. Im ersten Vorgängervideo des Bekennervideos waren der erste Mord in Nürnberg und der Anschlag in der Probsteigasse thematisiert. Im zweiten Video haben die ersten vier Morde Verwendung gefunden. In der finalen Version wurden alle neun Morde thematisiert, und es waren sieben oder acht Zeitungsartikel eingeblendet.
Im Wohnmobil wurden drei USB-Sticks mit dem Bekennervideo drauf gefunden sowie sechs DVDs. In Zwickau wurden 36 DVDs in adressierten Umschlägen und weitere lose DVDs gefunden.
In beiden Vorläufervideos waren Songs der Band »Noie Werte« zu hören. Der Leadsänger dieser Band ist Steffen Hammer. Er arbeitete in einer Rechtsanwaltskanzlei in Stuttgart, seine Kollegin war Nicole Schneiders (die Verteidigerin von Ralf Wohlleben) .
(Der übernächste Zeuge ist der Sachverständige Pfoser aus Wiesbaden.)
Pfoser Ich habe fünf Gutachten zu den Tatwaffen des Typs Česká und Bruni erstellt.
(Ausführlich erklärt er die verschiedenen Hülsen und Geschosse, die bei den Mordfällen sichergestellt wurden. Zuweilen gerät seine Darstellung sehr umständlich.)
Pfoser Auf einem bestimmten Zugeindruck der erhabenen Stelle, da befand sich, da hab ich das entdeckt, befand sich eine aluminiumfarbene Anhaftung. Sie konnte nicht vom Lauf selbst kommen, und auch nicht beim Aufprall verursacht worden sein. Daraus konnte man den Schluss ziehen, das musste, die plausibelste Erklärung war, es müsste eine Waffe mit Schalldämpfer sein …
Verteidiger Stahl Ich kann das überhaupt nicht verstehen, was er sagt.
Götzl Ich kann das schon verstehen. Ich hab mich auch vorbereitet. Das Problem hatten Sie ja schon öfters, auch bei meinen Befragungen.
Verteidiger Stahl Nein, nein, nein.
Verteidiger Heer Auch für mich sind die Ausführungen nicht verständlich. Wenn in Ihren Ausführungen ein Vorwurf enthalten sein sollte, dann weise ich das zurück.
5. November 2013
Manfred Götzl, Richter. Gamze Kubaşık, 28, Tochter von Mehmet Kubaşık, der am 4.4.2006 in seinem Kiosk in Dortmund ermordet wurde. Elif Kubaşık, 49, Ehefrau des Mordopfers. Janica D., 40, Büroangestellte aus Dortmund. Jochen Weingarten, Vertreter der Bundesanwaltschaft. Olaf Klemke, Verteidiger von Ralf Wohlleben. Carsten Ilius, Sebastian Scharmer, Anwälte der Nebenklage.
Götzl Es geht um den Tod Ihres Vaters am 4. April 2006. Es gibt verschiedene Themen, zu denen ich Sie befragen will. Zunächst zur Situation am 4. 4 .: Wie wurde der Laden Ihres Vaters betrieben, wer war wann vor Ort? Können Sie uns berichten?
Gamze Kubaşık Mein Vater, meine Mutter und ich haben den Laden zusammen geführt. Meine Mutter hat um sechs Uhr den Laden geöffnet, dann hat mein Vater meine Mutter abgelöst, vorher hat er meinen jüngsten Bruder zum Kindergarten gebracht und Einkäufe erledigt. Ich war an der Fachoberschule. Nach der Schule bin ich direkt zum Kiosk und habe meinen Vater abgelöst.
Götzl Wie war es am 4. April 2006?
Gamze Kubaşık Ich war in der Schule, die Schwester meiner Mutter aus London war zu Besuch. Ich habe meinen jüngsten Bruder in den Kindergarten gebracht.
Götzl Wie war der Laden zugänglich?
Gamze Kubaşık Für einen Kiosk war das ein großer Laden, eher eine Trinkhalle. Kunden konnten reinkommen, rechts war der Tresen, wo unsere Kasse stand. Hinter der Kasse standen die Zigaretten. Links die Getränke. Vor der Kasse waren Chips und Süßigkeiten. Ab 22 Uhr haben wir den Kiosk abgeschlossen, danach haben wir über das Verkaufsfenster verkauft. Da gab es auch eine Klingel.
Götzl Gab es eine Überwachungsmöglichkeit?
Gamze Kubaşık Ja, aber mein Vater hat die ausgemacht.
Götzl Die Person Ihres Vaters würde mich interessieren. Wie lange hat er gearbeitet?
Gamze Kubaşık Mein Vater hatte ein, zwei Jahre vor seiner Ermordung einen Schlaganfall. Davor hat er als Lieferant bei einer Dönerproduktion gearbeitet, das konnte er dann nicht mehr machen. Er war ein Jahr in Behandlung und dann arbeitslos. Dann hat er den Kiosk übernommen.
Götzl Wie setzt sich die Familie zusammen?
Gamze Kubaşık Ich habe zwei jüngere Brüder, die 13 und 18 Jahre alt sind. Der Ältere macht eine Ausbildung, der Kleine ist in der Realschule.
Götzl Wie haben sie die Tat wahrgenommen?
Gamze Kubaşık Mein jüngster Bruder hat nicht viel mitbekommen, weil er damals noch so klein war. Die Erzieherin im Kindergarten sagte ihm, sein Vater sei im Himmel. Weil er so viel gefragt hat. Mein anderer Bruder, mit dem war es etwas schwieriger. Nach dem Mord bekam er Probleme in der Schule. Er hat gesagt, dass ein Mitschüler meinte, er solle ihn nicht anfassen, weil wir keine gute Familie sind. Dein Vater nimmt Drogen, deine ganze Familie nimmt Drogen, sagte der Mitschüler.
Götzl Wie erging es Ihnen?
Gamze Kubaşık (mit belegter Stimme) Für mich war es am schlimmsten. Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Vater, enger als zu meiner Mutter. Es fing an, dass ich Gerüchte hörte. Leute haben getuschelt: Seht mal, die Tochter, ihr Vater wurde erschossen, der hat Drogen an Kinder verkauft. Eine Frau sagte: Seine Kinder sollen genauso enden. Es war wie eine Verfluchung, dass wir auch drogenabhängig werden.
Ich habe meinen Abschluss 2006 im Berufskolleg gemacht und dann eine Lehre bei Douglas begonnen, in Münster. Als ich im Zug nach Münster saß, hat alles an mir gezittert, Hände und Knie. Jeder im Zug war für mich verdächtig. Als wenn das die Mörder meines Vaters gewesen wären. Ich bin dann die ganze Nacht wach im Bett gelegen. (Knetet ihre Hände.) Ich habe die Ausbildung wieder aufgegeben, weil ich den Verlust meines Vaters nicht akzeptieren konnte.
Götzl Wie würden Sie Ihre heutige Situation beschreiben?
Gamze Kubaşık Ich gebe mich nach außen stark, innerlich sieht es ganz anders aus. Ich denke viel über meinen Vater nach. Über die Tat. Ich kann so gut wie gar nicht einschlafen. Ich habe das Haus nicht mehr verlassen, ich bin ein Jahr nicht mehr rausgegangen. Meine Mutter kann es bezeugen.
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