Auf mich machte Herr Gerlach einen zerrissenen Eindruck. Die Freundschaft zu Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt bedeutete ihm offensichtlich viel. Aber es war ihm bewusst, dass er durch Übergabe von Pass und Führerschein ihre Taten unterstützt hat. Er war deshalb aufgelöst, den Tränen nahe. Dann wieder ließ er an seiner Freundschaft keine Zweifel aufkommen.
Zur Sprache kam auch der letzte Besuch bei Gerlach im Sommer 2011, bei dem Zschäpe aber nicht dabei war. Er machte die Aussage, sie hätten sich den Kilometerstand seines Autos angesehen und sich lustig darüber gemacht, dass man mit so einem Auto noch in Urlaub fahren kann.
Götzl Wen meinen Sie mit »sie«?
Horst H. Böhnhardt und Mundlos, die beiden Herren.
Götzl Woraus entnehmen Sie, dass Frau Zschäpe nicht zugegen war?
Verteidigerin Sturm Was soll diese Frage bezwecken?
Götzl Sie müssen nichts befürchten. Ich will nur wissen, wer »sie« waren. Und ob das nur ein Rückschluss des Zeugen war. Damit würde ich mich nicht zufriedengeben.
Horst H. Darf ich jetzt? Ich weiß ja nicht, wann Sie fertig sind. (Pause.) Es waren nur die beiden Herren.
(Polizeihauptkommissar Herbert M. betritt als nächster Zeuge den Gerichtssaal. Es geht um den Mord an Abdurrahim Özüdoğru in Nürnberg.)
Herbert M. Ich habe Frau P. im Mordfall Özüdoğru vernommen. Ich kann mich gut dran erinnern, es war der 30.4.2007. Frau P. war am Tattag, dem 13. Juni 2001, zu Hause, hörte zwei Schüsse. Sie hat sich daraufhin bei der Polizei vorgestellt. 2007 sollte der Fall noch mal überprüft werden. Ihr wurden Lichtbilder vorgelegt, auch vom Verfassungsschutz-Mann Temme aus Hessen. (Verfassungsschützer Andreas Temme war während des Mordes an Halit Yozgat am 6. April 2006 in Kassel am Tatort.) Ich bin mit Kollegen zu ihr nach Hause gefahren. Sie sagte, sie war während der Tat in der Wohnung, das Fenster war auf, gegen 16.30 Uhr. Bei der Vernehmung im Jahr 2001 hatte sie gesagt, sie habe in dem Wohnzimmer Staub gewischt und aus dem Fenster geschaut. Sie war sicher, zwei Schüsse gehört zu haben. Damals hatte sie gesagt, sie kenne den Täter, weil sie ihn im Streit mit dem Schneider gesehen hat. Sie hat sich bei der Bildvorlage auf eine Person festgelegt, wollte aber einen Dreitagebart hinmalen. Ich habe ihr einen Bleistift gegeben. Es war aber nicht Herr Temme, sondern eine Vergleichsperson. Sie war der Meinung, dass Özüdoğru etwas mit Rauschgift zu tun hat. Es gab öfter junge Leute, die bei ihm vorbeikamen.
2012 wurde Frau P. dann noch mal aufgesucht. Ihr wurden Lichtbilder von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe vorgelegt. Da sagte sie, Mundlos sei der Mann, von dem sie ein Phantombild habe machen lassen. Auch Zschäpe habe sie gesehen, eine blonde Barbiepuppe, wie sie sich ausdrückte. Sie seien in das Zeitschriftengeschäft ein paar Häuser weiter gegangen. Wir hatten aber keine Erkenntnisse, dass eine Frau und ein Mann das Zeitschriftengeschäft betreten hätten.
Anwalt Erdal Was ist das Besondere an der Barbiepuppe? Sehen Sie sich den gesamten Saal an und sagen Sie, hier sind ja sehr viele Frauen, welches Gesicht einer Barbiepuppe ähnlich ist?
Götzl Können Sie mir den Zusammenhang dieser Frage erläutern?
Anwalt Erdal Das Gesicht der Angeklagten Zschäpe hat mit einer Barbiepuppe sehr große Ähnlichkeit, wenn sie das Haar nach hinten gebunden hat. Schmales Gesicht, schmale Lippen. (Zschäpe lacht aus vollem Hals.)
Götzl Darf ich Sie erinnern, dass diese Zeugin auch gesehen haben will, wie der Tote in der Wohnung lag? Und dass das gar nicht möglich war.
Anwalt Erdal Es kann sein, dass sich die Zeugin in einigen Punkten geirrt hat.
Götzl Okay, dann hat sich die Frage erledigt.
24. Juli 2013
Manfred Götzl, Richter. Olaf B., 44, Nachbar von Beate Zschäpe in der Zwickauer Frühlingsstraße 26. Ronny B., Polizeibeamter aus Zwickau. Thomas R., 52, Kriminalhauptkommissar beim Landeskriminalamt Sachsen. Nadine R., 31, Kosmetikerin aus Zwickau. Anette Greger, Vertreterin der Bundesanwaltschaft. Carsten Ilius, Seda Başay, Sebastian Scharmer, Reinhard Schön, Anwälte der Nebenklage.
Götzl Herr B., es geht uns um Ereignisse am 4.11.2011 und davor. Vielleicht erzählen Sie mal, wie Sie gewohnt haben.
Olaf B. Was soll ich da erzählen? Ich habe in der Frühlingsstraße 26 gewohnt, im Dachgeschoss links. Mein unmittelbarer Nachbar war Lutz W., eine Etage tiefer wohnte die Frau Erber. Im Erdgeschoss war das Geschäft Schlecker, drüben im anderen Eingang war die Taverne. Über der Gaststätte war es leer, im Dachgeschoss wohnte der Herr K.. Circa ein Jahr später ist, tja, eine Frau eingezogen mit zwei Männern, die haben aus zwei Wohnungen eine Wohnung gemacht. Das war’s.
Götzl Hatten Sie Kontakt zu den Personen?
Olaf B. Ich geh früh aus dem Haus und komme abends wieder. Ich hatte nur zu der Frau Kontakt, dass man sich ein bisschen unterhalten hat, zu den Männern weniger, guten Tag und guten Weg, mehr kann ich dazu nicht sagen.
Götzl Was können Sie über die Frau sagen?
Olaf B. Was hab ich über sie erfahren? Wie sich jetzt herausgestellt hat, war’s ein falscher Name. Aber zu dem, was ihr hier vorgeworfen wird – da muss ich leider passen.
Götzl Unter welchem Namen hat sich die Frau Ihnen vorgestellt?
Olaf B. Susann Dienelt.
Götzl Wie häufig hatten Sie Kontakt zu ihr?
Olaf B. Wenn ich am Wochenende hinterm Haus war, mal ein kurzes Schwätzchen, über Gott und die Welt.
Götzl Wissen Sie noch etwas genauer, über was Sie geredet haben?
Olaf B. Herr Richter, das ist ein, zwei Jahre her. Ich hab null Ahnung. Bei der Fußball-WM hab ich den Fernseher rausgeholt, da saßen die Nachbarn und schauten, sie hat uns eine große Pizza runtergebracht, als nachbarschaftliche Geste.
Götzl Wurde darüber geredet, eine Frau und zwei Männer?
Olaf B. Einer soll ihr Freund gewesen sein und der andere der Bruder vom Freund. Das hat plausibel geklungen.
Götzl Können Sie die beiden mal beschreiben?
Olaf B. Weniger. Die sind viel Fahrrad gefahren. Alle drei, die hatten kein eigenes Auto, erledigten alles mit Fahrrädern. Sie ist auch viel gejoggt. Die Männer haben »Glückauf« gesagt und sind in den Keller mit ihren Fahrrädern. Die lässt man nicht stehen, sonst sind die weg.
Götzl Hat sie berichtet, was die beiden Männer beruflich machen?
Olaf B. Die beiden würden Fahrzeugüberführungen machen, deswegen würden auch öfter fremde Fahrzeuge hinterm Haus stehen. Sie selbst würde von zu Hause vom Computer aus arbeiten, sie sei fast ständig zu Hause. Klang auch plausibel.
Götzl Welche Fahrzeuge standen da hinterm Haus?
Olaf B. Wohnmobile, VW-Busse.
Götzl Hatten Sie sehr schnell Kontakt zu der Frau?
Olaf B. Ja, sie hat sich selbst vorgestellt. Das ist bei uns halt so, dass man sich gegeneinander vorstellt.
Götzl Und die anderen zwei? Haben sich die auch vorgestellt?
Olaf B. Nein, gar nicht.
Götzl Waren Sie mal in der Wohnung?
Olaf B. Nein, nie.
Götzl Haben Sie auch mal einen Pkw gesehen?
Olaf B. Immer dann, wenn die Angeklagte Besuch bekommen hat. Es kamen öfter ein junger Mann und eine junge Frau mit zwei Kindern, meist am Donnerstag. Ein Nachbar hat immer gesagt: Donnerstag ist Badetag, die Kinder sind da. (Es handelt sich um den Angeklagten André Eminger, seine Frau und seine Kinder.)
Götzl Haben Sie sie gesehen?
Olaf B. Ja, flüchtig.
Götzl Über was haben Sie mit Frau Zschäpe gesprochen?
Olaf B. Ja, dass sie auf Urlaub auf der Insel Fehmarn waren.
Götzl Haben Sie Einzelheiten erfahren?
Olaf B. Nur, dass der Urlaub schön war. Fotos hat sie keine gezeigt.
Götzl Wer war dabei?
Olaf B. Wenn, dann sind sie alle drei gefahren. Klamotten rein, Fahrräder rein, Surfbretter rein ins Wohnmobil. Das klang alles plausibel. Ich hab andere Dinge im Kopf, ich muss meine Firma am Laufen halten.
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