8 Uhr
Saubermachen
Wer macht den Dreck weg? – İlker Aslan, der Bosporus-Reiniger
Sie kommen früh, denn wenn die Menschen den Dreck sehen, dann heißt es gleich wieder: Ihr arbeitet nicht! Dann sind sie schuld und nicht die, die den Dreck machen. Ein Stück Papier, eine Plastiktüte, achtlos auf einer Parkbank hinterlassen, und der Wind weht alles ins Meer. »Die Wellen nehmen es mit, es schwimmt überall.« İlker Aslan streicht seine feuerrote Krawatte auf der blütenweißen Hemdbrust glatt.
»Director of Marine Services« steht auf seiner Visitenkarte, links oben eingedruckt das Wappen der Stadtverwaltung, in Blau und Weiß, den Farben von Himmel und Wasser. Die Karte ist in Türkisch und Englisch. Auch das ist eine Botschaft. Wer für die Sauberkeit von 550 Kilometern Küste in Istanbul zuständig ist, der kann sich nicht den Luxus leisten, nur auf die Stadt zu schauen. Denn der Dreck und die, die ihn verbreiten, haben viele Nationalitäten. Tausende Tanker mit schwarzem Öl in ihren Riesenbäuchen und Containerfrachter mit haushohen Aufbauten fahren jedes Jahr durch den Bosporus. Sie sollten dies möglichst spurlos tun. Aber so ist es nicht immer. »Wenn sie hier illegal Abfälle oder Öl entsorgen, dauert es höchstens eine halbe Stunde, dann sind wir da«, sagt Aslan.
Sie haben schnelle Patrouillenboote, »wie ein Ferrari«. Mit denen können sie die Umweltsünder verfolgen. »Dann gibt es hohe Strafen, bis zu zwei Millionen Lira.« Um die 200.000 Euro. »Viele rufen uns dann an, sagen, dass wir nicht so viel Geld verlangen sollen, aber sie bekommen ihre Strafe.« Vor Aslans Bürofenster breitet sich das Istanbuler Häusermeer aus, das Verwaltungsgebäude aus Glas und Beton ist von Schnellstraßen umgeben, nicht von Schifffahrtsrouten. Dennoch hat Aslans Büro etwas von der Kommandozentrale eines Kapitäns. Eine Landkarte bedeckt fast eine ganze Wand, mit viel hellem Blau im Norden und im Süden, dort, wo sich Schwarzes Meer und Marmarameer befinden. Dazwischen liegt wie ein breiter Gürtel die Istanbuler Landmasse, getrennt durch einen schmalen Riss. Das ist der Bosporus. Gut dreißig Kilometer lang. Nimmt man ein wenig Abstand von der Karte, sehen die beiden Landmassen entlang der Wasserstraße aus wie zwei Riesenfischköpfe, die sich gegenseitig belauern. Man erkennt aber auch, dass die zwei Küstenlinien perfekt ineinanderpassen würden, so als seien Europa und Asien vor Tausenden von Jahren an dieser Stelle sauber auseinandergebrochen. Weit entfernt voneinander haben sie sich nicht: Der Bosporus ist zwischen 700 und 2500 Metern breit, und voll gezackter Kurven. Zwölfmal müssen die Schiffe bei der Passage durch die Meerenge ihren Kurs ändern, einmal um 45 Grad.
Aslan zeigt mit einer Handspanne auf der Karte Entfernungen an und folgt mit den Fingern den Küstenlinien. Von der östlichen Stadtgrenze bei Tuzla auf der asiatischen Seite des Marmarameeres bis hinein in die Stadt, zum historischen Bahnhof Haydarpaşa, einst Ausgangspunkt der Anatolischen Eisenbahn und heute stillgelegt, weil die Hochgeschwindigkeitszüge nach Ankara neue Gleise haben. Dann springt Aslan auf die europäische Seite des Meeres, setzt die Hand in Silivri an, dort, wo das zu trauriger Berühmtheit gelangte Gefängnis liegt, und lässt seine Finger schließlich auf dem Topkapı-Palast ruhen. »Wir sind rund um die Uhr beschäftigt, wenn wir uns zurücklehnen, schaffen wir unsere Arbeit nicht.«
Noch ein schneller Sprung auf der Karte ans Schwarze Meer, und zurück geht es mit dem Zeigefinger durch den Bosporus bis zum Goldenen Horn, um die 550 Kilometer Küste einmal ganz zu bewältigen. Das Goldene Horn hängt wie ein gebogener Wurmfortsatz am Südende des Bosporus. Die Istanbuler nennen den Wasserarm Haliç , also Bucht oder Mündung, weil hier zwei Flüsse in einem gemeinsamen Delta in den Bosporus münden. In den goldenen Zeiten des Byzantinischen und des Osmanischen Reichs hatte das sieben Kilometer lange Wasserhorn als natürlicher Hafen große Bedeutung. Im 20. Jahrhundert war es lange Zeit nur eine Kloake, das Wasser stank bestialisch. Inzwischen sind die Industriebetriebe am Ufer verschwunden, es gibt Grünanlagen, Picknick- und Kinderspielplätze. In der 1455 auf Befehl von Sultan Mehmed II. errichteten Haliç-Werft werden keine Kriegsschiffe mehr gebaut, sondern nur noch die alten Bosporus-Fähren aufgebockt und gewartet.
Nicht weit von der Werft entfernt machen jene Schiffe fest, über die İlker Aslan das Kommando führt. Sie scheinen auf dem Meer zu schweben, wie große Insekten. Statt eines Bugs haben sie blaue Schaufeln. Aslan tippt auf seinem Computer ein Video an, es zeigt, wie so ein Müllsammelschiff den auf dem Wasser schwimmenden Dreck abfischt. Ein Dutzend Saubermannschiffe hat seine Behörde, sie werden in der Türkei gebaut. Aslan hätte gern noch mehr. »Wir haben auch Drohnen und über neunzig Kameras, mit denen wir die Küsten beobachten.« Für das Drohnen-Projekt habe die Stadt 2020 eine europäische Auszeichnung bekommen. Aslan ist stolz darauf. Und was holen sie nicht alles aus dem Wasser! Plastikflaschen, Verpackungen, Riesenhaufen, wenn man alles zusammenschiebt. »Die Leute haben immer noch nicht gelernt, das Meer sauber zu halten. Sie werfen etwas auf die Straße und vergessen, dass der Wind es ins Wasser fegt.« Auch der Kunstdünger aus Gärten und Parks ist ein Problem. Der Regen trägt ihn ins Meer. »Organischer Dünger sinkt auf den Boden, Kunstdünger schwimmt.« Auf den Straßen, sagt Aslan, sei das mit dem Müllsammeln einfacher als im Meer. »Bei hohem Wellengang können wir nicht rausfahren.«
Also was tun?
Aslan sitzt jetzt kerzengerade hinter seinem Schreibtisch. »Es ist keine Lösung, wenn wir noch mehr arbeiten, die Menschen sollen weniger Schmutz hinterlassen.« Klingt schlicht, scheint aber schwer. »Umweltbewusstsein soll zu einer Kultur werden«, wünscht sich İlker Aslan. »In der Zeit der Pandemie mit all den Ausgangssperren war das Wasser auf einmal ganz klar, und wir haben wieder viel öfter Delfine im Bosporus gesehen.« Taucher fanden allerdings am Meeresgrund dann auch Maskenmüll und Plastikhandschuhe.
Bevor İlker Aslan im April 2020 Chef der Marine Services wurde, war er im Stadtteil Beylikdüzü für den Umweltschutz zuständig. Beylikdüzü liegt fast am Stadtrand, ist aber ziemlich bekannt geworden, weil hier die Karriere des Istanbuler Oberbürgermeisters Ekrem İmamoğlu begonnen hat. İmamoğlu von der säkularen Republikanischen Volkspartei, der CHP, war dort Stadtviertelbürgermeister. Er setzte sich 2019 in einer spektakulären Doppelwahl als OB der Sechzehn-Millionenmetropole durch. Ein Vierteljahrhundert hatten Recep Tayyip Erdoğan und die Konservativen die Macht in der Stadt. Im Rathaus von Istanbul hatte 1994 die Karriere des heutigen Präsidenten begonnen. Seine Partei sorgte dafür, dass die Kommunalwahl 2019 in Istanbul innerhalb von drei Monaten gleich zweimal stattfinden musste. Das erste Ergebnis ließ Erdoğan anzweifeln. Da war der Vorsprung von İmamoğlu noch seidenfadendünn. Erdoğan gab erst klein bei, als İmamoğlu beim zweiten Mal mit einem Abstand von 800.000 Stimmen uneinholbar vorne lag. Ein Erfolg ohne Beispiel, an dem auch eine rechtsliberale Partei und die linke prokurdische HDP mitwirkten. İlker Aslan nennt İmamoğlu »Ekrem Bey«, Herr Ekrem. Im Türkischen klingt das sowohl vertraut wie ehrerbietig. »Ekrem Bey hat mir gesagt, ich brauche dich.« Der OB suchte einen Saubermann, auf den er sich verlassen konnte, und je länger man Aslan zuhört, desto besser versteht man, dass es hier um mehr geht als um das Wegräumen von Plastikflaschen. Eher um ein Großreinemachen.
Ist ja eigentlich auch klar. 25 Jahre Vorherrschaft einer einzigen Partei gehen an keiner Verwaltung spurlos vorüber. Da gibt es Seilschaften und politische Gefälligkeiten, zumal wenn der mächtigste Mann im ganzen Land auch in der Stadtverwaltung Hinz und Kunz kennt. Gewöhnlich sitzt die Regierung in Ankara ohnehin am längeren Hebel, sie kontrolliert die großen Geldströme. So musste İmamoğlu gleich nach der Wahl feststellen, dass die Staatsbanken der Stadt selbst für »tägliche Routinebedürfnisse« keine Kredite mehr gewähren wollten. Der OB fand zur Fertigstellung bereits begonnener U-Bahn-Strecken dann Unterstützung bei europäischen Banken.
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