Manchmal meine ich, dass ich heute sowohl Heli, als auch Timo und Fini ein wenig verkörpere. Je weiter ich meinen Mann und meine Kinder in mich hineinnahm, umso unschärfer wurde der Kontakt im Außen. Heli, Timo und Fini sind heute kein direktes Gegenüber mehr, eher ein Teil von mir. Wenn ich an sie denke, schaue ich nicht mehr nach außen. Diese Erkenntnis macht es mir auch leichter zu akzeptieren, dass viele meiner Erinnerungen langsam, aber sicher, verblassen. Die meisten Bilder, die ich von meinen Kindern noch im Kopf habe, gleichen den Fotos, die in meinem Album kleben. Standbilder ohne Bewegung. Die täglichen Sätze, die Rituale, die immer gleichen Dialoge verblassen und werden durch die täglichen Bausteine meines neuen Lebens ersetzt. Aber die Essenz dessen, was war, das Destillat der drei Seelen, habe ich zutiefst verinnerlicht. Das kann ich nicht mehr verlieren, nie mehr.
Heli ist für mich so etwas wie ein himmlischer großer Bruder. Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass er über mich wacht. Vielleicht erkennt er größere Zusammenhänge. Ich sehe es als Ehre, meinen irdischen Teil der Aufgabe zu erfüllen, die wir gemeinsam übernommen haben; mitzuteilen, dass der Tod keinen Schrecken haben muss und Tod und Leben kein Widerspruch sind, sondern nur zwei Seiten der gleichen Medaille.
Manchmal habe ich das Gefühl, Heli und ich sind wie zwei Spieler eines Teams, die einander den Ball zuwerfen. Er ist wie mein Mentor, der mich von himmlischer Seite aus begleitet. Es ist vergleichbar mit einer guten Freundin, die weit weg wohnt, mit der man nicht einmal telefoniert, und die trotzdem sehr präsent ist.“
Was half ihr, mit diesem großen Verlust umzugehen?
„Mein gesamtes Leben brach in einem Moment unter meinen Füßen weg. Zunächst einmal passte ich auf mich auf, als wäre ich neu geboren. Ich wurde mir selbst zu der Mutter, die ich vorher für meine Kinder gewesen war. Mein Grundsatz war: „Pass auf dich auf und lass es dir möglichst gut gehen. Nur so kannst du überleben.“ Ich scannte fast analytisch ab, was ich gerade brauchte oder was mir guttat. Bewusst suchte ich nach kleinen Strohhalmen, zum Teil banale Kleinigkeiten. Wenn ich mich zudeckte, ließ ich bewusst die Empfindung zu, wie weich die Daunendecke war. „Alles ist gut, es gibt noch Daunendecken auf dieser Welt oder Wärmflaschen, und Menschen, die mir zulächeln.“ Ich lächelte oft Menschen einfach an und sagte mir: „Es ist alles gut, ich werde geliebt, auch hier auf dieser Welt.“
Auch im Schmerz war es hilfreich, ganz genau hinzusehen: Wen vermisse ich gerade am meisten? Was an ihnen fehlt mir gerade so sehr, dass es schmerzt? Wie kann ich es mir auf anderem Weg verschaffen? Ich dröselte dieses „Ich vermisse...“ immer wieder auf und schaute, welche Komponente gerade den meisten Schmerz hervorrief. Wenn ich vermisste, wie wir zusammen gesungen hatten, sagte ich mir: „Gut, dann singe ich jetzt einfach“, oder ich suchte mir irgendeine Gelegenheit, wo ich wieder singen konnte, vielleicht auch mit anderen. Wenn mir Timos kindlicher Humor fehlte, fuhr ich zu Kindern, die ich lustig fand. So lernte ich, was ich wirklich vermisste, und erkannte, dass ich mir meine Bedürfnisse auch auf andere Art erfüllen konnte.
Ein großer Wunsch ließ sich jedoch nicht so leicht erfüllen: Ich wollte unbedingt wieder Mutter sein, am besten ganz schnell. Die Sehnsucht nach einem Kind war viel früher da als der Wunsch nach einem neuen Partner. Ich dachte mir allerlei skurrile Dinge aus, wie ich möglichst schnell zu einem Kind kommen könnte. Heute bin ich froh, dass es Schranken gibt und ich nicht einfach auf die Samenbank laufen und ein Kind ohne Vater kaufen konnte.“
Schon vier Monate nach dem Tod ihrer Familie lernte sie Ulrich, einen bekannten österreichischen Schauspieler, kennen und lieben. Manche freuten sich mit ihr, andere waren entsetzt.
„Der Wunsch nach einem Kind brachte mich dazu, mich bald wieder für die Möglichkeit eines neuen Partners zu öffnen. Darüber redete ich innerlich oft mit Heli. „Sag, was hältst du davon?“ Ich war sicher, dass es auch in seinem Sinn war. Wenn er letzte Worte gehabt hätte, hätte er wahrscheinlich gesagt: „Bitte lass es dir gut gehen.“ Wenn ich ihn gefragt hätte: „Soll ich alleine bleiben?“, hätte er sicherlich gelacht: „Bist deppert?“ Prinzipiell war ich also bereit für einen Partner. Die, die richten: „Du kannst dich doch nicht gleich wieder neu verlieben!“, blenden oft diese handfesten, lebenspraktischen Aspekte aus. Der Mensch ist nicht zum Alleinsein geboren.
Eines Tages stellte meine Freundin mir einen Freund vor: Ulrich. Sie hatte schon einige Zeit das Gefühl, dass wir zueinander passen könnten. Für mich war es zum zweiten Mal in meinem Leben Liebe auf den ersten Blick. Für Ulrich war es ein wenig anders. Er war zunächst sehr vorsichtig, hatte großen Respekt vor meiner Situation und wollte nichts überstürzen, was mir vielleicht wehtun würde. Schließlich, am Abend nach unserem ersten Kuss, kam plötzlich bei mir Verwirrung auf. Ich war nachts allein zu Hause und sprach mit Heli. „Du bist ja auch noch da, auch wenn du unsichtbar bist. Wo bist du, wenn ich gerade mit Ulrich zusammen bin und ihn küsse? Bist du dann bei uns? Störst du, oder stören wir dich? Und wo ist Ulrichs Platz, wenn ich mit dir, Heli, wie jetzt alleine zu Hause bin und rede?“
Ich kritzelte diese Fragen in mein Tagebuch und begann, vor mich hin zu malen. Ein Dreieck – unten Barbara, oben Heli und Ulrich, jeweils mit mir verbunden. „Was kann ich nur tun, damit es mich nicht in dieser Liebe zu beiden zerreißt?“ Die Lösung fand ich auf dem Papier. Ich musste auch Heli und Ulrich durch eine Linie verbinden. „Wenn Ulrich Heli lieben kann und ich das Gefühl habe, dass auch Heli Ulrich liebt, könnte es funktionieren. Nur dann.“ Ich habe das große Glück, dass Ulrich viel für Heli empfindet. Er sagt oft, dass er Heli wie einen Bruder liebt.
Dass unsere Beziehung so kurze Zeit nach Helis Tod überhaupt eine Chance hatte, lag wahrscheinlich weniger an mir als an Ulrich. Er sperrte Heli, meine Kinder und selbst den Tod nicht aus. Ich rechnete immer damit, dass mir Ulrich irgendwann im Streit an den Kopf werfen würde: „Ich bin nicht der Heli!“ Bis heute warte ich auf diesen Satz. Was ich immer wieder höre ist: „Jetzt geht es mir mit dir genauso, wie es Heli gegangen sein muss.“ In dieser Aussage steckt viel Liebe zu Heli und zu mir. Ich habe bemerkt, dass mit Ulrich ähnliche Beziehungsthemen auf dem Tisch liegen wie mit Heli.
Manchmal habe ich das Gefühl, als wäre mir Ulrich von Heli geschickt worden, damit ich da weiterüben kann, wo wir stehengeblieben waren. Gleichzeitig merke ich, dass ich durch den Tod von Heli reifer geworden bin. Ich muss nicht mehr um jeden Preis recht behalten, vor allem nicht um den Preis des liebevollen Umgangs miteinander.
Die beiden sind sich in vielen Bereichen sehr ähnlich, auch wenn die Art des Zugangs ein wenig anders ist. Heli war Clown, Ulrich ist melancholischer. Es ist mir trotzdem wichtig, die beiden nicht zu sehr in einen Topf zu werfen.“
Der Tod ihrer Familie veränderte ihr ganzes Leben. Nichts ist mehr wie früher.
„Ich vergleiche das, was mir passiert ist und was es aus mir gemacht hat, manchmal mit einer Art Behinderung, die ich immer noch mit mir herumtrage, die aber für andere nicht sichtbar ist. Meine Behinderung ist der Tod meiner Familie. Es fühlte sich zunächst wirklich fast so an, als seien mir drei Gliedmaßen amputiert worden. Nur saß ich eben nicht im Rollstuhl, sondern wirkte nach außen ganz unversehrt. Das war manchmal ein Problem (und vielleicht ist das der Grund, warum Trauernde Schwarz tragen – als äußeres Erkennungsmerkmal für das, was innen schmerzt). Ich habe neulich einen Mann kennengelernt, der einen Schlaganfall hatte und nun halbseitig gelähmt ist. Vieles kann er aufgrund seiner Behinderung nicht mehr machen. Und doch hat er mit dem, was geschehen ist, Frieden geschlossen. Er machte eine große persönliche Wandlung durch und sagt heute sogar: „Ich bin so froh, dass mir das passiert ist.“
Читать дальше