Ernst Guggisberg - Pflegekinder

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In der Schweiz entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf private Initiative hin Vereine mit Bildungszweck; in den Kantonen Aargau, Basel-Land, Solothurn und Thurgau wurden sie Armenerziehungsvereine genannt. Durch Fremdplatzierung in «rechtschaffenen» Pflegefamilien und Anstalten wollten sie «verwahrloste» Kinder nicht nur versorgen, sondern auch erziehen und so einen Beitrag zur Überwindung von Armut leisten.
Ernst Guggisberg legt in seiner Studie dar, welche Bedeutung die Armenerziehungsvereine als Vertreterinnen der privaten Armenpflege in der schweizerischen «Fürsorgelandschaft» hatten und in welchem Verhältnis sie zur öffentlich-rechtlichen Armenpolitik standen. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag zur historischen Armutsforschung, der ausserfamiliären Erziehung und bietet eine weitere Perspektive zur aktuellen Diskussion um Verdingkinder und weitere Formen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen.

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In Gedenken an Lina Louisa SteineggerBachmann Abbildung - фото 1 In Gedenken an Lina Louisa SteineggerBachmann Abbildung 1 Das Bild wurde - фото 2

In Gedenken an Lina Louisa Steinegger-Bachmann

Abbildung 1 Das Bild wurde erstmals als Titelseitenvignette des Jahresberichts - фото 3

Abbildung 1: Das Bild wurde erstmals als Titelseitenvignette des Jahresberichts des Basellandschaftlichen Armenerziehungsvereins [Blätter des Vereins, Nr. 1 vom März 1870] über das Jahr 1870 verwendet. Das Sujet wurde von Martin Birmann (1828–1890) in Auftrag gegeben, wie dessen Witwe zu berichten wusste: «Mein Mann liess seiner Zeit das Cliché für das Bild des A.E.V. Berichtes erstellen u. hatte bei dem jeweiligen Erscheinen des Berichtes seine Freude daran.»

Nicht sollen mehr verstossen und verlassen

Verarmte Kinder sich ihr Brod erfleh’n;

Nicht mehr zerlumpt und hungrig durch die Gassen

Von Haus zu Haus Almosen suchend geh’n.

Wir nehmen bei der Hand die armen Kleinen;

Bald findet sich ein neues Elternhaus.

Die Waise sieht die Sonne wieder scheinen

Des Elends Spuren löschen wieder aus.

Wenn auch das junge Herz vor Gram noch blutet

Und oft in Thränen schwimmt der scheue Blick;

Wenn bei des Tages Neige unvermuthet

Schwermüthige Erinn’rung kehrt zurück;

Da wird der Pflegemutter zartes Fühlen

Wohl des Gemüthes stilles Weh verstehn,

Wird liebevoll die alte Wunde fühlen,

Und Muth und Hoffnung neu erstehen sehn.

Wo Eltern selbst die Pflichten schwer verletzen,

Im Kinde nur des Bettels Werkzeug sehn,

Die Kinder selbst auf böse Wege hetzen,

Muss Strenge Hand in Hand mit Milde gehn

Da muss die Wohlthat sich ihr Recht erzwingen,

Da will das Gute aufgedrungen sein.

Und kämpfend nur kann man dort Hülfe bringen,

Dem Kinde kämpfend nur ein Retter sein.

Gedicht aus: Jahresbericht des Basellandschaftlichen Armenerziehungsvereins über das Jahr 1891, S. 4f. Das Gedicht wurde ohne Autorenschaft abgedruckt, höchstwahrscheinlich stammt es aus der Feder eines Vorstandsmitglieds.

Inhalt

Vorwort

Einleitung

Die Armenerziehungsvereine als Forschungsgegenstand

Quellenkorpus und Forschungslage

Qualitative und quantitative Inhaltsanalyse

Formen der institutionalisierten Fremdplatzierung in der Schweiz im 19. und 20. Jahrhundert

Die Fremdplatzierung Minderjähriger im Spiegel ausgewählter zeitgenössischer Überblickswerke

Entwicklung der offenen und geschlossenen Jugendfürsorge in der Schweiz

Rationalisierung der Fürsorge

Fremdplatzierung als Grundlage für eine erfolgreiche Erziehung

Statuten und Organisation der Armenerziehungsvereine

Gründungskontexte und Kurzporträts Vereinsgeschichten

Das Konzept der Fremd-Erziehung

Die «Versorgung» in der eigenen Familie als Alternative zur Fremdplatzierung?

Profil der Armenerziehungsvereine im kantonalen Kontext

Der Basellandschaftliche Armenerziehungsverein und die Legitimation der Vereinsarbeit

Die aargauischen Armenerziehungsvereine und die Ressourcenbeschaffung

Der thurgauische Armenerziehungsverein und der religiöse Erziehungsaspekt

Die solothurnischen Armenerziehungsvereine und die Identitätsfindung

Stationen der Fremdplatzierung aus Vorstandssicht

Die Suche nach «verwahrlosten» Kindern und «rechtschaffenen» Pflegeeltern

Die «Aufnahme»

Die «Platzierung(en)»

Die Inspektion

Die Berufsausbildung

Die «Entlassung»

Wahrnehmung der Vereinsarbeit innerhalb und ausserhalb des Vereins

Motive und Selbstwahrnehmung der Vereinsvorstände

Die Fremdplatzierung aus Perspektive der Pflegekinder und Ehemaliger

Die zeitgenössische Fremdwahrnehmung der ehrenamtlichen Vereinsarbeit

Schlussbetrachtungen

Die Deutschschweizer Armenerziehungsvereine als Gegenkonzept zur kommunalen Verdingung?

Von Armenerziehungs- zu Jugendfürsorgevereinen

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Bibliografie und Quellenverzeichnis

Abbildungen

Register der Organisationen

Personenregister

Vorwort

Seit 2007 setzte ich mich zuerst mit dem aargauischen Armenerziehungsverein des Bezirks Baden auseinander, anschliessend auch mit den Vereinen in den benachbarten Kantonen. Die Erarbeitung des Konzepts, die Suche nach Vereinsarchiven und die mehrjährige Quellenauswertung, die Arbeit am Typoskript, insbesondere aber auch Vorträge und Diskussionen führten mich mit interessanten Menschen zusammen, denen ich an dieser Stelle meinen innigsten Dank aussprechen möchte und ohne deren Begleitung die Fertigstellung dieses Buches nicht möglich gewesen wäre.

In erster Linie danke ich Professor Josef Mooser für seine Bereitschaft, die Dissertation als Erstgutachter zu begleiten, für sein Interesse und seine wertvollen Anregungen. Die Gespräche schärften meinen Blick auf die Quellen und regten zu neuen Betrachtungsweisen an. Die vorliegende Dissertation der Universität Basel ist Ergebnis eines mehrjährigen Prozesses, an dem er sich engagiert und kontinuierlich mit seiner langjährigen Erfahrung und seinem immensen Wissen beteiligte. Meine Wertschätzung möchte ich ferner Professor Markus Furrer ausdrücken, der die Dissertation als Zweitgutachter betreute. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Fremdplatzierung war umso spannender, als sie im interdisziplinären Austausch mit Forschungskolleginnen und -kollegen stattfand. Auf Initiative von Dr. Loretta Seglias und Dr. Marco Leuenberger wurde das «Kolloquium Fremdplatzierung» ins Leben gerufen, an dessen Tagungen die Spannweite der Forschungsarbeiten vor Augen geführt wurde. An der Tagung lernte ich Katharina Brandes, M.A., von der Universität Trier kennen, deren Dissertationsprojekt über Kinderarmut und Kinderfürsorge in Hamburg spannende Parallelen zu dem meinigen aufwies. Sie schlug die Brücke zum «Sonderforschungsbereich 600 Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart» und ermöglichte mir die Teilnahme an der Tagung «Poverty in Modern Europe. Micro-perspectives on the Formation of the Welfare State in the 19th and 20th Centuries» unter der Leitung von Professor Andreas Gestrich und Professor Lutz Raphael im German Historical Institute in London, wo ich mein Forschungsthema einem internationalen Publikum näherbringen durfte. Neben ihr gilt mein Dank auch Dr. Beate Althammer und Tamara Stazic-Wendt, M.A., für die Betreuung und Redaktion des umfassenden Tagungsbands.

Meine Dankbarkeit möchte ich gegenüber den Vereinen und ihren Vorstandsmitgliedern ausdrücken, die mir nicht nur als Historiker, sondern auch als Archivar ihr Vertrauen entgegenbrachten. Ich erinnere mich gut daran, wie mich der letzte basellandschaftliche Armeninspektor, der mittlerweile verstorbene Kurt Lüthy-Heyer, am Liestaler Bahnhof persönlich abholte, mich auf dem Weg zur Birmann-Stiftung begleitete und – so schien es mir – mich währenddessen seinem prüfenden Blick unterzog. Es war sein Verdienst, dass es überhaupt noch ein auswertbares Vereinsarchiv gab, das ich archivisch erschliessen durfte. Das Sitzungszimmer der Birmann-Stiftung war über einen längeren Zeitraum mein «zweiter Arbeitsplatz», und die Gespräche mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bleiben mir in bester und dankbarer Erinnerung. Mein Dank gilt weiter dem Jugendfürsorgeverein Thal und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Oberamts Thal-Gäu, dem Jugendfürsorgeverein des Wasseramts, dem Kindes- und Erwachsenenschutzdienst des Bezirks Baden, den Jugendfürsorgevereinen Aarau, Bremgarten, Brugg und Zofingen und dem Verein für Erziehungshilfe des Kantons Thurgau. Das Einverständnis zur Akteneinsicht machte einen überkantonalen Vergleich überhaupt erst möglich.

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