In den Bezirken Kriegstetten und Bucheggberg initiierten dann die ansässigen Gemeinnützigen Gesellschaften die Gründung von Armenerziehungsvereinen. 260Während die kantonale Verwaltung die bestehenden Armenerziehungsvereine des Kantons Solothurn und die Gemeinnützigen Gesellschaften die Bildung von Armenerziehungsvereinen nach Kräften förderte, so wurde ein diesbezüglicher Einsatz bei der katholischen Geistlichkeit hingegen vermisst:
«An dieser edlen Aufgabe der Erziehung armer Kinder sollten alle Menschen, denen ein fühlendes Herz in der Brust sich regt, ohne Ansehen des religiösen & politischen Glaubensbekenntnisses nach Kräften mitarbeiten. Dass wollends ein ganzer Stand, der alle seine Tätigkeit in den Dienst der hilfsbedürftigen Menschen stellt, bis jetzt unsern Bestrebungen wenig Teilnahme entgegengebracht hat, ist im Interesse der guten Sache, tief zu bedauern: für das Fernbleiben der H. H. Röm. Kathol. Geistlicher lässt sich wohl kein vernünftiger Grund anführen.» 261
Es bleiben nur Spekulationen, warum sich die katholische Geistlichkeit am Vereinswesen nicht in gewünschtem Masse beteiligte. Vielleicht waren hier noch die Auswirkungen des Kulturkampfes spürbar, insbesondere in Olten, wo zudem die christkatholische Kirche ab 1875 ihre Synoden abhielt. Im Mai 1924 wandte sich der Amtsvormund der Stadt Olten anlässlich der Jahresversammlung an den Verein mit dem Anliegen, im Herbst eine Armenpflegekonferenz einzuberufen, «an welcher alle diejenigen Behörden u[nd] Vereine der Amtei vertreten sein sollten, die sich mit dem Armenwesen befassen». 262Zweck dieser Konferenz sei die Klärung wichtiger Fragen sowie die verbesserte «Fühlungsnahme unter den einzelnen Organisationen […], was zu einem guten Erfolg wesentlich beitragen müsste». 263Die Versammlung kam zum Schluss, dass neben der «Versorgung» Jugendlicher auch die «Altersasylfrage» behandelt werden müsse und darum auch das kantonale Armendepartement sowie das Oberamt vertreten sein sollte. Der Amtsvormund stellte dann den Antrag, der Vorstand möge das Departement des Armenwesens ersuchen, eine diesbezügliche Konferenz einzuberufen. Der Herbst verstrich ohne eine Armenpflegekonferenz, und erst über ein Jahr später erscheint dieselbe wieder in den Vorstandsprotokollen. Anscheinend wurde das Anliegen vom Armenerziehungsverein Olten-Gösgen in den Verband der Solothurner Armenerziehungsvereine portiert, der der Regierung zwar eine Eingabe gemacht hatte, 264jedoch wegen Krankheit des Regierungsrats Siegfried Emmanuel Hartmann (1871–1941) und den «Neuwahlen» hatte verschoben werden müssen. 265Die Armenpflegekonferenz fand schliesslich am 15. Mai 1926 statt, zur Diskussion kam eine «Instruktion und Belehrung über die Durchführung des kantonalen Armengesetzes und des Interkantonalen Konkordates betr. wohnörtliche Armenunterstützung». 266
Auch Amtsvormund Stilli war an der Jahresversammlung 1926 gegenwärtig. 267Mit dem Amtsvormund holte sich der Vorstand des Armenerziehungsvereins Olten-Gösgen einen offiziellen Vertreter der kantonalen Behörden ins Boot. Seine Äusserung über die Eignung der Pflegekinder zur Fabrikarbeit oder die Ausbildung zu Dienstmädchen steht im Grund genommen gegen die Praxis der Armenerziehungsvereine, die «ihre» Pflegekinder wegen moralischer Bedenken nicht in Fabriken arbeiten lassen wollten. Das Votum muss aber auch als Zeichen der Zeit gelesen werden, indem in den 1920er-Jahren das Handwerk ein eher unsicherer Sektor war und insbesondere wegen der Knappheit an Dienstboten Mädchen für sogenannte «grössere und kleinere Plätzchen» immer gesucht waren. Der Präsident ging dann auch entsprechend mit dem Amtsvormund einig. Beim zweiten Votum des Amtsvormunds sah es hingegen anders aus: Stilli berichtete über die Absicht der Stadt Olten, «ein eigenes Bürgerheim nach Möglichkeit dezentralisiert für wenige benachbarte Gemeinden gemeinsam» 268einzurichten. Hier erklärte der Präsident: «Bürgerheime sollten dagegen nach seiner Ansicht nicht allzusehr dezentralisiert werden. Er denkt dabei an die frühern berüchtigten Gemeindespittel.» 269
Dass die zweite Hälfte der 1920er-Jahre für den Verein eine Krisenzeit verkörperte, verdeutlicht die Erhöhung der Kostgelder: Einerseits versuchte der Vorstand damit den steigenden Lebenskosten Rechnung zu tragen, andererseits aber auch eine gewisse Attraktivität für Pflegeeltern und Gemeindebehörden zu bewahren. Mitgliederschwund insbesondere bei den als Kollektivmitglieder aufgeführten Gemeinden bewog den Armenerziehungsverein Olten-Gösgen zu einer vermehrten Mitgliederwerbung mittels Zirkularen. 2701928 fand in Zusammenarbeit mit dem Lehrergesangverein Olten-Gösgen in der christkatholischen Kirche in Olten ein Wohltätigkeitskonzert statt, dessen Reingewinn von 370.15 Franken dem Verein übergeben wurde. 271
Die schwierige Finanzlage blieb selbstverständlich auch während der Weltwirtschaftskrise ein beständiges Thema. Der Vorstand des Armenerziehungsvereins Solothurn-Lebern führte diese auf die «Nachwirkungen des grossen Weltkrieges von 1914–1918» zurück, der die «europäische Wirtschaft» erschüttert, den Kampf um die «Lebensexistenz» zu einer bisher unbekannten «Schärfe» gesteigert und zu einer politischen und wirtschaftlichen «Planlosigkeit» bei den Völkern geführt und dabei «Traditionen in Scherben» geschlagen habe. Ähnlich wie beim Ersten Weltkrieg forderte nun der Armenerziehungsverein den gesunden, auf «die opferwillige und nützliche Zusammenarbeit» ausgerichteten «Sinn des Schweizers», um den Schwachen zu helfen. 272
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