5. Für Menschen, die sich mit dem Enneagramm nicht ausführlich beschäftigen und es vorerst nicht als eine Hilfe zu persönlicher Entwicklung verstehen, würde die Ferntypisierung subtil für sie bedeuten, dass es zulässig ist, auch andere leichtsinnig typisieren zu dürfen. Denn die „Beschäftigung mit dem Enneagramm der Persönlichkeit ist nicht die Erlangung der Fähigkeit, die Charakterzüge anderer für bestimmte vordergründige Zwecke zu entdecken, sondern Ihr eigenes Leid zu verringern.“ 408
6. Falls die Enneagramm-Autoren lebendige Beispiele für die Enneagramm-Typen benötigen, dann wäre es erstrebenswerter, einzelne Personen zu Wort kommen zu lassen und über sich zu sprechen. In der Seelsorge könnte dies als Beispiel dafür verwendet werden, wie Menschen von den Erfahrungen und Zeugnissen ihrer Mitchristen eine Lehre für das eigene Leben erzielen können. Beispiele hierzu sind bei einigen Autoren zu nennen, etwa Exzerpte von Interviews z.B. bei Helen Palmer (Das Enneagramm) oder bei Riso/Hudson (Die Weisheit des Enneagramms). Ein konkretes Beispiel liefert Ebert, indem er sich auf die Erfahrungen einer Frau als Beispiel des eigenen Enneagramm-Typs bezieht. Indem Ebert sagt, in „vielem, was Felicitas erzählt, finde ich mich wieder. Auch mein Weg ist der Weg einer Zwei“ 409, zeigt er, dass man keine Prominente braucht, um an Beispiele für die Enneagramm-Muster zu kommen. Dadurch, dass er sich selbst mit den Erzählungen identifiziert und sein Enneagramm-Muster preisgibt, ist Beispiel dafür, so wie Grün vorhin, dass es genug Menschen gibt, die sich im Enneagramm typisiert haben und sich als „lebendige“ Beispiele „zur Verfügung“ stellen.
7. Ein weiteres Problem des Ferntypisierens besteht darin, dass ein Symbol oder eine Persönlichkeit als Sinnbild oder „Synonym“ eines Enneagramm-Musters erscheint. Ein Beispiel dafür ist das von Hitler und Deutschland als Erläuterung der Eigenschaften für Enneagramm-Muster Sechs, wodurch aber die anderen Facetten der Sechs in den Hintergrund rücken. Auch bei Rohr und Ebert kommt der Name Hitler an der Stelle, wo über Deutschland geschrieben wird. Unweigerlich tritt hier das Verbrechen des Nazi-Regimes in den Sinn, wodurch der Typ SECHS ein einseitiges Bild erhält. Als wahrscheinliche Folge kann es nicht überraschend sein, wenn Rohr/Ebert davon berichten, dass sie immer wieder bei Enneagramm-Workshops beobachten, dass es manchen Personen schwer fällt, sich als Enneagramm-Muster SECHS preiszugeben. 410Wie schon oben gezeigt, gibt es auch unter Enneagramm-Experten keine einheitliche Aussage darüber, welches Muster Hitler hatte. So versucht z.B. Werner Küstenmacher im „ Enneagram Monthly “ zu zeigen, dass Hitler nicht zu Muster SECHS, sondern VIER gehöre. 411Auch Brian Grodner behauptet, dass zudem Claudio Naranjo Hitler für Typ VIER halte. 412Anhand dieses Beispiels wird deutlich, dass die eben zitierten Autoren sich jedoch bei einem einig sind, nämlich dass kein Typ in sich schlecht oder gut ist. Jede Person hat das Potential, sowohl zum Guten als auch zum Schlechten. 413Auch [„Die] Erfahrung des Bösen verweist auf die Notwendigkeit von Solidarität, Vergebung und Versöhnung.“ 414
Als ein letzter Aspekt in der Abhandlung über die Typisierung wäre ein Fall zu nennen, den Seminaristen in einem Interview ansprachen. Sie berichten davon, dass ein Teilnehmer bei einem Enneagramm-Workshop gegen seinen Willen gezwungen worden sei, ein bestimmtes Enneagramm-Muster anzunehmen, das der Workshop-Leiter herausgefunden habe. 415
Hingegen berichtet Beate davon, dass sie versuche, den Personen, die sie typisiert, klar zu machen, dass sie nur einen Vorschlag macht – die Entscheidung, ob ein gewisses Muster richtig ist, liegt bei ihnen selbst. Auch sagt Beate, dass sie versuche, das Typisieren nicht als Diagnose zu benennen, sondern als Interview. 416Hier wird gezeigt, dass bei der Typisierung dem Typisierten Respekt erwiesen werden sollte und dass der Enneagramm-Experte nicht das letzte Wort hat.
Aus den zwei Beispielen wird deutlich, dass das Enneagramm in erster Linie ein Instrument für das eigene Entdecken der Persönlichkeit und darüber hinaus für den Wachstumsprozess ist. Respekt vor der Privatsphäre ist unabdingbar, wenn dem Menschen die Chance gegeben werden soll, sich auf ehrliche Weise mit sich zu beschäftigen und zu identifizieren.
2.5. Vergleichender Überblick der Enneagramm-Typen
Bevor die einzelnen Enneagramm-Muster umrissen werden, ist es an dieser Stelle angemessen zu zeigen, wie Enneagramm-Autoren die einzelnen Typen als Teil einer größeren Konstellation mit Berücksichtigung ihrer Besonderheiten hervorheben, zum Beispiel, dass alle Typen/Muster mit Angst zu tun haben. Jedoch wird bei jedem Muster die Angst anders wahrgenommen und bewältigt. In Fritz Riemanns Klassiker, „Grundformen der Angst“, geht er davon aus, dass Angst ein Grundbestandteil des Lebens ist und dass in der Geschichte der Menschheit erkannt werden kann, wie das Leben darauf basiert, entweder die Angst zu bewältigen, zu verhindern, zu überwinden oder zu binden. 417In seiner tiefenpsychologischen Auseinandersetzung der verschiedenen Angstformen zeigt Riemann, wie die persönliche „Angstausrichtung“ nicht nur das zwischenmenschliche Zusammenleben durchdringt, sondern auch welchen Einfluss dies auf das berufliche Leben haben kann. In Riemanns Schriften wird gezeigt, dass hinter jedem Dienst oder jeder Arbeit eine Persönlichkeit steht, die ihren Dienst im Rahmen der persönlichen Einstellung zum Leben (mit der jeweiligen Form der Angst) leistet. 418Diese Erkenntnis ist für diesen Teil der Arbeit insoweit wichtig, weil damit die Nützlichkeit der enneagrammatischen Arbeit für die Praxis analysiert werden kann, so wie bisher die Arbeit Riemanns auch in kirchlichen Rahmen Anwendung gefunden hat.
Im Folgenden wird ein Grundthema gewählt – in diesem Fall die Angst –, das alle Typen durchzieht, jedoch bei jedem Typ auf unterschiedliche Weise. Es wird verglichen, wie Maitri und Riso/Hudson die Typen in Bezug auf ihre Grundangst beschreiben. Hier ist zu bemerken, dass bei Enneagramm-Autoren nicht nur die Angst, sondern auch unterschiedliche Qualitäten für eine Differenzierung der Typen unter sich verwendet werden. So kann es sein, dass das Ideal-Ich (Selbstidealisierung), wie man sich gern sähe oder gesehen werden möchte, für alle Typen gemeinsam ist, jedoch hat jeder Typ ein bestimmtes eigenes Bild von sich. 419
Typ 1
„Wenn wir Angst haben, dass irgendetwas grundlegend falsch an uns ist oder dass wir so, wie wir sind, nicht gut genug sind, sind wir wahrscheinlich eine Eins.“ 420
„Angst, unvollkommen, unehrlich, schlecht oder böse zu sein.“ 421
Typ 2
„Wenn wir Angst vor Zurückweisung haben, Angst davor, bedürftig zu sein und nicht geliebt zu werden, sind wir wahrscheinlich eine Zwei.“ 422
„Angst, keine Liebe zu verdienen.“ 423
Typ 3
„Wenn wir Angst vor Misserfolg haben, sind wir wahrscheinlich eine Drei.“ 424
„Angst, nutzlos oder ohne innere Werte zu sein.“ 425
Typ 4
„Wenn wir Angst haben, verlassen zu werden, Angst vor unserer Traurigkeit und dem Gefühl von Verlorenheit, sind wir wahrscheinlich eine Vier.“ 426
„Angst, unbedeutend oder ohne Identität zu sein.“ 427
Typ 5
„Wenn wir Angst vor Verstrickungen haben und Angst davor, das, was wir haben, zu verlieren, sind wir wahrscheinlich eine Fünf.“ 428
„Angst, inkompetent, unfähig oder nutzlos zu sein“ 429
Typ 6
„Wenn wir andererseits bis zu einem gewissen Grad vor allem und jedem Angst haben, wenn die Angst selbst auf eine namen- und gesichtslose Art und Weise die treibende Kraft in unserer Psyche ist, dann sind wir wahrscheinlich eine Sechs.“ 430
„Angst, ohne Anleitung oder Unterstützung zu sein.“ 431
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