Als vierte Variante verweisen Fudjack und Dinkelaker auf einen Beitrag von Kathy Hurley und Ted Dobson in der gleichen Enneagramm-Zeitschrift mit dem Titel „The Centres, a Fourth Approach – or Is It the First?“ In dieser Schrift wagen es Hurley und Dobson, die Bezeichnungen für die Zentren allgemein zu halten. Sie belassen die traditionelle Unterteilung der Triaden (2-3-4, 5-6-7, 8-9-1), geben aber keiner Qualität eine spezifische Unterteilung. Stattdessen nehmen sie jeden Enneagramm-Typ und beschreiben ihn, wie er mit dem jeweiligen Thema (Qualität) spezifisch für jedes Zentrum umgeht. Mit dieser Vorgehensweise wird eine Trennung von der traditionellen qualitativen Unterteilung der Triaden vorgeschlagen. Dass die Qualitäten nicht mehr zugehörig zu den Triaden, sondern zu den Typen zu behandeln sind, könne eine Lösung dafür sein, dass die unterschiedlichen Bezeichnungen der Triaden, die teilweise zur Verwirrung in der Arbeit mit dem Enneagramm führen können, beiseitegelegt werden. 337Wie weiter gezeigt wird, könnte die vorgeschlagene Vorgehensweise dazu beitragen, die Dynamik, und somit die Vielfalt der Entwicklungsmöglichkeiten der Typen, von etlichen Perspektiven aus zu betrachten. Es kann auch in der Arbeit mit dem Enneagramm dazu beitragen, dass einige Begriffe oder Qualitäten als menschlich übergreifend gesehen werden, und somit die Gefahr, dass einige Typen mit bestimmten Qualitäten abgestempelt werden, gelindert wird. Z.B. wird in der gängigen Enneagramm-Praxis gelehrt, dass die Typen 2-3-4 im Herzzentrum besonders gefühlvoll seien. Dazu wird von einigen Autoren vorgeschlagen, dass Menschen in diesem Zentrum sich nicht so sehr mit eigenen Gefühlen identifizieren sollten. Nach den Ausführungen von Zuercher mahnt Ebert, dass diese Empfehlung für die Typen in diesem Zentrum gerade kontraproduktiv sei, denn sie sollten eher den Zugang zu den eigenen Gefühlen finden, als sich davon zu distanzieren. 338Was zu diesem Missverständnis führt, ist nach der vorangegangenen Ausführung zweierlei: dass den Zentren überhaupt Qualitäten und Namen zugeschrieben werden und dass es unterschiedliche Meinungen gibt, welche Qualitäten zu welchen Zentren gehören.
Eine bessere Vorgehensweise bei dieser Problematik ist, sich nicht so sehr auf die Beschreibungen und Benennungen von bestimmten Mustern zu beschränken, sondern, wie Evagrios zeigt, dass es letztendlich darum geht, das Enneagramm als Ganzes zu kennen, weil jede Person nicht nur mit einem Muster zu tun hat, sondern die Muster bzw. Leidenschaften in unterschiedlichen Zeiten und Situationen zum Vorschein kommen.
2.3. Prozess und Typologie
In der theologischen Diskussion über das Enneagramm ist die Frage der Kompatibilität des Enneagramms mit der christlichen Lehre von zentraler Bedeutung. Der evangelische Theologe, Erziehungswissenschaftler und Pfarrer Michael Th. Schulz geht auf diese Thematik in seiner umfangreichen Monographie „Enneagramm, Spiritualität und Theologie der Zukunft“ aus mehreren Perspektiven ein. Schulz behauptet unter anderem, dass es im wissenschaftlichen Diskurs über das Enneagramm keine gute Ausgangslage für einen wissenschaftswürdigen Anknüpfungspunkt gegeben habe, als es in die Öffentlichkeit rückte. Für die Arbeit mit dem Enneagramm bedeutet dies, dass das Enneagramm sich außerhalb der Grenzen der Wissenschaft und somit auch der Grenzen der Theologie befand, von denen es geringschätzig herabgestuft worden sei. Nach Schulz soll diese Beurteilung der Lage zwischen Wissenschaft/Theologie und Enneagramm objektiv und ohne jedes Schönreden erfolgen. 339Einer der Gründe der Vorurteile war „[w]egen einer fälschlich vermuteten Nähe zur Numerologie (die gravierenden Unterschiede wurden nicht gesehen: Enneagramm als eine Hilfe zu spezifisch prozessualer Umkehr. Numerologie dagegen vor allem als Bestätigung des Soseins.)“ 340
In diesem Abschnitt wird nun gezeigt, dass das Enneagramm, obwohl es ebenfalls eine Typologie ist, darüber hinausgeht, weil es letztendlich nicht um den Zustand, sondern um einen Prozess geht. Nach Ebert geht es bei dieser Frage darum, welche Möglichkeiten es gibt, das Enneagramm als Typologie, die starre Muster beschreibt, wieder in Fluss zu bringen, sodass man nicht mehr von Zustand, sondern von Prozess spricht. Ebert versteht die Muster (Typologie) als Blockade , und demnach sollte die Arbeit mit dem Enneagramm sich darum bemühen, die je typische Blockade zu sprengen. 341Die Theologin und Enneagramm-Autorin Marion Küstenmacher benennt die Gefahr, die davon ausgehe, wenn man das Enneagramm als eine Form von Horoskop verwende; d.h., es bestätige und zeige nur, wie jemand so „tickt“. Nach Küstenmacher ist eine solche Vorgehensweise weder spirituell noch wissenschaftlich, aber vor allem entspreche sie nicht dem Geist der Bibel. Sie kritisiert Menschen, die das Enneagramm nur als Werkzeug sehen. Wenn es als reine Typologie ohne jeglichen Prüfungsprozess verwendet wird, um nur auf andere zu schauen und nach Möglichkeiten zu suchen, wie man besser mit ihnen umgehen könne, ist es zum Scheitern programmiert. 342Auf dem Büchermarkt ist die Zahl der Enneagramm-Werke anhaltend gestiegen. So wie die Anzahl der Bücher sind auch ihre Ansätze mannigfaltig. Eine Gemeinsamkeit aber haben die Werke in der Weise, wie sie das Enneagramm als Typologie darstellen.
Die Enneagramm-Autorin und NLP-Meisterin Jean Adeler bezeichnet in einem Beitrag in der Enneagramm-Zeitschrift mit dem Titel “Enneagram 2.0: Deep Structure of Personality“ den Umgang mit den Typen mit dem aus dem Gesundheitswesen stammenden Wort „ nosography “, was für eine schriftliche Klassifizierung und Beschreibung verschiedener Krankheiten steht. Nach ihr nehmen die Typbeschreibungen einen großen Teil der Werke ein, und somit gelten sie im Vergleich zum Verständnis des Enneagramm als Prozessmodell als Schwerpunkt. Die Beschreibungen sind insofern als „ nosography “ zu bezeichnen, als sie die Typen als starre Entitäten darstellen. Das Enneagramm als „ nosography“ mag einige Basisinformationen über die Persönlichkeit liefern und somit zu Verständigung in der zwischenmenschlichen Kommunikation beitragen, aber es sagt nicht, wie das Enneagramm als Prozessmodell über die Arbeit mit der Persönlichkeit hinaus aufschlussreich verwendet werden kann. 343
2.3.1. Gefahren des Enneagramms als Typologie
„Alle Typologien haben den Nachteil, dass sie die Einmaligkeit, Originalität und Besonderheit des Individuums notgedrungen vernachlässigen.“ 344Das Wesen einer Typologie beinhaltet eine Art von Zusammenfassung, die immer auch ein Stück Reduzierung bedeutet. Diese Reduzierung kann eine Gefahr darstellen, aber eben auch eine Chance sein, um eine Vereinfachung und Gliederung zu erzielen. Eine der weithin bekanntesten Kritiken am Enneagramm ist, dass Menschen mit dem System in Schubladen eingeteilt würden. Darauf geht Pater Grün ein und betont, dass das Enneagramm nicht als Schubladensystem benutzt werden dürfe, wo Menschen automatisch aufgrund von Merkmalen eingeordnet werden. Auf diese Weise verfehle man eines der Ziele des Enneagramms, nämlich, als Hilfe für Menschen ihre Fallen und Stärken zu erkennen, dabei aber individuell seinem eigenen Wesen nach gerecht zu leben. 345Palmer beschreibt die Fixiertheit der Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen, die einem Typ zugesprochen werden, als Sich-und-andere-in-Schubladen-Stecken. 346„Wenn wir uns nicht von einem immer wiederkehrenden Thema lösen können und uns die Fähigkeit fehlt, das eigene Verhalten auch einmal von einem anderen Standpunkt aus zu beobachten, werden wir von den eigenen Gewohnheiten kontrolliert und haben die Freiheit des Wählens verloren.“ 347
Eine weitere Gefahr des Enneagramms als Typologie ist die persönliche Einstellung im Umgang mit typologischen Informationen. Der Ordensmann Robert J. Nogosek weist darauf hin dass Menschen die Typologie allzu ernst nähmen. Das bedeutet, sie versuchen nach dem Schema „Typ(o)-logisch“ alles über den Menschen als systematisch und am besten als vorhersehbar zu betrachten. 348Frau Phiri erzählt, dass sie die einschränkenden Aspekte des Enneagramms als Typologie nicht möge. Für sie fühlt es sich so an, als werde man von dem eigenen Enneagramm-Muster umrankt und habe keine Freiheit mehr. Nach ihr verzögert das nicht nur das Wachstum bei sich selbst, sondern auch bei den Mitmenschen. 349
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