Bei unterschiedlichen Autoren werden die Stufen entweder auf drei oder zwei Ebenen genannt. So gibt es die Stufen „weniger entwickelt, entwickelt und hoch entwickelt“ 364oder „eine große Bandbreite, die wir uns wie eine kontinuierliche Skala vorstellen können, die zwischen den Extrempolen ‚unreif‘ und ‚gereift‘ verläuft.“ 365Hier werden keine bestimmten Werte wie bei Riso und Hudson angegeben, was nach meiner Ansicht angemessener für die Arbeit mit dem Enneagramm ist. Die Berücksichtigung der Entwicklungsstufen könnte für die Arbeit mit dem Enneagramm deshalb als Herausforderung gesehen werden, weil dadurch behauptet wird, dass die Arbeit an der persönlichen und spirituellen Entwicklung messbar wäre. Zwar ist es sinnvoll, dass es eine Entwicklung auf einer vertikalen Ebene geben kann – aber die Skala mit Ziffern zu versehen, ist weithergeholt und könnte für die Arbeit an sich und mit Mitmenschen problematisch sein. So besteht z.B. die Gefahr, dass Menschen andere Personen auf Grund oberflächlicher Hinweise einstufen und bewerten. Die Selbsteinstufung ist auch mit Vorsicht zu betrachten. Riso und Hudson geben selber an, dass sich Personen als Teil ihres Abwehrmechanismus auf der Skala selbst besser einzustufen versuchen, als sie wirklich sind. 366Die Theorie von „Entwicklungsstufen“ hat subtile Untertöne, die unter anderem suggerieren können, dass sich etwas in einem Zustand befindet, der „im Vergleich“ mit etwas anderem minderwertig oder änderungsbedürftig ist. Hier rutscht die Arbeit mit sich selbst und mit anderen plötzlich in den Bereich einer „Leistungsskala“ oder eines „Heiloptimismus“. Für diejenigen, die die „höchste Stufe“ erreicht haben, gut entwickelt sind oder selbst davon überzeugt sind, ist die Gefahr der Selbstgefälligkeit und der Herablassung auf andere, was sich gerade für die Gruppenarbeit in jeglicher Form negativ auswirken kann, nicht auszuschließen.
Als mögliches Anwendungsgebiet für die differenzierte Einteilung der Typen in Entwicklungsstufen käme möglicherweise die Typisierung einer Person durch Experten in Frage. Eine Einteilung und vor allem auch das Verstehen der Probleme einer Person – beispielsweise in der Seelsorge – kann durch eine in kleineren Schritten vorgehende Einteilung präziser werden. Für die Arbeit an sich selbst mit dem Enneagramm als Instrument zum Selbstverständnis ist diese differenzierte Einteilung eher hinderlich, da sie immer eine Art von Bewertung beinhaltet.
In der Medizin (z.B. Gewebetransplantation) ist die Typisierung für eine erfolgreiche Behandlung von großer Bedeutung, sodass auf die Genauigkeit der zutreffenden Daten geachtet werden muss. Die Frage, die mithin gestellt werden sollte, ist, ob im Enneagramm, so wie z.B. in der Medizin, großen Wert darauf gelegt wird, ob die Typisierung Kriterien erfüllt, die zu einer guten und zumindest zweifelsfreien Zuordnung führt.
Es wurde vorhin gezeigt, dass das Enneagramm als Typologie grundlegend für die Arbeit am Wachstumsprozess ist. Der Einstieg in diesen Prozess fängt mit einer Typisierung an. Ebert sagt zu Recht, dass die Identifikation mit einem bestimmten Enneagramm-Muster seine Rechtfertigung in der Desidentifikation findet. 367„Erst wenn ich weiß, was mich persönlich besetzt, kann ich mit Gottes Gnade die nächsten Schritte zur eigenen Befreiung finden.“ 368Ebert beteuert, dass es fatal wäre, wenn man bei der Identifikation bliebe, und schlimmer wäre es, wenn das herausgestellte Enneagramm-Muster als Selbstrechtfertigung benutzt würde. 369Unabhängig davon wäre vielleicht die Frage wichtiger, welche Konsequenzen es für den Einzelnen hätte, wenn er von einem Außenstehenden falsch typisiert würde. Für Zuercher ist „Erkenntnis […] schon Wandel.“ 370Einen Schritt weiter geht Bartels, indem er an die Zweckmäßigkeit der Erkenntnis mahnt. „Das Enneagramm nicht gesetzlich, sondern heuristisch zu gebrauchen, würde auch bedeuten, dass die Einordnung eines Menschen nie Selbstzweck sein darf, sondern immer nur der berühmte ‚erste Schritt zur Besserung’“ 371ist. „Der Wandlungsprozess von der Fixierung hin bis zu Integration und Versöhnung beginnt paradoxerweise mit der Diagnose, das heißt, mit dem Innehalten und mit der nüchternen Wahrnehmung des eigenen Lebensskripts und des automatisierten Verhaltensmusters.“ 372Das macht die Typisierung zu einem zentralen Punkt in der Arbeit mit dem Enneagramm. Durch die Typisierung werden die typologischen Beschreibungen von lebendigen Menschen wahrgenommen und repräsentiert. Es geht nicht mehr um eine Verallgemeinerung, sondern um einzelne, individuelle Personengeschichten. Daher ist nach Palmer das Typisieren keine so einfache Angelegenheit, weil „Menschen […] sehr viel beweglicher und komplexer als alles [sind], was durch eine Liste von Charakterzügen beschrieben werden könnte.“ 373Trotzdem ist die Identifikation mit den Charakterzügen maßgebend für die Arbeit mit dem Enneagramm. Im Interview bemerkt Martha, wie es ihr deutlich wurde, dass – solange das „richtige“ Enneagramm-Muster nicht festgestellt wird – kaum mit der Arbeit an sich angefangen werden könne. Für Martha war das Herausfinden ihres Enneagramm-Musters damit verbunden, dass sie sich darin gut gefühlt habe (auch wenn dieser Prozess schwierig gewesen sei), d.h., dass sie sich mit den Beschreibungen besser habe identifizieren können. 374Andererseits gibt es auch Menschen, die sich mit ihrem Muster sicher sind, obwohl es sein könnte, dass es nicht stimmt. So bemerkt Naranjo, dass er bei vielen Leuten nicht einverstanden sei, wenn sie ihm sagten, dass man sie für ein bestimmtes Muster typisiert habe. 375Es wird weiter gezeigt, dass wegen solcher Fälle kritisch mit dem Typisieren umgegangen werden sollte und nicht nur sich selbst gegenüber, sondern das ganze Typisierungssystem in Frage gestellt werden dürfe.
2.4.1. Typisierungsverfahren: Fragebogen/Typisierungsinterview
Meiner Ansicht nach wäre für die Typisierungsverfahren der Vorschlag von Rohr und Ebert für eine zusammenfassende Aussage über die Typisierung zutreffend. So schreiben Rohr und Ebert:
Um dem eigenen Muster auf die Spur zu kommen, ist jedenfalls zunächst die Selbsteinschätzung durch nichts zu ersetzen. Danach kann man sich mit Menschen austauschen, die einem nahe stehen und einen gut kennen. Als dritte Priorität wäre der Austausch mit einer Person zu nennen, die das Enneagramm gut kennt. Erst dann wäre ein Kontrolltest sinnvoll. 376
Mit dem Titel „Discovering Your True Ennea-Typ“ beschreibt Barbara Garro, wie sie sich habe anstrengen müssen, um auf ihr richtiges Enneagamm-Muster zu gelangen. Auf diesem langwierigen Weg habe sie mehrere Autoren gelesen, mit einigen Autoren selbst gesprochen und an Enneagramm-Seminaren teilgenommen, wo sie die Gelegenheit hatte, andere Menschen kennen zu lernen, die bei den Panelgesprächen über sich sprachen. Dazu füllte sie drei publizierte Enneagramm-Fragebögen aus. Nach all dem konnte sie ihr Muster durch ein Gespräch mit einer ihr nahestehenden Person bestätigen. 377Mit dem Beispiel von Garros „Weg“ wird jetzt auf einige Praktiken der Typisierung eingegangen, vorwiegend auf Fragebögen und Typisierungsinterviews.
Auf die einzelnen Fragebögen wird in dieser Arbeit nicht eingegangen. Mein Anliegen ist es nun, die Tücken, die mit den Fragebögen einhergehen, zu beschreiben und auf sie aufmerksam zu machen.
Bei Rohr und Ebert gelten die Fragebögen als Kontrolltest, d.h., sie dienen der Überprüfung der bis dahin herausgestellten Muster. In einer Diskussion im „ Enneagram Monthly“ bemerkt Ed Jacobs, dass Menschen, die ihr Muster schon kennen, mit den Fragebögen so umgehen, dass sie die Antworten basierend auf dem Vorwissen ihres Musters auswählen. 378Sogar wenn die Werte der Fragebögen wissenschaftliche Daten liefern, spielt die Objektivität bei der Beantwortung der Fragen eine maßgebende Rolle.
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