- Im Großteil der Enneagramm-Literatur und der Vermittlung des Enneagramms werden die Enneagramm-Typen auf eine „klischeehafte“ Art präsentiert, sodass die Typen nur mit bestimmten speziellen Eigenschaften identifiziert werden. Das Problem liegt hier darin, dass nicht alle Menschen, die zu einem Typ „gehören“, die üblichen Eigenschaften vorweisen. Riso und Hudson nehmen Muster Neun als Beispiel, um zu zeigen, dass es Menschen gibt, die reizbar oder sogar aggressiv sein können, obwohl sie Muster Neun haben, welches normalerweise als harmonisch und friedvoll präsentiert wird. 394
- Wenn man keine Erfahrung mit den unterschiedlichsten Arten (Erscheinungsformen) eines Typs hat, kann es mit der Typisierung schwierig sein. Sogar wenn Personen den gleichen Typ haben, sollte verständlich sein, dass sie sich in ihrer Individualität und Verhaltensweise voneinander unterscheiden. 395
- Wie weiter gezeigt wird, ist es sicherer, Menschen zu typisieren, denen man begegnet ist 396– in diesem Fall, indem man mit ihnen persönlich spricht. Dadurch kann es dazu kommen, dass über die Motivationen hinter einem Verhaltensmuster gesprochen wird. Denn hinter einem Verhalten stecken unterschiedliche Motivationen. Es mag möglich sein, dass Menschen typisierbar sind, ohne mit ihnen in direkten Kontakt getreten zu sein, weil sie die „typischen“ Verhaltensmuster eines Musters zeigen. 397Meiner Ansicht nach ist die zweite Variante aus Gründen, die später noch angesprochen werden, möglichst zu vermeiden: denn „ Verhalten ist nicht immer das, was es zu sein scheint […]. Um die Bedeutung einer einzelnen Handlungsweise zu verstehen, müssen wir Informationen über das Individuum wie auch über die Situation haben, auf die sich die Handlungsweise bezieht.“ 398
- Es braucht viel Zeit und Übung, um das Verhalten unterschiedlicher Personen in Bezug auf die Enneagramm-Typbeschreibungen zu verstehen. Dementsprechend verlangt die Arbeit mit dem Enneagramm nicht nur ein fundiertes Wissen über die Theorie der Verhaltensmuster, sondern auch Interesse an Menschen und ihrem Verhalten – ihren Lebenswelten, ihren Wünschen, Motivationen und Lebensträumen. Wenn man diese Informationen erhalten hat, wird die Arbeit mit dem Typisieren erleichtert, aber vor allem hilft es den Menschen selber, dadurch, dass ihnen die Chance eingeräumt wird, sich zu besinnen und eigene Eigenschaften betrachten zu können, aber darüber hinaus zu lernen, sich dem Anderen zu öffnen. 399
- Das Typisieren ist in sich selber eine schwierige Aufgabe. Diese Aufgabe wird umso schwieriger, weil es tatsächlich große Gemeinsamkeiten zwischen den Enneagramm-Mustern gibt. Die Aufgabe des Typisierens besteht darin, die Gemeinsamkeiten auseinanderzudifferenzieren. 400
Für denjenigen, der typisiert wird unterbreitet Garro folgende Vorschläge. Es sollte vermieden werden:
- aus Angst davor, was andere Personen über einen denken, sich fälschlicherweise ein anderes Muster anzueignen und sich selber zu überzeugen, dass man SO ist; und darüber hinaus sich entsprechend dem Muster verhalten.
- sich das Muster anzueignen, das einen am meisten anspricht oder wie man sich gern sehen/gesehen werden würde, statt ein Muster mit seinen Stärken und Schwächen anzunehmen,
- bei der „Auswahl“ einige Muster beiseitezuschieben, weil wir nicht allzu gerne so sein wollen. Alle Muster müssen in Betracht gezogen werden, auch wenn sie einem zuwider sind.
- das bei einer Typisierung „herausgefundene“ Muster, ohne sich selber Gedanken darüber gemacht zu haben, anzunehmen. Es darf selber überprüft werden, damit man sich selbst auch sicher sein kann und davon überzeugt sein kann – denn auch Menschen, die in der Typisierung geübt sind, können „Fehldiagnosen“ machen, wie später gezeigt werden wird. 401
Garro geht weiter und schlägt vor, wie am besten typisiert und damit umgegangen werden kann. Sie gibt dabei nicht einen Weg vor, sondern zeigt verschiedene Möglichkeiten, die für die Typisierung hilfreich sein können. So schlägt sie als erstes vor, offen für die Beurteilung anderer zu sein, besonders derjenigen, die sich mit dem Enneagramm auskennen. Dieses Verfahren könnte dazu beitragen, dass Menschen in den verschiedensten Lebensbereichen lernen zu hören, wie andere sie wahrnehmen. Es ist eine Übung für Vertrauen und Respekt.
Auf sich bezogen rät Garro dazu, selber die vorhandenen Enneagramm-Tests zu nehmen, deren Treffgenauigkeit jedoch in Betracht zu ziehen. Bei allem sei es wichtig, auf die eigene Intuition zu hören, so Garro. Für diejenigen, die älter sind, wäre es angebracht, sich darauf zu besinnen, wie man als junge Person war. Hier wird das Alter „Anfang 20“ vorgeschlagen. 402
Bei den eben vorgetragenen Gedanken über die möglichen Erschwernisse bei der Typisierung kann insgesamt gesagt werden, dass das Wichtige die Einsicht ist, dass es letztendlich um Individuen geht. Obgleich es darum geht einen anderen Menschen zu typisieren oder selber das eigene Muster herauszufinden, benötigt das Typisieren Selbst- und Menschenkenntnis.
2.4.3. Die Ferntypisierung
Am 04.01.2010 sprach Pater Anselm Grün in der Sendung von Reinhold Beckmann 403davon, dass er im Enneagramm der Typ DREI sei. Der Verweis auf Grüns Aussage will darauf hindeuten, dass es nicht die Aufgabe von Enneagramm-Experten sein darf, Menschen des öffentlichen Lebens Enneagramm-Muster zuzusprechen, sondern, die Menschen sollen es selber tun. In manchen Enneagramm-Büchern gibt es eine Praxis, bei der, um die Enneagramm-Typen klarer darzustellen, Prominente oder bekannte Menschen von verschiedenen Lebensbereichen als Beispiele genannt werden. Das ist eine Form von „Ferntypisierung“ oder besser „Fremdtypisierung“. Aus folgenden Gründen wird hier gezeigt, welche Nachteile es mit sich bringt, wenn die Praxis der Fremdtypisierung gang und gäbe in der Vermittlung des Enneagramms ist.
1. Es wurden die Aussagen von sechs Enneagramm-Autoren miteinander verglichen, um herauszufinden, ob sie die Prominenten übereinstimmend typisiert haben. Die folgende Tabelle zeigt, dass sie häufig eine Person unterschiedlich typisiert haben. Dass es zu unterschiedlichen Typisierungen kommen kann, zeigt, dass mit der Typisierung sehr genau und sorgfältig umgegangen werden sollte. Es ist sowohl für die Leser als auch für die Personen selbst zweckwidrig, wenn die als Beispiel gemeinten Persönlichkeiten das zu verdeutlichende Muster nicht repräsentieren, oder zumindest bei unterschiedlichen Autoren unterschiedlich gedeutet werden.
Tabelle 1. (Die Zahlen in den Kästchen geben an, welches Enneagramm-Muster die dargestellte Person laut Enneagramm-Autor hat).
2. Jede Person sollte selber bestätigen können, ob sie das vorgeschlagene Muster hat oder nicht. Es ist zu bezweifeln, ob die meisten Menschen, die in Enneagramm-Büchern typisiert werden, vom Enneagramm überhaupt wissen. Das Enneagramm als Entwicklungsmodell bedeutet vor allem, dass die Person sich damit selber beschäftigt. Wird eine Ferntypisierung gemacht, verfehlt diese das eigentliche Ziel des Entwicklungsprozesses. Manfred Lütz fügt einen Aspekt hinzu, der den oben genannten Einwand bekräftigt: Für Lütz ist jede Praxis der Typisierung ohne eigene Einwilligung auf vielerlei Hinsicht verletzend. 406
3. Hier wird deutlich, dass auch Enneagramm-Experten sich irren können, daher sollte jeder für sich die Typisierungsvorschläge kritisch betrachten und selber kontinuierlich überprüfen, besonders wenn Zweifel bestehen.
4. Öffentliche Persönlichkeiten zeigen nur einen Teil davon, wie sie sind. Auch wenn sie etwas in der Öffentlichkeit tun, bleibt meistens das Motiv unbekannt. 407Dadurch sind Ferntypisierungen mit Vorsicht zu betrachten.
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