Nach 1945 wirkte die G. in Arbeitsformen und Programmatik wieder innerhalb der Landeskirchen wie vor dem Zweiten Weltkrieg. Intensiv wurde die Auseinandersetzung mit der hist.-krit. Arbeitsweise in der theol. Wissenschaft (Bibelexegese) geführt – bes. mit R. → Bultmanns (1884–1976) sog. Programm der → Entmythologisierung. Eine Belebung erfuhr die G. seit Mitte der 1950er-Jahre durch Großevangelisationen US-amerik. und kanadischer Prediger (Billy → Graham und das Janz-Team; → Evangelisationswerke). Der dort praktizierte Aufruf zur bewussten Glaubensentscheidung wurde in der G. je länger je mehr als heilsamer Gegensatz zum Pluralismus der Volkskirche empfunden. Ca. 35 % der ev. Buchproduktionen werden von Verlagen, die der G. verbunden sind, produziert. Die Möglichkeiten der audiovisuellen Medien, des Internets und der sog. sozialen Netzwerke werden genutzt.
Die Geschichte der G. kann als ein über hundert Jahre andauernder Prozess der Annäherung und Verschmelzung angelsächsischer mit dt.-pietist. → Frömmigkeit beschrieben werden.
3. Organisation
Die Gemeinschaften haben i.d.R. die Rechtsform des eingetragenen Vereins und finanzieren sich über freiwillige Beiträge ihrer Mitglieder. Sie werden von einem Vorstand geleitet, der einen hauptberuflichen »Gemeinschaftspfleger« oder »Prediger«, heute auch »Gemeinschaftsprediger / Theologe«, anstellen kann. Mittelpunkt der Tätigkeit ist die »Stunde« mit Bibelarbeit und Gebetsgemeinschaft, daneben gibt es Kreise für die verschiedenen Lebensalter. Die Gemeinschaften sind über gewählte Delegierte überregional in Bezirks- und Landesverbänden vertreten. Die Landesverbände senden ihrerseits Vertreter in den Vorstand des GVs, in dem auch die großen Ausbildungsstätten und diakon. Einrichtungen vertreten sind. Die Ausbildung dieser eigenen Organisationsformen trat von Anfang an in Spannung zu den landeskirchl. Strukturen.
4. Besonderheiten
Anders als der Barockpietismus und die Erweckungsbewegung schuf die G. Glaubenskonferenzen, Evangelisationen und berufsbezogene Arbeitsformen, die nicht an den Kirchraum gebunden waren, dazu eigene Vereinshäuser, ein eigenes → Liedgut (→ Christlicher Sängerbund) und eine eigene Festkultur (→ Konferenzen, → Missionsfeste). Als Fundamente der Frömmigkeit in der G. lassen sich nennen: a) Das Vertrauen gegenüber der Bibel als Gottes ewiggültigem und zugleich jeden Menschen persönl. angehendem Wort, b) die Notwendigkeit der Erfahrung der → Wiedergeburt bei der → Bekehrung, c) die bewusste Gestaltung eines christl. Lebens (→ Heiligung).
Eine einheitliche Theologie oder auch Ekklesiologie hat die G. nicht ausgebildet. Zentral für die im Einzelnen durchaus unterschiedlichen Ausprägungen der theol. Vorstellungen und Traditionen innerhalb der G. ist der Begriff des → Reiches Gottes. Die Christen in der G. sind, wie sie häufig sagen, am »Bau« des Reiches Gottes beteiligt und stehen bewusst in seiner Dynamik (vgl. die »Reichslieder«). Je nachdem, ob in einer Gruppierung ein eher kooperatives Verständnis des Reiches Gottes vorherrscht oder eher die Anschauung seiner vom Menschen unabhängigen Durchsetzung, entwickeln sich unterschiedliche Arbeitsformen. Auch die Einschätzung des zeitlichen Standes der heilsgeschichtl. Entwicklung (→ Heilsgeschichte) des Reiches Gottes ist für die Aufgabe bestimmend. Es dominieren postmillenaristische Vorstellungen (→ Tausendjähriges Reich).
5. Perspektiven
Der Beitrag der G. zur Ausbildung einer prakt. Laienfrömmigkeit ist nicht zu unterschätzen. Auch ihre krit. Anfragen an Kirchenleitungen und die wiss. Theologie können ein wichtiges Korrektiv gegenüber einseitigen Entwicklungen bilden. Seit ihren Anfängen wird die G. von unterschiedlichen Anschauungen ihrer Mitglieder im Gemeindeverständnis (→ Kirche / Gemeinde) bestimmt. Der alte Wahlspruch der G., »in, mit, aber nicht unter der Kirche«, behält mitsamt den von ihm markierten Spannungen auch in der Gegenwart Bedeutung.
Quellen: J. Ohlemacher (Hg.): Die Gemeinschaftsbewegung in Deutschland. Quellen zu ihrer Geschichte 1887–1914, 1977.
Lit.: M. Diener: Kurshalten in stürmischer Zeit. D. Walter Michaelis – Ein Leben für Kirche und Gemeinschaftsbewegung, 1998; J. Drechsel: Das Gemeindeverständnis der deutschen Gemeinschaftsbewegung, 1984; P. Fleisch: Die moderne Gemeinschaftsbewegung in Deutschland, Bd. I, 31912 (grundlegend), Th. Hahn-Bruckart: Friedrich von Schlümbach, 2011; K.H. Voigt: Der Zeit voraus, 2014; St. Holthaus: Heil – Heilung – Heiligung, 2005; D. Lange: Eine Bewegung bricht sich Bahn, 1979; J. Ohlemacher: Das Reich Gottes in Deutschland bauen, 1986; ders.: Gemeinschaftschristentum in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert, in: U. Gäbler (Hg.): Geschichte des Pietismus, Bd. 3, 2000, 393-464 (Lit.).
J. Ohlemacher
Gemeinschaftsbewegung (Diakoniewerke)
Sozialdiakon. Fragestellungen spielten bei der Entstehung der → Gemeinschaftsbewegung (G.) zunächst nur eine untergeordnete Rolle. Die Gemeinschaftskreise überließen dieses Arbeitsfeld im Großen und Ganzen den bestehenden Vereinen der → Inneren Mission, da man sich selbst auf die → Evangelisation der entchristlichten Bevölkerung und auf die Gemeinschaftspflege der dadurch gewonnenen Menschen konzentrieren wollte. Genau dies waren nämlich die Defizite, die man im Vergleich mit den Wichernschen Ursprungszielen (J.H. → Wichern) der Inneren Mission gegen Ende des 19. Jh.s ausmachte. Wo sich daher diakon. Initiativen mit der G. verbanden oder aus ihr herauswuchsen, geschah dies aufgrund einer bewusst missionar. Zielsetzung. So wurde zunächst die in den 1880er-Jahren in Deutschland aufblühende Arbeit des Blauen Kreuzes unter alkoholsüchtigen Menschen durch die Initiative seines Leiters C. von → Knobelsdorff eng mit der G. verbunden.
Entscheidender Motor der Gemeinschaftsdiakonie wurde dann aber das Diakonissenwesen. Nachdem es seit 1890 schon zwei lokal wirkende Diakonissenhäuser im Geist der G. gegeben hatte, den Friedenshort in Miechowitz (Oberschlesien) von Schwester E. von → Tiele-Winckler sowie die Elim-Schwesternschaft der Hamburger Holstenwall-Gemeinschaft, kam es 1899 auf Initiative der ostdt. G. unter der Leitung von C.F. Blazejewski (1862–1900) zur Gründung eines neuen Gemeinschafts-Schwesternhauses in Borken (Ostpreußen). Man orientierte sich dabei am Vorbild des Berner Diakonissenhauses von Fr. Dändliker (1821–1900), das von der → Heiligungsbewegung geprägt war. Entscheidender Ansatzpunkt dieser Gründung war nicht in erster Linie das Interesse an einer Ausbildung von Arbeiterinnen zur Behebung sozialer Missstände, sondern es ging v.a. darum, junge Frauen im Geist der G. zu Evangelistinnen im Diakonissendienst auszubilden. Nach dem frühen Tod des Gründers übernahm Th. → Krawielitzki (1866–1942) die Schwesternschaft ins westpreußische Vandsburg, woraus der → Deutsche Gemeinschafts-Diakonieverband (DGD) mit sechs Mutterhäusern entstand, in dem vor dem Zweiten Weltkrieg mit ca. 4000 Schwestern ungefähr 70 % aller Diakonissen der G. organisiert waren (→ Mutterhausdiakonie). Daneben entstand der locker organisierte Bund Deutscher Gemeinschafts-Diakonissen-Mutterhäuser, zu dem sich das Mutterhaus Kinderheil in Finkenwalde bei Stettin (1903; heute Bad Harzburg), das Mutterhaus Salem in Berlin-Lichtenrade (1906; heute Bad Gandersheim), sowie die Schwesternschaften Zion/Aue (1919), Liebenzell (1922), St. Chrischona (1925), Puschendorf (1926), Aidlingen (1927) und Lobetal (1928) zusammenschlossen. Wie dem DGD war ihnen gemeinsam die Herkunft der meisten Schwestern aus Landeskirchlichen Gemeinschaften oder EC-Jugendbünden (→ Jugendbund »Entschieden für Christus«), die Eintrittsvoraussetzung der persönl. Heilsgewissheit, die überkonfessionelle Allianz-Ausrichtung und die Betonung des Verkündigungsdienstes der Schwestern neben den diakon. Aufgaben.
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