Max Schwerdtfeger - Kartell Compliance

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Verstöße gegen Kartellrechtsvorschriften können ein Unternehmen im Extremfall in seiner Existenz gefährden. Neben empfindlichen Geldbußen gegen das Unternehmen, Geschäftsführer und Mitarbeiter, einer Schädigung des Rufs sowie der Beziehungen zu Geschäftspartnern drohen auch strafrechtliche Sanktionen und Schadensersatzansprüche Dritter. Neben den Vorschriften des deutschen Rechts sind oft noch die Vorgaben des europäischen Kartellrechts und ggf. je nach Handelspartnern weitere Rechtsordnungen zu beachten.
Das Handbuch behandelt das Thema Kartellrecht und Compliance umfassend und abschließend.
1. Teil: schlüssige Darstellung der besonderen materiell-rechtlichen Risikofelder der Kartell-Compliance, getrennt nach Kartell- und Strafrecht
2. Teil: vertiefende Erläuterung der Rechtsfolgen von Verstößen gegen das Kartellrecht einschließlich Schadensersatzklagen und Regressansprüche eines Unternehmens
3. Teil: praxisgerechte Erläuterung der von einem in der Krise befindlichen Unternehmen zu ergreifenden Maßnahmen sowie Verhaltensempfehlungen
4. Teil: umfassende Erläuterung der präventiven Kartell Compliance-Maßnahmen von der Errichtung eines Compliance Management Systems bis zur präventiven Absicherung durch D&O-Versicherungen
5. Teil: Überblick über wichtige Kartell Compliance-Erfordernisse in CH, A, F, I, E, USA, China, Russland und Brasilien, teilweise in englischer Sprache.

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110

Vom Kartellverbot erfasst sind damit einerseits Fälle, in denen eine Abstimmung des Wettbewerbsverhaltens planmäßig über einen Dritten erfolgt. Das betrifft z.B. Verträge mit einem gemeinsamen Auftragsmittler, die gleichförmige Regelungen zur Auftragsverteilung unter den im Wettbewerb stehenden Auftragnehmern vorsehen,[240] oder Fälle, in denen ein gemeinsamer Berater bzw. Verband als „Moderator“ für wettbewerbliche Konfliktfälle oder als Mittler für einen Informationsaustausch eingesetzt wird.[241] Unter dem Gesichtspunkt des „Hub & Spoke“ ist aber auch verstärkt die Beteiligung von Händlern an „Preispflegemaßnahmen“ von (Marken-)Herstellern in den Fokus der Kartellrechtsdurchsetzung gerückt.[242] Sind Händler nicht nur „Adressaten“ von Preispflegemaßnahmen des Herstellers, sondern beteiligen sie sich aktiv hieran, z.B. indem sie dem Hersteller melden, wenn andere Händler die Preisempfehlungen des Herstellers unterschreiten, und ihn auffordern, zur Einhaltung der Preisempfehlungbei anderen Händlern aktiv zu werden, kann dies neben einem Verstoß im Vertikalverhältnis zwischen dem Hersteller und den Händlern (Preisbindung der zweiten Hand) auch einen selbstständigen Verstoß im Horizontalverhältnis zwischen den Händler begründen.[243] Entsprechendes gilt für den Fall, dass Händler ein bestimmtes Preisniveau einhalten, wenn der Hersteller im Gegenzug dafür sorgt, dass auch andere Händler das Preisniveau einhalten, oder wenn Händler im Interesse eines möglichst einheitlichen Preisniveaus im Handelihre (Aktions-)Preise mit dem Hersteller planen und absprechen und auf diese Weise auch Einblick in die Preisplanungen anderer Händler erhalten.[244]

111

Mit der gewachsenen Bedeutung digitaler Vertriebsformeneinschließlich des Plattformvertriebssind zunehmend auch neuartige Möglichkeiten der indirekten Abstimmung zwischen Wettbewerbern zu berücksichtigen. Diese können sich beispielsweise aus der Nutzung derselben Vertriebsplattformen oder Buchungssysteme ergeben. Die mit Vertriebsplattformen und Buchungssystemen verbundenen Vorgaben und Limitationen können das Wettbewerbsverhalten der Anbieter koordinieren. Beispielsweise kann die in einem gemeinsam genutzten Buchungssystem administratorseitig vorgesehene Begrenzung von Rabatten zu einer indirekten Abstimmung der Anbieter über Verkaufspreise führen.[245] Entsprechendes gilt für die Nutzung identischer Preissetzungsalgorithmen, wie sie z.B. von Fluggesellschaften beim Vertrieb von Flugtickets eingesetzt werden.[246]

Anmerkungen

[1]

EuGH 30.6.1966 – 56/65 – Maschinenbau Ulm, Slg. 1966, 281, 213; EuGH 11.12.1980 – 31/80 – L‘Oréal, Slg. 1980, 3775, 3791.

[2]

Europäische Kommission Leitlinien über den Begriff der Beeinträchtigung des zwischen staatlichen Handels in den Art. 81 und 82 des Vertrages, ABlEU 2004 Nr. C 101/81, Rn. 23 ff.

[3]

Europäische Kommission Leitlinien über den Begriff der Beeinträchtigung des zwischen staatlichen Handels in den Art. 81 und 82 des Vertrages, ABlEU 2004 Nr. C 101/81, Rn. 61.

[4]

EuGH 17.10.1972 – 8/72 – Vereeniging van Cementhandelaren, Slg. 1972, 977, Rn. 28; Europäische Kommission Leitlinien über den Begriff der Beeinträchtigung des zwischen staatlichen Handels in den Art. 81 und 82 des Vertrages, ABlEU 2004 Nr. C 101/81, Rn. 83.

[5]

EuGH 28.4.1998 – C-306/96 – Javico, Rn. 30 f.

[6]

NAAT = „no appreciable affectation of trade“.

[7]

Europäische Kommission Leitlinien über den Begriff der Beeinträchtigung des zwischen staatlichen Handels in den Art. 81 und 82 des Vertrages, ABlEU 2004 Nr. C 101/81, Rn. 52.

[8]

EuGH 16.3.2004 – C-264/01 – AOK, Rn. 46; BGH WuW/E BGH 1841 – Ganser-Dahlke.

[9]

BGH WuW/E BGH 1142, 1143 – Hamburger Volksbühne; Langen/Bunte/Krauß § 1 GWB Rn. 32.

[10]

BGH WuW/E BGH 1474, 1477 – Architektenkammer.

[11]

Immenga/Mestmäcker/ Zimmer § 1 GWB Rn. 24, 33.

[12]

EuGH 21.9.1999 – C-67/96 – Albany, Rn. 64.

[13]

BGH WuW/E BGH 442, 449 – Gummistrümpfe; Langen/Bunte/ Krauß § 1 GWB Rn. 46.

[14]

EuGH 11.7.2006 – C-205/03 – FENIN, Rn. 26; EuGH 26.3.2009 – C-113/07 – Selex, Rn. 102.

[15]

BGH WuW/E DE-R 1144, 1145 – Schülertransporte.

[16]

EuGH 24.10.1996 – C-73/95 P – Viho, Rn. 16 und 51; OLG Frankfurt WuW/E OLG, 3600, 3601 – Guy Laroche; Bechtold § 1 GWB Rn. 29.

[17]

EuGH 12.7.1984 – 170/83 – Hydrotherm, Rn. 11; Immenga/Mestmäcker/ Emmerich Art. 101 Abs. 1 AEUV Rn. 50.

[18]

EuGH 19.9.2009 – C-97/08 – Akzo Nobel, Rn. 60.

[19]

EuG 24.5.2012 – T-111/08 – MasterCard, Rn. 243.

[20]

Vgl. BGH WuW/E DE-R 17, 19 – Europapokalheimspiele; OLG Düsseldorf WuW/E DE-R 2003, 2005 – Deutscher Lotto- und Tottoblock; BKartA WuW/E BKartA 2682, 2689 – Fußball-Fernsehübertragungsrechte I.

[21]

OLG Düsseldorf 30.1.2019 – VI-Kart 7/16 (V) – Online-Banking, S. 31.

[22]

Vgl. EuGH 4.6.3009 – C-8/08 – T-Mobile Netherlands, Rn. 23.

[23]

EuGH 29.10.1980 – 209-212/78 – van Landewyck, Rn. 86.

[24]

EuGH 7.2.2013 – C-68/12 – Slowakische Banken, Rn. 26.

[25]

EuG 11.3.1999 – T-141/94 – Thyssen Stahl, Rn. 262; OLG Düsseldorf WuW/E DE-R 1315, 1318 – Berliner Transportbeton I; Frankfurter Kommentar/ Roth / Ackermann Art. 81 Abs. 1 EG Grundfragen Rn. 167.

[26]

EuGH 24.10.1995 – 70/93 – BMW/ALD, Rn. 16; EuGH 6.1.2004 – C-2/01 P – Adalat, Rn. 100 ff.

[27]

MK EuWettGR/ Paschke Art. 101 AEUV Rn. 51; Immenga/Mestmäcker/ Emmerich Art. 101 AEUV Rn. 76.

[28]

EuGH 27.1.1987 – 45/85 – Verband der Sachversicherer, Slg 1987, 405, 455 Rn. 32.

[29]

BKartA WuW/E DE-V 1539, 1542 – Arzneimittelhersteller; Europäische Kommission 30.11.1994 – Zement, ABlEU 1994 Nr. L 343/1 Rn. 44; Immenga/Mestmäcker/ Zimmer § 1 GWB Rn. 89.

[30]

EuGH 29.10.1980 – 209/78 – van Landewyck, Rn. 86 ff.; EuGH 27.1.1987 – 45/85 – Verband der Sachversicherer, Rn. 32; Langen/Bunte/ Hengst Art. 101 AEUV Rn. 111.

[31]

EuGH 8.11.1983 – 96/82 – IAZ, Rn. 20; BGH WuW/E DE-R 2408, 2413 – Lottoblock; Bechtold / Bosch § 1 GWB Rn. 21.

[32]

EuGH 4.6.2009 – C-8/08 – T-Mobile Netherlands, Rn. 26; EuGH 16.12.1975 – 114/73 – Suiker Unie, Slg. 1975, 1663, Rn. 26.

[33]

EuGH 28.5.1998 – C-7/95 – John Deere, Rn. 86.

[34]

EuGH 28.5.1998 – C-7/95 – John Deere, Rn. 87.

[35]

EuGH 31.3.1993 – C-89/85 – Zellstoffe, Rn. 63; OLG Düsseldorf WuW/E DE-R 3889 – Silostellgebühren I; Langen/Bunte/ Hengst Art. 101 AEUV Rn. 118 ff.

[36]

EuGH 8.7.1999 – C-199/92 – Hüls, Rn. 161; Immenga/Mestmäcker/ Emmerich Art. 101 Abs. 1 AEUV Rn. 95.

[37]

EuGH 4.6.2009 – C-8/08 – T-Mobile Netherlands, Rn. 51.

[38]

EuGH 14.7.1972 – 48/69 – ICI, Slg. 1972, 619 Rn. 64 f.; Bechtold/Bosch § 1 GWB Rn. 25.

[39]

Vgl. hierzu Immenga/Mestmäcker/ Zimmer § 1 GWB Rn. 97.

[40]

BGH WuW/E BGH 2049 f. – Holzschutzmittel; EuGH 14.7.1981 – 172/80 – Slg. 1981, 2021, 2031.

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