– Das hat mein Vater gemacht. Es war ein sehr besonderer Tag, weißt du … Woher hast du dieses Foto?
– Na, von dir, du musst es meiner Schwester irgendwann gegeben haben.
Aber bevor ich etwas sagen kann, ruft sie ekstatisch aus, sie müsse mich unbedingt den Kuratoren vorstellen, und zieht mich an der Hand durch die große Halle, die sich nach und nach mit einzelnen Menschen zu füllen beginnt.
Wir nähern uns einer hochgewachsenen Georgierin in einem schwarzen Overall und einem unscheinbaren Mann mit Halbglatze und Hornbrille, sie begrüßen mich mit übertriebener Freundlichkeit.
– Keto Kipiani höchstpersönlich!, ruft der untersetzte Mann auf Englisch und streckt mir die Hand hin. Die Georgierin begrüßt mich auf Georgisch und haucht mir Küsschen auf beide Wangen.
– Jetzt sehen wir Sie also leibhaftig, dabei hat man durch die zahlreichen Fotos von Ihnen und Ihren Freundinnen das Gefühl, dass man Sie bereits kennt, fügt die Georgierin diesmal auf Englisch hinzu.
– Genau!, bestärkt sie der Mann.
– Das sind Thea und Mark, die Helden dieser Retrospektive, erklärt mir Anano mit breitem Grinsen. – Mark ist ein weltweit anerkannter Fotografieexperte und leitet das Fotomuseum in Rotterdam, und Thea ist eine renommierte Kunstwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Osteuropa. Sie hat ein großartiges Fotofestival in Tbilissi ins Leben gerufen, du musst es dir unbedingt ansehen.
Anano ist in ihrer Rolle als Gastgeberin sichtlich darum bemüht, dass wir uns alle mindestens genauso wohlfühlen wie sie selbst. Ich lächele verlegen und nicke höflich. Der Satz der Georgierin hat mich aufhorchen lassen: … dabei hat man durch die zahlreichen Fotos von Ihnen und Ihren Freundinnen das Gefühl, dass man Sie bereits kennt …
Natürlich: Wir vier sind hier zur Genüge exponiert. Ich muss mich darauf einstellen, den unzähligen Schattierungen meiner selbst zu begegnen, den Stadien meines Werdens. Ich muss mich darauf einstellen, von der Vergangenheit umarmt zu werden. Ich muss mich darauf einstellen, in die stummen Augen der Toten zu blicken.
Wieder verspüre ich den Drang zu fliehen, wieder blicke ich etwas nervös zum Ausgang, noch ist Zeit, noch kann ich zum Hotel eilen, meinen kleinen Koffer nehmen und mit dem nächsten Zug zum Flughafen fahren, in den Flieger steigen, zurück nach Hause, in meine kleine, abgeschiedene Oase, mich in den blühenden, aus allen Nähten platzenden Garten setzen, einen Wein entkorken und all dem entkommen, den sich anbahnenden Orkan umgehen, verschont bleiben.
Aber plötzlich höre ich ihre Schritte hinter mir, und bevor ich sie sehe, weiß ich bereits, dass Ira gekommen ist. Sie ist eine andere Frau, ein anderer Mensch geworden, von uns allen hat sie vielleicht die bemerkenswerteste Wandlung durchlebt, aber ihre Schritte sind immer noch die gleichen, diese lauten, rhythmischen, schweren Schritte, mit denen sie sich ankündigt und zugleich den Takt vorgibt.
Sie erscheint mir noch größer als in meiner Erinnerung, eine solche Körpergröße war bei ihrer Kinderstatur noch nicht zu erahnen, ihre Eltern waren beide eher klein, und mich erstaunt diese Präsenz jedes Mal aufs Neue, wenn ich sie nach langer Zeit wiedersehe. Sie trägt einen perfekt sitzenden Nadelstreifenanzug, der ihre Androgynität betont, wobei sie die Jacke wegen des warmen Wetters ausgezogen hat und über dem Arm trägt, das eng anliegende weiße T-Shirt unterstreicht ihren trainierten Oberkörper und den imposanten Bizeps. Sie, die Sport früher als idiotische Zeitverschwendung abgetan hat, ist mit den Jahren in den USA zu einem regelrechten Fitnessjunkie geworden und investiert anscheinend immer noch viel Zeit, um ihrem geistigen Niveau auch körperlich in nichts nachzustehen. Ich mag ihre Frisur, die sie vor einigen Jahren für sich entdeckt hat und die mittlerweile zu ihrem Markenzeichen geworden ist, neben ihren auffallenden, farblich variierenden Designeranzügen, die sie wie eine Uniform trägt. Der kurze Bob ist auf der linken Seite eindeutig länger als auf der rechten, und der Nacken ist ausrasiert. Sie trägt, wie zu erwarten, keinerlei Schmuck, hat nur etwas Lipgloss aufgelegt. Sie zieht einen kleinen Alukoffer elegant über den Parkettboden hinter sich her, kommt mit zielsicheren Schritten auf uns zu und breitet die Arme aus. Wobei sie zuerst Anano an sich drückt, dann die beiden Kuratoren begrüßt und sich vorstellt, anschließend schlingt sie ihre Arme um mich. Die anderen drei entfernen sich diskret und überlassen uns einander. Wir stehen eine Weile und halten uns fest in den Armen. Ich rieche ihr maskulines Parfum, das wunderbar zu ihr passt, und fühle mich zum ersten Mal, seit ich einen Fuß in dieses Gebäude gesetzt habe, wohl und sicher, mein Gesicht an Iras Hals gelegt. Wenn sie nervös ist, wovon ich ausgehe, dann sieht man es ihr nicht an, und wie so oft bewundere ich ihre Selbstsicherheit, eine mühevoll erarbeitete Erfolgserscheinung ihres siegreichen Anwaltslebens. Ganz anders als mir merkt man ihr kein Unbehagen an, in die lange ausgetriebene Vergangenheit zurückzukehren.
– Ich bin so froh …, murmelt sie, und ihre Stimme klingt auf einmal etwas gebrochen, als ob die Selbstsicherheit ins Wanken geriete, was mir ein Gefühl der Zufriedenheit gibt, so bin ich nicht ganz allein mit meiner Nervosität und dem Grauen vor diesen Fotografien konfrontiert, davor, exponiert und entlarvt zu werden, vor Hunderten von Menschen, die ihre sensationslüsternen Augen auf mich richten.
– Ich freue mich sehr, dass du gekommen bist. Allein werde ich das nicht durchstehen, sage ich und wundere mich über meine Wortwahl.
– Wir schaffen das schon. Es ist ein wichtiger Tag für uns alle.
– Nene kommt auch?
Ich kann es immer noch nicht glauben, dass sie, nach all dem, was war, in wenigen Minuten diesen Saal betreten und sich gemeinsam mit uns auf dieses Experiment einlassen wird. Sie, die vielleicht den höchsten Preis von uns allen gezahlt hat, im Stich gelassen und immer und immer wieder verraten wurde, sie, die über so viele Jahre jeden Kontakt zu Ira gemieden hat. Und jetzt soll sie all das hinter sich gelassen haben und einfach so in den Flieger gestiegen sein? Ich zweifle bis zur letzten
Minute.
– Sie wird kommen. Ich bin mir sicher, sagt Ira gewohnt zuversichtlich und tritt ein wenig zurück. – Lass dich ansehen. Gut siehst du aus.
– Ach, hör auf, ich habe kaum geschlafen die letzte Nacht, ich habe nichts essen können und fühle mich jetzt schon völlig fertig, ich weiß gar nicht, wie ich diesen Abend …
– Komm schon, stell dich nicht so an!
Diese lapidare Ermahnung regt mich sofort auf. Auch das ist typisch für sie: gewohnt, Befehle zu erteilen, gewohnt, zu manipulieren, gewohnt, zum erwünschten Urteil zu gelangen.
– Ich stelle mich nicht an, mir geht es nicht gut mit alldem.
– Es tut mir leid, sagt sie und schaut mich dabei direkt an. – Ich weiß, dass es für dich besonders schwer ist. Auch ich bin nervös. Ich meine … das ist wirklich die größte Ausstellung bisher, und alle werden kommen. Aber du weißt, dass das Fernbleiben unentschuldbar gewesen wäre. Das hättest du dir niemals verziehen. Und ich dir übrigens auch nicht.
Sie zwinkert mir zu.
– Wusstest du, dass wir hier auch zu den Kunstwerken gehören?, will ich wissen.
– Natürlich, ich meine, was hast du dir denn gedacht, dass die aus irgendeiner idiotischen Pietät die Fotos rauslassen, auf denen wir abgelichtet sind?
Iras und Nenes Umgang mit unseren Porträts ist schon immer ein anderer gewesen als meiner. Die leicht exhibitionistisch veranlagte Nene und die mit einem beeindruckenden Ego ausgestattete Ira genießen es mit sichtlichem Stolz, ein Teil ihrer Kunst geworden und auf diesen schwarzweißen Aufnahmen verewigt worden zu sein. Anders als ich hatten sie auch die vielen anderen Ausstellungen in Georgien oder im Ausland besucht, sorgsam darauf achtend, sich nicht zu begegnen, und Nene hat hier und da sogar eine Rede gehalten und Interviews über ihre spektakuläre Freundin gegeben.
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