Das Bild zeigt uns vier Mädchen an jenem Nachmittag, wie wir nach der Schule unser Abenteuer planen und über den Tisch gebeugt in ein Gespräch vertieft sind, hoch konzentriert, manche von uns ein wenig ängstlich, Dina dagegen euphorisch, bereit zum großen Aufbruch, für die große Mutprobe. Mein Vater muss unseren Anblick so amüsant gefunden haben, dass er es für nötig befand, seine innig geliebte Arbeit zu unterbrechen und die Kamera zu holen.
Ira war zu vernünftig, sich so etwas auszudenken, Nene zu vorsichtig, auch wenn sie nichts anderes tat, als die Schulstunden hindurch zu träumen – von der Freiheit und all dem, was sie damit anstellen könnte, und vor allem von der Liebe, einer übertrieben romantischen, überzuckerten, von Filmen infizierten, atemlosen Liebe. Ich war nichts von alldem, und doch hin- und hergerissen zwischen Dinas Freiheitsdrang, Iras Vernunft und Nenes Träumereien, und so war mir in dieser Konstellation schon zu Beginn die Rolle der Schlichterin, der Ausgleichenden zugewiesen worden, als wäre es immerfort an mir, unsere Freundschaft in der Waage zu halten.
Es war Dina, die den Plan ausgeheckt hatte, die Feuerschluckerin, wie ich sie manchmal nannte, die mit den meisten Schulverweisen, die jede Strafe, die ihr die Erwachsenen für ihre Grenzüberschreitungen auferlegten, mit einem Augenzwinkern hinnahm. Was interessierten sie die Ermahnungen, die Elternabende, bei denen ihre Mutter den verächtlichen Blicken anderer Eltern ausgesetzt war und tiefe Seufzer und das Kopfschütteln der Klassenlehrerin zu erdulden hatte? Diese Strafen entstammten einer Welt, die die Menschen fein säuberlich in gehorsam und rebellisch, in schlau und dumm, in gut und schlecht, in konform und abweichlerisch unterteilte. In Dinas Welt gab es solche Kategorien nicht. In ihrer Welt gab es nur spannend und langweilig, interessant und uninteressant, aufregend und gewöhnlich. Und wenn man sie hätte wirklich strafen wollen, hätte man ihren Maßstäben folgen und sich etwas zu ihren Kategorien Passendes einfallen lassen müssen, aber zum Glück schien ihre Welt den Erwachsenen nicht zugänglich zu sein, und so konnte ihr nichts und niemand etwas anhaben. Und dass Dina die Schule mit einem einigermaßen akzeptablen Abschluss verlassen hatte, war meiner Vermutung nach einzig und allein dem Mitleid der Direktorin mit Dinas alleinerziehender Mutter zu verdanken. Nichts war vor Dinas Neugier sicher, die Neugier war ihr Motor, ihr Kompass, dem sie unbeirrbar folgte. Alles, was ihre Fantasie entzündete, alles, was fremd und anziehend wirkte, musste erkundet und erschlossen werden, jede Grenze war dazu da, überschritten zu werden, jede Absperrung, um sie zu durchbrechen. Und die Kraft, die sie dabei entwickelte, war wie ein Orkan, es war unmöglich, ihr zu widerstehen, sie riss uns mit sich, wie der Wirbelsturm im fernen Kansas Dorothy und Toto ins Land der Munchkins katapultiert hatte – komischerweise eines der wenigen amerikanischen Kinderbücher, die bei uns nicht als »kapitalistischer Schund« eingestuft waren und uns somit zugänglich blieben.
Aber am wenigsten gefeit vor ihrem Orkan war ich. Ich war die Treueste ihres Gefolges, ihr loyalster Gefährte. In all ihre Zauberländer, bis nach Oz selbst, wäre ich ihr gefolgt, und noch viel weiter. Seit dem Tag, an dem wir uns kennenlernten, übte sie eine unwiderstehliche Anziehung auf mich aus, sie steckte mich mit ihrer Neugier an, ich erkrankte an ihr. Nicht dass es mir selbst an Antriebskraft oder Erkundungsdrang gemangelt hätte, nicht dass ich sonderlich brav und gehorsam gewesen wäre, und auch meine Fantasie war durchaus rege. Aber Dinas Erkundungstouren führten viel weiter, als ich selbst zu gehen bereit gewesen wäre.
Und natürlich war es auch Dinas Idee gewesen, in den Botanischen Garten einzusteigen.
Wir vier rasten lachend durch den Tunnel, das Licht von Dinas Taschenlampe flackerte epileptisch im Gang, und unsere Schatten tanzten einen verzerrten Tanz an den feuchten Betonwänden. Der Tunnel galt bei den Tbilisser Kindern als die ultimative Kulisse aller Schauergeschichten, er war angeblich im Zweiten Weltkrieg als Schutzbunker erbaut worden, als es hieß, die Faschisten hätten den Elbrus erreicht. Der Tunnel schien endlos, aber unsere nackten Beine hatten die Angst überwunden, und die Echos unserer Stimmen antworteten uns, bestärkten uns in unserem Vorhaben, es galt, nicht stehen zu bleiben, damit die Dunkelheit und die furchteinflößenden Geräusche unsere Angst bloß nicht wieder wachriefen. Nene war am meisten erregt, erstaunt über ihre eigene Kühnheit, ihr schrilles, explosives, ansteckendes Lachen breitete sich aus und schien diese endlose Leere um uns zum Leben zu erwecken. Das Lachen trug uns davon, immer schneller, immer gelöster und freier, bis wir keuchend, verschwitzt und stolz das andere Ende erreichten und dem Sommerregen in die Arme fielen.
Die Tropfen waren riesig, in Sekundenschnelle waren unsere Uniformkleider, Schürzen und Haare durchnässt, aber es war warm, und es machte uns nichts aus, der unerwartet heiße Juni und unser Mut schützten uns. Nene ließ sich auf den Boden fallen und rang nach Atem. Ira beugte sich nach vorn, stützte ihre Hände auf die Knie, ich lehnte mich an den kalten Tunnelausgang und holte Luft. Aber Dina blieb nicht stehen, als könnte ihr der Atem niemals ausgehen, als wären ihre Lungen für unerreichbare Geschwindigkeiten und endlose Strecken gemacht. Sie breitete die Arme aus und stürzte sich in das Meer aus Regen, dichtem Grün der Pflanzen, warmer Luft und den Gesang des Wasserfalls, den wir alle bereits hören konnten.
– Kommt schon, wir sind gleich da, kommt schon!, rief sie uns zu und ließ den Schein der Taschenlampe über unsere Gesichter wandern.
– Warte, ich muss kurz … ich muss nur kurz …, keuchte Nene, und Ira schüttelte den Kopf, als ärgerte sie sich wieder einmal über die Unvernunft ihrer Freundin, die alle Gefahren ignorierend hierhingekommen war.
Das Ziel war der kleine Wasserfall in der Mitte des Gartens. Das Wasserbecken war für einen Sprung vom Felsen gerade tief genug, und tagsüber im Sommer sah man dort Jungs aus der Nachbarschaft gekonnt Saltos ausführen. Wir hatten bisher immer nur neidvoll zugeschaut, denn bei unseren Besuchen im Botanischen Garten waren entweder Lehrer mit dabei, weil es eine Exkursion war, oder eine Mitarbeiterin von der Kasse, die stets achtgab, dass niemand etwas wagte, was sie ihre Arbeitsstelle kosten könnte.
Nachdem wir wieder zu Atem gekommen waren, machten wir uns, nunmehr eher bedächtig, auf in Richtung des Wasserfalls, schlugen uns durch das magere Mondlicht und den dichtbewachsenen Garten. Der Regen lief über unsere Gesichter, unsere Haare, unsere Kleider und unsere Taschen, und bei jedem Schritt meinte man, kleine Pfützen auf dem Boden zu hinterlassen. Vor uns sahen wir Dinas Taschenlampe immer wieder aufleuchten, ab und zu hörten wir ihre begeisterten Ausrufe, so als müsste sie uns immer noch verführen, überzeugen, die letzten Schritte zum gemeinsamen Ziel auch wirklich zu tun und nicht doch noch vorher kehrtzumachen.
Ira nahm Nene an die Hand, die auf einmal erschöpft wirkte und schreckhaft, als hätte sie schlagartig ihr ganzer Mut verlassen, kaum dass sie den dunklen Tunnel hinter sich gebracht hatte. Wie zwei ältere Damen liefen sie nebeneinander her. Etwas an der Art, wie Ira Nene hinter sich herzog, rührte mich zutiefst – wie sie auf sie aufpasste, auf ihre weichen Füße achtete, dass sie bloß ja nicht stolperten, auf ihre sanften Hände, dass sie sich bloß an keinem abstehenden Ast einen Kratzer holten, auf ihre kleine, rosige, wohlgeformte Statur, ihre babyzarte Haut, ihre sich bereits unter dem Uniformkleid abzeichnenden Brüste; Ira und ich waren die Letzten mit flachen Formen, während Dina und Nene bereits begonnen hatten, sich zu verändern: Dina achtlos und mit einer erstaunlichen Gleichgültigkeit, Nene dagegen mit sichtlichem Stolz und großer Vorfreude auf ihre Frauwerdung, mit ihrem prächtigen weizenblonden Zopf, ihren wässrigen hellblauen Augen, die noch wässriger wurden bei jeder vorhersehbaren Sentimentalität. Ich blieb einen Augenblick stehen, ließ ihnen den Vortritt, um sie besser bestaunen zu können in der Unantastbarkeit ihrer Zweisamkeit.
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