Ich meinte, Nenes Herzklopfen bis zum Eingang des Tunnels zu hören, der wie ein weit aufgerissenes, gähnendes Maul vor uns lag, als wollte er sagen: Ja, ihr glaubt wohl, all eure Ängste überwunden zu haben und schon weit gekommen zu sein, aber das wahrhaft Schauerliche liegt noch vor euch, noch gibt es mich in meiner ganzen dunklen Betonpracht voller Ratten, nicht zu vergessen die gefährlichen Strömungen und albtraumhaften Geräusche.
Ich wandte meinen Blick von dem schwarzen Betonloch ab und konzentrierte mich darauf, Nene und Ira in den Innenhof zu locken. Obwohl der einsetzende Regen mir nicht gerade Mut machte, verjagte ich meine Sorgen angesichts der noch langen Strecke bis zu unserem eigentlichen Ziel.
Ein Auto fuhr vorbei. Nene duckte sich instinktiv. Dina begann zu lachen.
– Sie denkt bestimmt, ihr Onkel sucht bereits nach ihr, und wenn er sie nicht gleich findet, hetzt er ihr seine Hyänen auf den Hals.
– Mach ihr doch nicht noch mehr Angst!, beschwor sie Ira, die Vernünftigste und Pragmatischste von uns vieren, Mitglied des Schachklubs im Pionierpalast und Gewinnerin des vorletzten transkaukasischen Was-Wann-Wo-Quizturniers der Schuljugendmannschaften.
– Komm, Nene, wir beide machen das jetzt!, sagte sie in ihrem gleichmäßig sanften und nachdrücklichen Ton und nahm Nenes zittrige, stets feuchte Hand. Dann bugsierte sie als Erstes Nenes geschmeidigen und weichen Körper durch das Gitter, das Dina und ich auseinanderhielten, und als sich Nene erfolgreich hindurchgezwängt hatte, tat Ira es ihr nach.
– Geschafft! Und war das so schlimm, ihr Angsthasen?, rief Dina triumphierend und ließ das Gitter los, das mit einem armseligen Klappergeräusch zurückschnappte und zitternd in seiner Ausgangsposition zum Stillstand
kam.
– Wir kriegen eine Menge Ärger, das sage ich euch, erwiderte Ira, aber ihrer Stimme fehlte der Nachdruck, denn auch sie war von der Euphorie erfasst und verdrängte alle Sorgen und Gedanken an die Probleme, die wir uns mit unserem nächtlichen Abenteuer unweigerlich einhandeln würden. Dann sah sie nachdenklich zum Himmel, als suchte sie dort eine Karte für unsere bevorstehende Wanderung, und dabei fiel ein dicker Regentropfen auf ihre Brille.
An jenem Nachmittag war ich zu spät vom Mathematiknachhilfeunterricht zurückgekommen, auf den mein Vater bestand und den ich gezwungenermaßen bei einem seiner Professorenfreunde nehmen musste (seine Freunde waren alle entweder Professoren oder Wissenschaftler), und Dina hatte bereits in unserer Küche auf mich gewartet. Unter dem Vorwand, gemeinsam Hausaufgaben zu machen, wollten wir unseren Fluchtplan noch einmal durchgehen. Ira und Nene würden später dazustoßen, Ira hatte Schachunterricht, und Nene musste irgendwelche »Sicherheitsvorkehrungen« treffen, um abends noch das Haus verlassen zu dürfen.
Jetzt kramte Dina eine überdimensionierte Taschenlampe aus ihrem zerrissenen Rucksack, die uns für einen Augenblick in Staunen versetzte.
– Kommt euch bekannt vor, was?, grinste sie. – Ja, das ist die von Beso, aber er merkt es bestimmt nicht einmal, wir bringen sie ihm gleich morgen zurück.
Beso war der Hausmeister unserer Schule, und ich wunderte mich, wie Dina es angestellt hatte, ihm die Taschenlampe zu klauen. Nene lachte laut auf, und als hätte das Lachen ihr Antrieb gegeben, rannte sie auf den dunklen Tunnel zu. Wir alle blickten ihr überrascht hinterher, denn sie war die Zögerlichste von uns allen. Der Grund für Nenes Vorsicht lag in ihrer Familiensituation, beherrscht von ihrem übermächtigen und omnipräsenten Tyrannen von Onkel, den man bei uns im Hof hinter vorgehaltener Hand nur »einen Mann aus der Parallelwelt« nannte. Nenes eigentlich leichtsinniges, nahezu naives und überschwänglich sonniges Gemüt stand in völligem Widerspruch zu der eisernen Hierarchie ihres Zuhauses, in dem die Männer regierten und die Frauen sich kampflos dem patriarchalen Gefüge zu ergeben hatten. Aber zum Glück war Nene eine Frohnatur, ihre Energie und Lebenskraft ließen sich durch keine Drohung und keine Strafe bändigen.
Ira putzte ihre Brille an der weißen Schürze ihrer Schuluniform ab, die nach der Kletterei durch das Gitter nicht mehr ganz so kränklich weiß war wie sonst. Iras Schürze wurde täglich von ihrer Mutter gewaschen, gestärkt, gebügelt und um die Tochter festgezurrt, als wäre sie ein Korsett, und während sich bei uns allen die Schleife hinten im Laufe des Schultags lockerte und der Stoff verrutschte, blieb sie bei Ira stets musterhaft am richtigen Platz, als gälte es, allzeit bereit zu sein für das Auftauchen eines Fotografen, der ein Vorzeigekind für die Titelseite der »Komsomolskaja Prawda« suchte.
Dann begann auch Ira zu rennen, um Nene einzuholen. Soweit ich mich erinnern kann, war Nene der einzige Mensch in Iras Leben, für den sie ihre Disziplin, ihren Pragmatismus und ihre Nüchternheit binnen von Sekunden über Bord werfen konnte. Dass Ira bei unserem spätabendlichen und noch dazu absolut vernunftlosen Ausflug in den Botanischen Garten überhaupt mitmachte, war auch Nenes spontaner Einwilligung zu verdanken. Niemals hätten wir gedacht, dass Nene die Angst vor ihrer Familie und ihre Zögerlichkeit so leicht überwinden und zustimmen würde, als wir ihr den Vorschlag unterbreiteten. Als sie in der großen Pause auf dem Schulhof im Lärm der vorbeirasenden Kinder erklärte, dass sie »selbstverständlich mit von der Partie« sei, sahen wir uns ungläubig an, worauf sie für die nächste Viertelstunde die beleidigte Prinzessin spielte – eine ihrer liebsten Rollen. Jeder Versuch von Ira, ihre Freundin von der »dummen Idee« abzubringen, scheiterte, und so blieb Ira nichts anderes übrig, als zähneknirschend ebenfalls einzuwilligen.
Aus einem für uns nicht nachvollziehbaren Grund hatte Nene von Anfang an eine Art Beschützerinstinkt in der etwas altklugen Ira wachgerufen. Immer hielt sie ihre starke, disziplinierte, schützende Hand über Nenes verführbaren, impulsiven und von wirren Emotionen gesteuerten Kopf, als wartete sie jede Minute darauf, dass Nene etwas Unvorsichtiges tut, um in diesem Augenblick für sie da zu sein – gewappnet für jeden Kampf. Und nun rannte sie ihr hinterher, um ihr beizustehen, sobald sie in die lähmende Dunkelheit des Tunnels eintauchen würde. Der Regen fiel jetzt stärker. Ich warf mir den Rucksack über die Schulter und rannte ebenfalls los. Dina folgte mir, und ich weiß nicht, was uns dazu brachte, dass wir beide gleichzeitig auflachen mussten. Vielleicht war es das Wissen, dass wir dem Glück auf die Schliche gekommen waren. Und dieses Glück schmeckte nach unreifen Zwetschgen und nach staubigem Sommerregen, nach Aufregung und Ungewissheit und vielen mit Puderzucker bestäubten Vorahnungen.
Zaghaft betrete ich den herrschaftlichen, mit wertvollem Fischgrätparkett ausgelegten menschenleeren Saal, im Rücken das Frühlingslicht des späten Nachmittags. In dem Moment gehen brummend die Scheinwerfer an. Das Licht stimmt, beschließe ich auf der Stelle, ich bin erleichtert. Ihre Bilder brauchen dieses bestimmte Licht, dieses geheimnisvolle, nahezu schüchterne Licht, das ihr Können hervorhebt, das entschiedene Schwarzweiß der Fotografien betont, die Klarheit und Stringenz, die nichts Grelles benötigen, auch aus dem Halbschatten zu dem Betrachter sprechen und aus der Düsterheit heraus leuchten können. Ich atme tief ein. Ich bin beeindruckt von den beiden ineinander übergehenden, hallengroßen Räumen, ja, es ist wahrlich eine Retrospektive. Eine Vielzahl ihrer Fotografien – darunter die berühmten und ikonischen, aber auch die weniger bekannten oder bislang unter Verschluss gehaltenen – sind hier versammelt, in dieser fremden, neugierigen Stadt voller Jugendstilhäuser und überfüllter Cafés und Bars, einer Stadt, die sich trotz ihrer Metropolenrolle weigert, diesen Part zu spielen, und sich stattdessen etwas Gemütliches, fast Kleinstädtisches bewahrt hat.
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