„Ja, machen Sie das unbedingt. Wir…“, sagte die Polizistin und sprach den Satz nicht zu Ende.
Stattdessen fasste sie sich reflexartig an den Kopf. Doch es war zu spät. Eine Sturmböe hatte ihre Mütze heruntergerissen und sie wie eine Papiertüte einige Meter durch die Luft gewirbelt. Eine Meute Fans lachte grölend über die Polizistin, die wie eine Fliegenfängerin Jagd nach ihrer Mütze machte. Als sie sie endlich erwischt hatte, applaudierten sie ihr.
Nachdem die anwesenden Polizisten die Fans zurechtgewiesen hatten, fuhr der Polizeiwagen endlich los. Gleichzeitig schob sich die schwarze Wolkenwand über die Sonne und verdunkelte die Stadt, als würde es bereits dämmern.
„Schauen Sie aus dem Fenster“, sagte Herr Lange.
Xenias Handy piepte. Anstatt aus dem Fenster zu schauen, warf sie einen Blick aufs Display, schüttelte den Kopf und murmelte:
„Bei uns sind sie nicht, wird schon alles gut werden, schreibt Maria.“
Wieder piepte es.
„Bei uns auch nicht. Kopf hoch.“
Und wieder.
„Wir haben auch nichts gehört. Macht euch keine Sorgen.“
Dann steckte sie es in ihre Handtasche. Während der Polizeiwagen begann, ohne Eile die Straßen in unmittelbarer Nähe des Bahnhof Zoos entlangzurollen, legte Klaas seine Hand auf Xenias zusammengefaltete Hände, wo er sie ruhen ließ. Wann immer sie Kinder am Straßenrand sahen, hielten sie an, Herr Lange sprang heraus, sprach die Kinder an und zeigte ihnen eines der Fotos. (Kinder sehen oft mehr als Erwachsene, hatte ihnen Herr Lange erklärt.) Aber keinem Kind war ein Geschwisterpaar aufgefallen, das durch die Straßen irrte.
Die Zeit verstrich gnadenlos: Es war inzwischen kurz nach halb fünf. Die zweite Halbzeit war bereits angepfiffen. Im Stadion saßen wahrscheinlich gerade um die fünfzigtausend Menschen und hatten keine Ahnung, was für Ängste Xenia und Klaas aushalten mussten. Die Fans waren längst besoffen und jubelten ihrer Mannschaft zu. Die größtmögliche Katastrophe wäre an jenem Tag eine Niederlage ihrer Mannschaft. Doch schon morgen wäre das Einzige, was vom Frust übrigbliebe, ein Kater. Wie würden sich Klaas und Xenia fühlen, sollten Linus und Meret nicht bis zum Abend gefunden werden oder von sich aus auftauchen?
Jede Minute, die verstrich, war wie ein weiterer Schritt in Richtung Abgrund. Inzwischen fegten Sturmböen durch die Stadt, die selbst die durchtrainiertesten Männer wanken ließen. Eine Melone rollte einsam über den Weg. Es war ein Bild wie aus einem Weltuntergangsfilm von Roland Emmerich. Die Straßen hatten sich, ohne dass Klaas es gemerkt hatte, innerhalb der zurückliegenden halben Stunde geleert. Auf den Terrassen der Cafés und Restaurants waren die Stühle und Tische zusammengestellt und mit schweren Eisenketten aneinandergekettet.
„Mann, Mann, Mann, da braut sich ein Unwetter zusammen, wie ich es lange nicht mehr erlebt habe“, sagte Herr Lange, als er wieder eingestiegen war.
Wie um seinen Eindruck zu bestätigen, trennte just in diesem Augenblick ein Blitz den schwarzen Himmel in zwei Hälften. Einige Sekunden vergingen. Dann knallte es. Kein Grummeln, das zu einem Donnern wurde. Einfach ein Knall. Die wenigen Menschen, die gegen den Sturm kämpften, zuckten zusammen. Auch Xenia zuckte zusammen. Anschließend erstarrte sie wieder.
Die Verzweiflung verwandelte sich zunehmend in eine dumpfe Angst. Klaas hatte sich in den Sitz gedrückt, als säße er beim Zahnarzt und müsste gerade eine schmerzhafte Behandlung über sich ergehen lassen.
Wo waren die Kinder?
„Ich habe da noch eine Idee“, sagte Herr Gülhan und klang dabei so, als glaube er wirklich an seine Idee.
Ohne sich mit Herrn Lange abgesprochen zu haben, parkte Herr Gülhan den Wagen und ging geradewegs auf einen türkischen Mann zu. Bei diesem Mann handelte es sich um einen Lebensmittelhändler, wie es sie in Berlin viele gab. Sein Laden hätte eine 1a-Kulisse für einen klischeebeladenen Film über in Deutschland lebende Türken abgegeben. Vor dem Eingang lag eine einzelne Banane und wenn Bananen rund gewesen wären, wäre sie in Richtung Savignyplatz gerollt. Der Sturm war längst zu einer Kampfansage an die ganze Stadt geworden. Herr Gülhan half dem Mann und sprach mit ihm.
„Das ist Mehmet, ein Onkel von Herrn Gülhan“, sagte Herr Lange.
Xenia reagierte nicht. Sie schaute aus dem Fenster und sah das, was auch Klaas sah: Blitze im Minutentakt. Mal erhellten sie wie ein Scheinwerfer den Himmel, mal erschienen sie in klassischer, gezackter Form. Es folgte brummelnder, hin und wieder krachender Donner. Klaas zweifelte nicht daran, dass dem Tag, an dem die Welt untergehen würde, ein solches Gewitter vorausginge. Auf den Straßen lagen Dutzende, zum Teil armdicke Äste, die Böen ausgerissen hatten, als handelte es sich um Streichhölzer. Klaas erinnerte sich nicht daran, dass Meret jemals ein solches Gewitter bewusst miterlebt hatte. Und selbst wenn dies der Fall gewesen sein sollte, dann waren Xenia und Klaas immer in ihrer Nähe gewesen.
Je genauer Klaas sich ausmalte, was den Kindern in den zurückliegenden Stunden zugestoßen sein könnte, desto heftiger glaubte er zu spüren, wie die Angst sich in ihm ausbreitete und keine anderen Gefühle mehr zuließ. Klaas versuchte sich abzulenken, indem er Herrn Gülhan beobachtete, der es gemeinsam mit seinem Onkel geschafft hatte, sowohl Kartons als auch Tische und Regale ins Innere des Ladens zu bringen. Noch immer unterhielten sie sich angeregt. Dann nickte Herr Gülhan und sah aus, als habe er eine Nachricht erhalten, von der er nicht wusste, ob sie gut oder schlecht war. In dem Moment, in dem Herr Gülhan die Tür öffnete, fielen die ersten Tropfen. Es waren wenige, aber dicke Tropfen, die vom Wind ins Auto getragen wurden. Nachdem die ersten Tropfen als Warnung vorausgeschickt worden waren, brachen die Wolken. Es war so, als hätte zuvor ein Staudamm versucht, die Wassermengen zu halten. Binnen Sekunden bildeten sich kleine Wasserläufe neben den Bürgersteigen. Herr Gülhan ließ sich in den Sitz fallen und rückte seine Mütze zurecht. Dann zeigte er auf einen etwa hundert Meter entfernt liegenden Häuserblock.
„Der Mann mit dem rosa Schal … der wohnt da vorne“, sagte er.
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