Klaas schaute auf seine Uhr. Es war zwanzig vor zwei. Er rechnete und spürte einen Stich in seiner Magengegend. Fast eine Stunde waren die Kinder allein. Vermutlich waren sie inzwischen hungrig. Klaas selbst hätte eigentlich auch Hunger haben müssen. Aber die Leere, die er in sich spürte, hatte nichts mit Hunger zu tun. Hätte er doch bloß geschwiegen... Der Tag hatte so entspannt begonnen, und vielleicht würde der Tag noch entspannt enden. Ja, vielleicht würden sie in einer halben Stunde schon über das Chaos, das die Kinder und vor allem Klaas angerichtet hatten, lachen können. Denn die Kinder saßen wahrscheinlich wirklich auf dem S-Bahnhof Savignyplatz, weil sie zu weit gefahren waren, und Meret fragte gerade nach Mama und Papa und Linus erfand irgendeine verrückte Geschichte. Vielleicht waren sie aber auch in der S-Bahn sitzen geblieben, weil der Mann mit dem rosa Schal so eifrig Gummibärchen verteilt hatte. Bei diesem Gedanken lächelte Klaas nicht mehr. Hätte er diesen Mann bloß nicht gesehen. Er wollte nicht an ihn denken. Er sagte es sich immer wieder, doch es nützte nichts. Wie ein böser Geist, der gar nicht daran dachte, sich vertreiben zu lassen, blitzte das Gesicht des Mannes fortwährend auf. Vielleicht waren sie tatsächlich mitgegangen… Dann saßen sie gerade beim Mann in seiner Zweizimmerwohnung und aßen Nudeln. Und zum Nachtisch Götterspeise, die er für solche Fälle immer im Kühlschrank aufbewahrte. Nicht auszudenken, wenn dem so wäre.
Die Türen schnellten auf. Er stieg aus, schaute sich um und sah einige Fußballfans, die auf ihn wirkten wie Zombies aus einem B-Movie, und einen Obdachlosen. Aber seine Kinder, die sah er nicht. Er gab sich einen Ruck und ging auf den Obdachlosen zu. Er saß auf einer Bank, von der aus er einen guten Überblick über den gesamten Bahnsteig hatte, und hielt einen Tetra Pak Rotwein in der Hand.
„Sagen Sie, haben Sie zufällig zwei Kinder gesehen?“, fragte Klaas.
„Was?“, krächzte er mit der Stimme eines Menschen, der selten Gelegenheit hatte, mit irgendjemandem zu sprechen.
„Haben - Sie - zwei - Kinder - gesehen?“
„Kinder?“
„Ja, zwei Kinder“, sagte Klaas und zeigte dem Obdachlosen auf dem Handy ein Foto seiner Kinder.
Er schaute sich das Foto lange an. Dann nahm er einen Schluck Wein aus dem Tetra Pak.
„Nö, hab ich nicht gesehen“, sagte er.
Wäre auch zu schön gewesen. Die S-Bahnstation lag wie fast alle S-Bahnstationen nicht ebenerdig, und da Meret gern Treppen heruntersprang und noch lieber mit der Rolltreppe fuhr, lief Klaas die Treppen hinunter. Vielleicht saßen sie ja auf irgendeiner Bank auf dem Savignyplatz und aßen ihre Äpfel. Der Savignyplatz war eine überschaubare Grünanlage, die von der Kantstraße geradezu durchschnitten wurde. Klaas benötigte nur wenige Minuten, um sich sicher zu sein, dass die Kinder sich hier nirgendwo aufhielten. Sollte er in den zahlreichen Cafés nachfragen? Nein, in ein Café hätten sie sich mit Sicherheit nicht gesetzt. Plötzlich zuckte er zusammen: Er hörte, wie jemand von innen gegen eine wie ein Einmann-Wohnwagen aussehende öffentliche Toilette klopfte, und auf eine solche Idee käme nur ein Kind! Hätte Meret pinkeln müssen, hätte Linus gewiss nicht gezögert, mit ihr eine solche Toilette zu benutzen. Einen Euro hatte er ja. Noch immer wurde von innen geklopft. Klaas erwiderte das Klopfen und rief währenddessen die Namen der Kinder. Als sich die Toilettentür wie in Zeitlupe automatisch aufschob, lachte Klaas. Das Handy hatte er schon in der Hand, um Xenia sofort anzurufen. Doch als sich die Toilettentür so weit geöffnet hatte, dass er reinsehen konnte, blickte er ins Gesicht einer älteren, übertrieben geschminkten Dame mit rotgefärbten Haaren, die ihn missbilligend anschaute. An der Hand hielt sie einen kleinen Jungen, vielleicht fünf Jahre alt, der absurd schick angezogen war. Bevor die Enttäuschung Klaas überwältigen konnte, klingelte sein Handy. Jemand – wahrscheinlich Hannes – rief aus dem Büchereck an. Er schaute das Handy an wie eine Vogelspinne, wäre sie ihm mitten in Berlin auf einem Bahnsteig über den Fuß gelaufen. Das Handy klingelte munter weiter. Sollte er abnehmen? Worüber sollte er mit Hannes reden? Plötzlich wusste er es, und von einer auf die andere Sekunde war das, was er verloren hatte, wieder da: Hoffnung, die Kinder ohne Hilfe wiederzufinden. Denn vom Bahnhof Zoo ging er selbst zwanzig Minuten zum Büchereck zurück. Linus und Meret bräuchten eine halbe Stunde. Vielleicht nicht mal eine halbe Stunde, weil sie manchmal, vor allem wenn sie aufgeregt waren, etwas ausgeheckt hatten oder einen Überschuss an Energie loswerden mussten, einfach liefen, um von Punkt A nach Punkt B zu kommen. Klaas drückte auf die Taste mit dem grünen Hörer.
„Sind sie da?“, fragte Klaas.
Hannes stutzte. Was los sei?
„Ach nichts“, sagte Klaas.
Wenn die Kinder im Büchereck gewesen wären, hätte Hannes gewusst, was los war. Dort, wo zuvor noch die Hoffnung gewesen war, war nur noch ein tiefes, schwarzes Loch. Aber Hannes kannte Klaas viel zu lange, um sich mit einem „ach nichts“ abzufinden. Doch, es sei etwas, sagte er und fragte, wer genau da sein sollte.
„Die Kinder sind weg“, sagte Klaas.
Weg?
„Ja, weg, aber noch nicht lange, wir haben gerade erst mit der Suche begonnen.“
Ob sie schon die Polizei eingeschaltet hätten. Klaas zuckte zusammen, als hätte ihn jemand angerempelt. Die Polizei … ja, vielleicht hätten sie sie tatsächlich sofort einschalten sollen.
„Nein“, sagte Klaas, und dann: „Sag mal, warum rufst du eigentlich an, das tust du doch sonst nie.“
Wegen einer Kundin, die behaupte, Klaas habe ihr gesagt, sie könne heute Der Alchimist von Coelho abholen. Und sie sage, sie verlasse erst das Büchereck, wenn er mit Klaas gesprochen habe, sagte Hannes. Klaas hörte an seinem Tonfall, wie leid es ihm tat, ihm wegen einer solchen Lappalie wie ein Berufsanfänger mit einem Ich-lerne-noch-Schild auf der Brust hinterhertelefoniert zu haben.
„Sag ihr, sie soll was Besseres lesen.“
Er werde ihr Trainspotting empfehlen, sagte Hannes und versprach sich zu melden, sobald die Kinder auftauchten, und er und Xenia sollten sich wenigstens ums Büchereck keine Sorgen machen. Er bleibe da bis acht und schließe dann.
„Du hast um vier Feierabend.“
Nein, habe er nicht, und Ceyhan auch nicht, sagte er und legte auf, bevor Klaas irgendetwas sagen konnte. Als er wieder auf dem Bahnsteig stand, klingelte erneut das Handy. Sein Herz begann derart zu rasen, als er Xenias Nummer sah, dass Klaas sich an die Brust fasste. Es hätte ihn nicht gewundert, hätte sein Brustkorb vibriert.
Hoffentlich hat sie gute Nachrichten, dachte er. Klaas merkte allerdings schon an Xenias Begrüßung, dass das nicht der Fall war. Sie sagte, dass er seit über einer halben Stunde weg sei. Er entschuldigte sich, erzählte von Hannes’ Anruf und sagte, dass er zurückkomme und sie dann weitersehen müssten. Zu mehr reichte es nicht.
In dem Augenblick, in dem er in eine S-Bahn Richtung Bahnhof Zoo stieg, überfiel ihn plötzlich eine Ahnung, die finster und bedrohlich war. In letzter Sekunde sprang er durch den schmalen Spalt der sich bereits schließenden Türen wieder heraus und ging zum Obdachlosen, der an einem Zigarettenstummel zog.
„Ah, der Mann, der seine Kinder sucht“, sagte er, als er Klaas auf sich zukommen sah.
Dabei wirkte er so, als freue er sich über die Abwechslung. Und dass er sich an Klaas erinnerte, war kein schlechtes Zeichen. Offensichtlich hatte er noch nicht sein ganzes Gehirn weggesoffen.
„Genau, jetzt suche ich einen Mann, einen auffälligen, älteren Mann mit einem Schal, genauer gesagt mit einem…“
„…rosa Schal? Den habe ich gesehen!“
Das gibt es doch nicht, dachte Klaas, der am ganzen Körper leicht zu zittern begann.
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