„Sie könnten die Polizei rufen“, sagte der Schaffner, der noch immer neben ihnen stand.
„Noch nicht“, sagte Klaas.
Dann schaute er Xenia an.
„Oder was meinst du?“
Xenia zuckte die Achseln, während der Schaffner von Touristen auf irgendeiner Sprache angesprochen und in ein Gespräch verwickelt wurde. Sie wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht.
„Keine Ahnung.“
Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu:
„Ich habe einfach Angst.“
Anschließend standen sie eine Weile schweigend auf dem Bahnsteig und schauten sich um, als handelte es sich bei ihnen um Dorfbewohner, die keine Ahnung haben, wie man sich auf einem Bahnhof mit mehr als einem Gleis verhält. Die Zeit verstrich quälend langsam. Wären sie zu viert geblieben, wären sie zu den Rolltreppen gegangen und hinunter in die Halle gefahren, und wenn irgendjemand zu ihnen gesagt hätte, dass das Chaos auf den Bahnsteigen fürchterlich sei, hätten sie gefragt: Welches Chaos? Aber sie waren nicht zu viert. Deshalb beobachteten sie mit stillem Entsetzen, wie eine Handvoll Polizisten am Ende des Bahnsteigs mit einem Dutzend Fans um eine Fahne kämpfte, die die Fans zuvor offensichtlich irgendwo nicht ganz legal befestigt hatten.
„Ich … ich finde, dass wir die Polizei einschalten sollten. Und zwar jetzt“, sagte Xenia.
„Das ist zu früh. Die sind bestimmt irgendwo hier in der Nähe. Und Linus passt ja auf Meret auf. Bei Kindern … da leiten sie doch bestimmt gleich einen Großeinsatz ein.“
„Ja, und wenn?“
Wieder kam eine Horde Fans die Treppen hoch und schwappte wie die ersten Ausläufer einer Flut über den Bahnsteig. Die Männer hatten Bierflaschen in der Hand und grölten ihren bekloppten Lieblingsschlachtruf Ha Ho He – Hertha BSC. Mit einem Gefühl der Beklemmung verfolgte Klaas, wie sich die Massen aus der S-Bahn herausschoben, während sich Fans, Touristen und ein paar Berliner in die S-Bahn hineinschoben, als ließe sich auf diese Weise Zeit gewinnen. Es entstand ein hässliches Gedrängel, das jeden Großstadt-Skeptiker endgültig davon überzeugt hätte, dass das Leben auf dem Land dem Leben in einer Stadt wie Berlin vorzuziehen sei.
„Ich will noch raus“, schrie irgendjemand.
„Kein Problem, kein Problem, nächste Station kannste raus“, lallte ein Fan.
Und dann gingen die Türen zu und das Chaos fand sein vorläufiges Ende. Die S-Bahn, in die die Kinder eingestiegen waren, war nicht derart überfüllt gewesen. Aber angenommen, beim Bahnhof Zoo hätte sich ebenfalls eine solche Menschenmenge ohne Rücksicht auf Verluste in die S-Bahn gequetscht? Wie wären Linus und Meret mit einer solchen Situation umgegangen? Linus konnte sich durchaus durchsetzen. Er rief, wenn er feststeckte, mit kindlich kreischender Stimme: Lasst uns raus! Oder: Mach Platz! Oder: Weg da! Und Meret … schob sich einfach zwischen den Beinen durch und schien auch im unübersichtlichsten Chaos eher die sportliche Seite zu sehen. So verhielten sich die Kinder jedenfalls, wenn Xenia und Klaas Rückendeckung gaben und helfen konnten, wenn gar nichts mehr ging. Klaas hatte noch nie Anlass gehabt sich zu überlegen, wie sie sich ohne Eltern in einem solchen Fall verhielten.
„Was ist jetzt?“, fragte Xenia.
Klaas sagte nichts, weil ihm nichts einfiel. Xenia zupfte ihm daraufhin am Pullover, als sei er eingeschlafen und müsste geweckt werden.
„Hey, ich warte auf eine bessere Idee. Ich bleibe hier jedenfalls nicht stehen und drehe Däumchen“, sagte sie.
Dabei sah sie ihn an, als würde sie sich innerlich auf einen Streit oder mehr vorbereiten.
„Ich zähle bis drei. Wenn du bis dahin keinen Vorschlag gemacht hast, rufe ich die Polizei. Also: eins … zwei…“
„Die … die Kinder sind doch vielleicht einfach schon losgegangen. Ich finde es zu früh für die Polizei. Linus bekommt bestimmt ein schlechtes Gewissen, wenn wir wegen ihm die Polizei gerufen haben.“
„Also bleiben wir hier wirklich stehen, warten und…“
Klaas unterbrach sie sofort und sagte:
„Was hältst du davon, wenn einer von uns einfach beim Zoo vorbeischaut und guckt, ob sie da irgendwo sind?“
Xenia sah ihn an und schien über seinen Vorschlag nachzudenken. Dann nickte sie.
„Ja, vielleicht hast du recht.“
Während sie auf dem Bahnsteig wartete, lief Klaas los und drängelte sich eine Minute später an den Schlangen vor den Kartenhäuschen vorbei. Bei der Drehtür blieb er stehen und fragte einen schnurrbärtigen Zooangestellten nach Linus und Meret.
„Ich habe tausend Kinder gesehen“, sagte der Mann.
„Ja, aber es geht um diese Kinder“, sagte Klaas und zeigte ein Handyfoto.
„Standen die beiden hier und sahen aus, als würden sie auf ihre Eltern warten?“
Der Mann warf einen flüchtigen Blick aufs Display.
„Nee, glaube ich nicht. Aber kann natürlich sein. Sie sehen doch, was hier los ist.“
Jetzt rief Klaas nach Linus und Meret und schaute in alle Richtungen. Einige Eltern nahmen ihre eigenen Kinder daraufhin an die Hand, als müssten sie vor so einem Irren beschützt werden, was Klaas egal war. Als er sie nicht sah und niemand auf seine Rufe reagierte, rannte er zurück. Selten zuvor hatte er das Gefühl gehabt, es derart eilig zu haben. Xenia stand noch an derselben Stelle. Es schien fast so, als handelte es sich bei ihr um eine Wachsfigur. Als Klaas sie ansprach, drehte sie wie in Zeitlupe ihren Kopf in seine Richtung.
Bevor sie etwas fragte, sagte er: „Die Kinder waren nicht da. Was hältst du davon, wenn ich erst mal eine Station weiterfahre und dort suche? Und du wartest hier, falls die Kinder doch noch kommen. Kann doch gut sein, dass sie es nicht rausgeschafft haben oder einfach nicht rechtzeitig aufgestanden sind.“
Xenia sah ihn mehrere Sekunden lang vollkommen ausdruckslos an. So, als hätte er sie in einer unbekannten Sprache angesprochen. Dann sagte sie:
„So verlieren wir doch bloß Zeit. Wenn etwas passiert ist, dann…“
„Es ist nichts passiert. Jedenfalls nichts Schlimmes. Linus und Meret sind doch nicht an einem Samstag am helllichten Tag mitten in Berlin gekidnappt worden.“
Und während er das sagte, glaubte er es wirklich. In diesem Moment fuhr die nächste S-Bahn Richtung Spandau ein. Klaas schaute Xenia an. Xenia, die seinen fragenden Blick stumm erwiderte, wirkte ratlos. Dann nahm sie Klaas’ Kopf in beide Hände und drückte ihre salzig schmeckenden Lippen derart fest gegen seine Lippen, als wüsste sie nicht, ob sie ihn jemals wiedersehen würde.
„Na mach schon“, sagte sie, als sie sich voneinander gelöst hatten.
Sie schob ihn geradezu in die S-Bahn, in der es schwierig war, zwischen den Fans wenigstens einen Stehplatz zu bekommen.
„Viel Glück…“, rief sie, bevor sich die Türen schlossen.
Klaas nickte und versuchte zu lächeln. Ob es ihm gelungen war, wusste er nicht. Vielleicht warteten die Kinder tatsächlich am Savignyplatz. Sollten sie es jedoch nicht tun und sollte er mit leeren Händen zurückkommen und auch Xenia die Kinder nicht gefunden haben, war nicht ausgeschlossen, dass sie – Xenia und er selbst – die Nerven verlieren würden und die Situation endgültig aus dem Ruder liefe. Wie es dann weitergehen würde, wusste Klaas nicht. Vielleicht käme Xenia auf die Idee, ihn daran zu erinnern, dass sie Linus längst ein GPS-Handy hatte kaufen wollen und er dagegen gewesen war. („Ein Kind will auch mal alleine sein und das Gefühl haben, nicht immer kontrolliert zu werden!“) Und wenn sie ihm so käme, was sollte er dann sagen? Die Wahrheit war: Er war tief in seinem Inneren noch immer der Meinung, dass ein siebenjähriger Junge kein Handy brauchte. Und erst recht kein GPS-Handy. In der Vergangenheit waren solche Gespräche immer harmlos verlaufen. So wie ihre Samstagmorgen-Diskussionen war es eher wie ein Spiel gewesen, bei dem jeder seine einstudierte Rolle gespielt hatte und wahrscheinlich enttäuscht gewesen wäre, hätte der eine dem anderen plötzlich Recht gegeben. Und da Xenia sich immer durchsetzte, wenn sie sich wirklich durchsetzen wollte, war Klaas stets davon ausgegangen, dass selbst Xenia die Ausstattung ihres siebenjährigen Sohnes mit einem Sicherheitshandy für übertrieben gehalten hatte. Aber nun waren die Kinder weg.
Читать дальше