„Hatte der Mann Kinder an der Hand gehabt?“, fragte er.
„Keine Ahnung.“
„Das hätten Sie doch sehen müssen.“
„Nein, ich habe nur auf den Schal geachtet. War schon eine komische Erscheinung, der Typ. Seine Arme hingen runter wie Spaghetti. Kann schon sein, dass da Kinder dran waren, an den Händen, meine ich.“
Klaas entfernte sich rückwärtsgehend vom Obdachlosen, der genüsslich am Zigarettenstummel zog, und stieg in die nächste S-Bahn. In der S-Bahn starrte ihn eine ältere Dame an, als hätte sie noch nie einen Mann seines Alters gesehen.
„Junger Mann … setzen Sie sich doch. Ich steige eh gleich aus“, sagte sie.
Klaas zögerte einen Augenblick. Dann zuckte er die Achseln, bedankte sich und ließ sich auf den Sitz fallen. Kaum saß er, fuhr die S-Bahn im Bahnhof Zoo ein. Klaas stellte sich an die Tür und sprang in dem Moment, in dem sie aufschnellte, auf den Bahnsteig. Xenia sah ihn und fiel ihm in die Arme. Sie weinte nicht, sie heulte.
„Wir … lass uns … wir müssen die Polizei einschalten“, sagte Klaas mit mechanischer Stimme.
Xenia sah ihn mit einem Blick an, als wollte sie ihm sagen, dass genau das ihr erster Vorschlag gewesen war. Er befürchtete, sie würde ihn vor Wut und Verzweiflung anbrüllen.
Doch sie nickte nur.
„Oh mein Gott“, flüsterte Xenia, kaum hatten sie das Bahnhofsgebäude verlassen.
Sie zeigte schräg nach oben. Nun sah auch Klaas, wie der kräftiger werdende Wind eine schwarze Wolkenwand in ihre Richtung schob. Die Wolkenwand war wie eine unmissverständliche Botschaft: Sie mussten die Kinder finden, bevor das Unwetter die Suche behindern, wenn nicht gar unmöglich machen würde.
„Komm … ein Grund mehr, die Polizei einzuschalten. Lass uns einen Polizisten suchen“, sagte Klaas und nahm Xenia an die Hand.
Die Suche nach Polizisten war nicht besonders kompliziert. Während auf den Bahnsteigen vor allem Sicherheitspersonal gewesen war, so stolperte man vor dem Gebäude geradezu über reguläre Polizisten. Klaas sprach eine von einem älteren Polizisten begleitete auffallend junge Polizistin an, die so klein war, dass Klaas sich fragte, ob es bei der Polizei überhaupt noch so etwas wie eine Mindestgröße gebe. Mit ihren Sommersprossen und ihrem roten, zum Zopf zusammengebundenen Haar wirkte sie, als wäre Pipi Langstrumpf erwachsen geworden. Der Polizist wiederum hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Horst Tappert als Derrick in den späten Folgen und strahlte auch nicht mehr Energie aus. Klaas schilderte diesem eigenartigen Duo, was seit dem Moment, als Linus und Meret allein in die S-Bahn gestiegen waren, geschehen war. Xenia stand wie eine stumme Zeugin neben ihm. Als Klaas sagte, wen der Obdachlose gesehen hatte, zog Xenia ihre Hand jedoch weg, als hätte sie einen Schlag bekommen. Augenblicklich bereute Klaas, ihr nicht gleich von der Beobachtung des Obdachlosen erzählt zu haben.
„Entschuldige … ich wollte dich nicht noch mehr beunruhigen…“, sagte er.
Xenia schaute ihn an. Dann streichelte sie ihm einmal über die Wange, nahm seine Hand und beschrieb den Mann mit dem rosa Schal so exakt, als hätte sie vor Kurzem ein Portrait von ihm angefertigt.
„Wir glauben … wir befürchten…“
Weiter kam sie nicht.
„Machen Sie sich bitte erst einmal keine Sorgen. Solche Fälle enden fast immer damit, dass wir die Kinder gesund und munter wiederfinden. Meistens haben sie sich einfach verlaufen. Manchmal werden sie durch irgendetwas abgelenkt und vergessen die Zeit. Gerade neulich haben wir ein als vermisst gemeldetes Kind auf dem Breitscheidplatz gefunden. Dort stand es und hatte offensichtlich stundenlang Straßenkünstlern zugeguckt“, sagte die Polizistin.
„Was meinen Sie mit fast ?“, fragte Xenia.
„Es kann halt immer was passieren. Aber vor allem bei Kindern sind wir auch oft in der Lage, Schlimmeres zu verhindern. Und deshalb leiten wir jetzt sofort die Fahndung ein.“
Xenia nickte wie in Zeitlupe.
„Wir bräuchten zunächst ein Foto Ihrer Kinder und Ihre Personalien“, sagte der Polizist.
Noch auf der Straße reichten sie dem Polizisten ihre Personalausweise und diktierten ihm ihre Handynummern, die der Polizist notierte und die Polizistin direkt in ihr eigenes Handy speicherte. Anschließend gab Xenia dem Polizisten das aktuellste der drei Fotos aus ihrem Portemonnaie und schickte eine ganze Auswahl an Handyfotos der Polizistin. Im selben Augenblick rollte ein Streifenwagen auf sie zu und hielt neben ihnen. Sie sollten auf der Rückbank Platz nehmen. Der Fahrer sagte, er heiße Herr Gülhan, warf einen Blick auf die Fotos, sagte, dass die Kinder süß seien und fügte hinzu, er selbst habe auch zwei Kinder. Und sie sollten sich keine Sorgen machen, der große Bruder passe bestimmt auf seine kleine Schwester auf. Der Polizist auf dem Beifahrersitz hieß Lange, war ein wenig älter als Herr Gülhan und trug einen derart vollen Vollbart, dass man ihn problemlos undercover in der Islamistenszene hätte ermitteln lassen können. Er erkundigte sich, nachdem er ebenfalls einen Blick auf die Fotos geworfen hatte, nach ihren Berufen.
„Ich bin Buchhändler“, sagte Klaas.
„Oh, ich lese gern. Vor allem die Krimis von Volker Kutscher“, sagte Herr Lange.
Xenia sagte nichts und Herr Lange fragte nicht weiter nach. Als Herr Gülhan erneut um die Beschreibung des Mannes mit dem rosa Schal bat, beschrieb Xenia ihn so detailliert wie zuvor.
„Na, wenn er hier herumläuft, werden wir ihn schon finden“, sagte er und gab die Beschreibung an alle Funkstreifen weiter.
„Und dass der Mann einen rosa Schal trägt, hat nichts zu bedeuten. In Berlin gibt es schon lange nichts mehr, was es nicht gibt.“
Xenia, die aus dem Fenster starrte, als hoffte sie, Linus und Meret könnten einfach auf dem Busbahnhof herumlaufen, schien ihn nicht gehört zu haben. Klaas schaute auf seine Uhr. Es war halb drei. Die Kinder waren schon seit über zwei Stunden weg. Einfach weg! Im schlimmsten Fall zwei Stunden in der Hand eines Verrückten. Die Polizistin, die ihre gesamte Energie zu bündeln schien, um ihren Beitrag zur Lösung leisten zu können, kam noch einmal zum Streifenwagen.
„Mein Kollege macht sich auf den Weg zur Dienststelle und leitet von dort die Fahndung ein“, sagte sie.
„Was ist eigentlich mit den Überwachungskameras?“, fragte Klaas.
„Ach, wissen Sie, an einem solchen Tag ist es fraglich, ob man die Kinder überhaupt darauf sieht, und dann haben die Fans wohl auch irgendeinen Unsinn gemacht und eine Fahne über eine der Kameras gehängt. Außerdem bräuchten wir Sie für die Auswertung, aber viel dringender brauchen wir Sie eigentlich im Auto. Später vielleicht.“
So viele Argumente, und jedes einzelne verstärkte das taube Gefühl der Machtlosigkeit.
„Okay, ich gehe gleich zum Zoo, zur Not auch ohne begleitenden Kollegen“, sagte sie.
„Da war ich schon. Die Kinder sind dort nicht gesehen worden und die Familienkarte hat meine Frau“, sagte Klaas.
„Sie können später hingegangen sein, um dort zu warten. Vielleicht hat sie auch eine Familie einfach schon mal mit reingenommen, es ist zumindest eine Chance. Und der Zoo war doch das gemeinsame Ziel, oder?“
Xenia nickte. Obwohl sie vollkommen abwesend gewirkt hatte, hatte sie offensichtlich zugehört.
„Ich schreibe einmal kurz in die Elterngruppe, vielleicht meldet sich ja jemand“, sagte sie.
Klaas versuchte sie aufmunternd anzulächeln. Ob es ihm gelang, wusste er nicht. Und eigentlich war es auch egal, denn sie hatte nicht in seine Richtung geschaut. Und das war auch gut so. Denn wahrscheinlich hätte sie gesehen, dass er sich zum Lächeln hatte zwingen müssen. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hielt er es für ausgeschlossen, dass befreundete Eltern zu Linus und Meret gesagt hatten: „Hey ihr beiden, kommt doch schon mal mit uns mit!“ Es gab vermutlich auf dem gesamten Planeten niemanden, der sich in einem solchen Fall nicht sofort gemeldet hätte. Und Xenia hatte ihr Handy immer auf laut gestellt, weil sie unbedingt durchgehend für Merets Kita und Linus‘ Grundschule erreichbar sein wollte. Für den Fall der Fälle. Der nun eingetreten war. Allerdings weder in der Kita noch in der Schule.
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