„Die Kinder … sie … sie sind nicht hier“, sagte er.
***
Bis dahin war es ein eher unspektakulärer Samstagvormittag gewesen. Unmittelbar nach dem Frühstück hatte Klaas noch kurz im Büchereck vorbeigeschaut, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Aber Ceyhan, die für die Gastronomie zuständig war und wie fünfundzwanzig aussah, obwohl sie schon vierzig war, und sein mittlerweile fünfunddreißigjähriger Buchhändler Hannes, der als Abiturient durchgegangen wäre, hatten wie immer alles unter Kontrolle und ihn mit den Worten „Jetzt geh‘ endlich mit Xenia und den Kindern in den Zoo“ weggeschickt. Dann hatte allerdings eine Stammkundin den Laden betreten, und Klaas hatte gar nicht anders gekonnt, als sie erstens persönlich zu beraten und zweitens über das April-Wetter zu rätseln. (Tagsüber war es warm, nachts frostig, und für den Nachmittag war ein heftiges Gewitter angekündigt.)
„Wir hätten nie direkt über den Laden ziehen sollen“, sagte Xenia, als er wieder die Wohnung betrat.
„Ist doch super, wir müssen nur die Treppe runtergehen und...“
„Genau das ist das Problem. Du bist montags bis freitags von acht bis acht im Laden, weil du meinst, dich auch ums Café kümmern zu müssen, obwohl Ceyhan das besser kann.“
„Ja, aber…“
„Nichts aber. Die Abmachung war, dass du zumindest an einem Tag in der Woche nicht im Laden bist.“
„Ich habe doch nur vorbeigeschaut.“
„Genau. Und die Nachmittagsschicht hast du zur Familienschicht erklärt.“
„Ja, denn samstags ist am meisten los. Und deshalb ist es fair, dass wir eine Schicht übernehmen. Dass wir mit den Kindern ausgerechnet samstags in den Zoo gehen, das hast übrigens du durchgesetzt, weil…“
„…da die Geschäfte aufhaben und...“
„…vor allem Linus auch gern mit seinem Papa in den Legoladen geht, ich weiß. Hast du schon hundertmal erklärt.“
„Leider hast du es hundertmal nicht begriffen.“
„Ach, komm schon.“
Klaas winkte ab und sagte nichts mehr. Wie oft hatten sie diese Diskussion schon geführt? Vielleicht nicht hundertmal, aber zwanzigmal bestimmt.
„Was soll’s, bringt ja eh nichts“, sagte Xenia mehr zu sich selbst als zu Klaas.
Sie ging ins Spielzimmer und erzählte den Kindern, dass sie wieder in den Zoo gehen wollten. Daraufhin stürzten sie jauchzend in ihr Schlafzimmer, in dem nur ein Hochbett und ein Kleiderschrank standen, und zogen sich an. Linus entschied sich für einen dünnen dunkelblauen Pullover und eine Jeans, Meret suchte sich einen roten Pullover mit silberner Glitzerprinzessin und eine lila Leggins mit rosa Blumen aus. Anschließend rannten sie ins Spielzimmer, in dem eine angefangene Legoritterburg darauf wartete, weitergebaut zu werden, und Plastikgeschirr und Ausmal- und Stickerhefte auf dem Boden verteilt waren. Hier suchten sie Sachen für den Ausflug zusammen, wobei Xenia ihnen half, während Klaas das Chaos Zeitung lesend aus den Augenwinkeln beobachtete. Wie jeden Samstag wunderte er sich darüber, dass sich die Kinder verhielten, als gingen sie zum ersten Mal in den Zoo. Als sie zum Aufbruch bereit im Flur standen, zeigte Meret ihrem großen Bruder, was sie alles in den Rucksack gepackt hatte:
ein Dutzend Pixibücher (davon acht Conni-Geschichten, die sie liebte)
ihre mit Wasser gefüllte Pipi Langstrumpf-Trinkflasche
eine kleine Puppe im Schlafanzug mit Schnuller im Mund, die Meret immer nur „mein Baby“ nannte
einen Apfel (den Xenia ihr gegen ihren Willen in die Hand gedrückt hatte)
Linus zeigte ihr daraufhin, was er eingepackt hatte:
den Feuerkelch (Die ersten drei Harry-Potter-Bände hatte Xenia ihm vorgelesen, den vierten Band las Linus inzwischen allein, obwohl er nach Xenias und Klaas‘ Ansicht dafür viel zu jung war.)
eine mit Wasser gefüllte Peter Pan-Flasche
einen Apfel (den er freiwillig eingesteckt hatte)
einen Noteuro
eine kleine Stablampe, die sich auf den Boden stellen und wie eine Nachttischlampe benutzen ließ
Die Taschenlampe nahm er überallhin mit. Er fragte, ob er nicht auch ein Taschenmesser und Streichhölzer einstecken dürfe, und natürlich begründete er seine Bitte mit einer Fülle von Argumenten, von denen das Argument, dass er sich im Zoo verlaufen könnte und gezwungen wäre, dort zu übernachten, sich ein Feuer zu machen und sich gegen freilaufende Tiere zu verteidigen, das originellste war. Es nützte aber nichts.
„Wollen wir nicht lieber alles in einen großen Rucksack stecken?“, fragte Klaas.
„Ich trag meine Sachen allein“, sagte Linus. „Ich bin ja kein Baby mehr.“
„Und ich bin auch kein Baby mehr“, sagte Meret.
„Denkt an eure Jacken!“, sagte Xenia, woraufhin Linus und Meret ihre Regenjacken in ihre Rucksäcke stopften.
Dann verschwanden sie im Treppenhaus und man hörte sie die Treppen herunterrennen, als hätten sie Angst, dass es sich ihre Eltern noch anders überlegen könnten. Klaas, der davon ausging, irgendwann beide Rucksäcke tragen zu müssen, nahm nichts mit.
„Na komm“, sagte Xenia, die ihre Handtasche umhängte und ihm einen Kuss auf die Wange gab.
„Ich will einmal schaukeln“, sagte Meret, als sie auf halbem Weg an einem Spielplatz vorbeikamen.
Während Linus und Meret schaukelten, schaute Klaas Xenia an, die sich zu Klaas‘ Erstaunen nicht neben die Schaukel stellte, um auf Meret aufzupassen. (Was sie eigentlich immer tat, obwohl Meret noch nie von der Schaukel gefallen war.) Während er in seiner Bluejeans, seinem schwarzen Kapuzenpulli, seinen ausgetretenen Sambaturnschuhen und seinen zotteligen Haaren aussah wie ein Mann, um den sich die Frauen nicht mehr unbedingt rissen, so gehörte Xenia in ihrer eng anliegenden schwarzen Jeans, ihrem dünnen lila Pullover, der ihre weibliche Figur zur Geltung brachte, ohne dass es aufdringlich wirkte, den schwarzen Sommerschuhen und den auf die Schulter herabfallenden, schwarz glänzenden Haaren zu den Frauen, denen vermutlich selbst Studenten hinterherguckten und Männer ab dreißig sowieso.
Schließlich gingen sie, ohne dass sie darüber gesprochen hätten und ohne konkreten Anlass, weiter zur S-Bahn-Station Tiergarten, obwohl sie meistens zu Fuß zum Zoo gingen. Wie der Tag verlaufen könnte, wusste Klaas in jenem Moment nicht. Aber die Möglichkeit, dass er zum Albtraum werden würde, hätte er gewiss ausgeschlossen.
Xenia atmete langsam ein und aus. So, als hätte sie Angst, das Atmen andernfalls zu vergessen. Sie gingen zu einem glatzköpfigen, älteren Mann, der in seiner Uniform wie ein klassischer Schaffner aussah.. Nachdem Xenia mit immer wieder stockender Stimme erzählt hatte, was geschehen war, winkte er ab und sagte, dass das immer wieder vorkomme. Er ließ die Kinder ausrufen. Wenige Minuten später ließ er sie erneut ausrufen. Der Bahnsteig, auf dem Klaas und Xenia warteten, wurde klar und deutlich genannt. Alles an dem Ausruf war klar und deutlich, und Linus hätte gewiss keine Probleme gehabt, das richtige Gleis zu finden. Vorausgesetzt … er hörte den Ausruf. Klaas ließ Xenia, die inzwischen nicht mehr langsam, sondern stoßweise atmete, beim Schaffner stehen und fuhr mit der Rolltreppe hinab in die Bahnhofshalle. Es war nicht ausgeschlossen, dass Linus Meret überredet hatte, mit ihm in den Zeitschriftenladen zu gehen, um in irgendwelchen Comics zu blättern. Aber auch hier waren sie nicht, und der Verkäufer erinnerte sich nicht daran, sie gesehen zu haben. Klaas wischte sich über die Stirn. Er hatte nicht gemerkt, dass er begonnen hatte zu schwitzen. Inzwischen rann der Schweiß seine Stirn herunter und brannte in seinen Augen. Xenia schüttelte den Kopf, als er endlich wieder neben ihr stand.
„Die Kinder sind weg … was … was machen wir jetzt bloß?“, sagte sie mit einer Stimme, die nicht mehr als ein Krächzen war.
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