Eine junge Agentin wie sie zu diesem Auftrag zu schicken, war schon eine Herausforderung und ihr war zunächst ganz schwindlig geworden, als Horacio Sanders, der neue Chef des SAD, ihr die Einzelheiten des Auftrags mitgeteilt hatte. Sie hatte den Auftrag erhalten, einen der gefährlichsten Drogenhändler Mexikos zu liquidieren und sie hatte es geschafft. Eduardo Miguel Perez, von Freund und Feind auch El Brujo genannt, der Hexer, lebte nicht mehr, denn Sanders hatte die größte Schwäche des Drogenbosses herausgefunden, schöne junge Frauen, und Thyburn passte genau in dieses Beuteschema.
Perez war vor seinem plötzlichen Ableben ohne Zweifel ein schöner Mann, groß, gepflegt, mit einem Teint aus schimmernder Bronze, weißen Zähne, die ein Vermögen gekostet haben müssen und Anzügen aus feinstem Tuch, die kaum weniger teuer waren. Dazu gepflegte Umgangsformen, die kaum ahnen ließen, dass ihm ein Mordbefehl ebenso leicht von den Lippen kam wie ein Kompliment. Und dass er trotz aller der Verbrechen, die er begangen hatte, noch keinen einzigen Tag im Gefängnis gesessen hatte, machte seinen Beinamen Hexer erklärlich.
Sie hatte Perez an einem Abend im Salza Bongo , einem der teuersten Clubs der Stadt kennengelernt. Lange, schwarze Haare, die in ungebändigten Locken auf die Schulter fielen und strahlend blaue Augen hatten zuerst die Aufmerksamkeit des Mannes erregt. Ihr tief ausgeschnittenes Kleid mit einem etwas aufgepolsterten BH und ihre langen, gebräunten Beine hatten den erregenden Eindruck verstärkt. Sie hatten getanzt und getrunken, gelacht und geflirtet, immer beobachtet von den vier Bodyguards, die sie argwöhnisch beobachteten. Aber immer, wenn seine Hände unter ihr Kleid huschen wollten, schob sie sie zurück, höflich, aber bestimmt.
Und El Brujo war heiß vor Gier!
Er hatte ihr ins Ohr geflüstert, dass sie so schön wie die Sonne Mexikos sei und er sie haben wolle. Jetzt! Sie solle ihn auf seinen Landsitz begleiten, wo er ihr eine unbeschreibliche Nacht bescheren wolle. Der sei doch nur fünfzehn Minuten von hier entfernt, ein Katzensprung!
Und die Agentin hatte sich nicht lange geziert, hatte aber doch Einwände.
Ort und Zeit! Jetzt? Sofort? Sie müsse vorher in ihr Hotel, nur eben um die Ecke, um sich frisch zu machen. Er könne sie gerne begleiten, wenn er wolle. Aber ohne diese … diese furchtbaren Leibwächter. Diese groben Burschen mit dem schäbigen Grinsen in ihren vernarbten Gesichtern. Sie machten ihr Angst!
Perez hatte genickt und einige Worte mit seinen Wächtern gewechselt, dabei auf die Amerikanerin gedeutet und gegrinst. Seine Wächter hatten zuerst wild gestikuliert und Einwände gemacht. Dann aber, nach einem kurzen, aber deutlichen Wort von Perez, hatten sie auch gegrinst und sich an die Bar verzogen.
Sie verließen Hand in Hand die Kühle des klimatisierten Clubs und prallten wie gegen eine Wand, denn auch jetzt in der Nacht lastete immer noch eine drückende Hitze über der Stadt.
In der jungen Agentin wurden sofort alle Schweißdrüsen aktiviert, aber Perez schien das nichts auszumachen. Die Vorfreude auf ein sexuelles Abenteuer ließ ihn diese Unbill lässig ertragen, sein Testosteronlevel hatte einen unguten Höhepunkt erreicht.
Er liebte diese kleinen Abenteuer und konnte nicht genug von ihnen kriegen. Der einzige Zweck, zu dem schöne Frauen auf der Welt waren, da war er ganz sicher, bestand darin, Männern wie ihm Vergnügen zu bereiten! Mochten die anderen sich an seinen Drogen vergnügen, seine liebste Droge war – Sex!
Sie überquerten die Hauptstraße mit ihren lärmenden Clubs, schwitzenden Menschenmassen und glitzernden Reklametafeln und betraten eine schmutzige, stille Seitengasse, eine Abkürzung zum Hotel , wie die Schöne an seiner Seite glaubhaft versicherte.
Keine Passanten, nur vereinzelt Laternen, die ihr trübes Licht auf den Boden warfen, Schmutz und Abfall säumten die Gasse. Ratten balgten sich um Nahrungsreste her, wie Thyburn mit Ekel wahrnahm.
Und ein blasser Mond lugte zaghaft hervor, ein blasser Mond, der mit seiner halben Sichel nur wenig zur Erleuchtung beitrug.
Auch nicht zur Erleuchtung des Drogenbosses, der sich in Vorfreude die Lippen leckte und sich das bevorstehende Vergnügen in allen Einzelheiten ausmalte.
Freilich, in nüchternem Zustand und mit einem geringeren Testosteronspiegel hätte Perez die Gefahr vielleicht erkannt, die ihm drohte. Aber wenn der Alkohol das Hirn umnebelt, der Schwanz den Verstand ausschaltet und das Serotonin unkontrolliert den Körper überschwemmt, gleitet die Vorsicht so lautlos dahin wie die Natter im Gebüsch.
Thyburn zögerte nicht lange. Sie befreite sich vorsichtig von der Hand ihres Begleiters, holte ihre Glock 17 mit Schalldämpfer aus ihrer kleinen Tasche heraus und jagte dem Arschloch, das einen Schritt vor ihr ging, zwei Kugeln in den Hinterkopf. Bevor er begreifen konnte, was passierte, stand er schon vor seinem Schöpfer, oder wo auch immer.
El Brujo hatte sein widerliches Leben unter Thyburns Kugeln ausgehaucht und war in einer schmutzigen Pfütze aus Unrat, Urin und Abwasser verreckt. Bald schon würden sich die Ratten um ihn kümmern. Ein, wie Thyburn fand, durchaus angemessener Ort für das Ableben des Hexers . Er würde nie wieder Heroin aus Kolumbien in ihre Heimat schmuggeln und dazu beitragen, dass mehr als fünfzigtausend Amerikaner jährlich an diesem Teufelszeug starben.
Auftrag erfüllt!
Natürlich wusste die Agentin, dass andere an Perez’ Stelle treten und die Lücke füllen würden, aber dann würde sie wieder kommen, oder ein Kollege. Amerika würde jedenfalls nicht tatenlos zusehen, wie seine Jugend mit diesem Gift verdorben würde.
Der neue Präsident war da sehr klar in seinen Aussagen.
Auftrag erfüllt! Ohne Zeugen!
Na ja, so ganz unbemerkt war das Geschehen nicht geblieben:
Ein unauffälliger Mann mittleren Alters in der Kleidung der Einheimischen mit einem breiten Sombrero hatte aus geringer Entfernung alles beobachtet und hätte zugunsten der Agentin eingegriffen, wenn es nötig gewesen wäre, ihre Notfallhilfe, ein so genannter Backup!
Da sein Eingreifen nicht nötig war, verzog er sich unauffällig.
Thyburn verdrängte die Gedanken über die Einzelheiten an die erfolgreiche Mission aus ihrem Kopf. Sie empfand zu Recht einen gewissen Stolz über die gelungene Tat und machte sich über die besondere Art der Methode so ihre Gedanken.
Die Geschichte von Spionage und Gegenspionage hat erwiesen, dass eine Sexfalle offenbar in den meisten Fällen erfolgreich ist. Geld mag eine wesentliche Triebfeder sein, Patriotismus vielleicht, aber Sex geht immer, denn bei den meisten Männern steckt die Seele nicht in der Brieftasche, sondern im Schwanz! Allerdings musste Thyburn zugeben, dass auch Frauen für Sexfallen empfänglich sein können. In der Ausbildung hatte sie von den Methoden der ostdeutschen Stasi gehört, die gut aussehende junge Männer, die so genannten Romeos mit Erfolg auf frustrierte, vereinsamte Sekretärinnen in den Vorzimmern wichtiger Politiker ansetzte, um ihnen gegen Sex Informationen und Geheimnisse zu entlocken. Wo hatte deren Seele denn gesteckt?
Mirinda Thyburn, Agentin Second Grade der CIA, war nicht ohne Grund für diese spezielle Aktion ausgewählt worden. Sie bot dem aufmerksamen Betrachter einen sehr angenehmen Anblick. Mittellange, braune Locken, ein hübsches Gesicht mit schmalen Wangen und einer Stupsnase, strahlend weiße Zähne und eine schlanke Figur mit ansprechender Oberweite. Sie sprach vier Sprachen flüssig, darunter Deutsch, Französisch und Italienisch. Vor allem Deutsch, da die Eltern ihrer Mutter aus Deutschland stammten und zu Hause viel Deutsch gesprochen wurde.
Und vor ihrem Einsatz hatte sie Spanisch dazugefügt, was ihr auf Grund ihres Sprachtalents leicht gefallen war.
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