Selbstbeobachtung 
Selbstbeobachtung umfasst den breiteren Informationskreis, da sie nicht nur Verhalten sondern auch das Erleben erfasst. Nachteilig allerdings ist die Beeinflussung des zu beobachtenden Verhaltens durch die implizit erfolgende Selbstkontrolle. Neuere Instrumente zur Selbsteinschätzung der Eltern-Kind-Beziehungsqualität durch Kinder und Jugendliche sind z. B. das »Strukturierte Interview zur Erfassung der Kind-Eltern-Interaktion« (Roll, 2013) sowie der »Elternbildfragebogen für Kinder und Jugendliche« (Titze & Lehmkuhl, 2010). Die Selbstbeurteilung der Eltern-Kind-Beziehung sowohl aus der elterlichen als auch aus der Kinderperspektive erfragt z. B. der »Familienidentifikationstest« (Remschmidt & Mattejat, 1999).
Fremdbeobachtung 
Die Fremdbeobachtung (und die soll hier ausschließlich Gegenstand des Interesses sein) wird unterschieden in teilnehmende und nicht teilnehmende Beobachtung, wobei die teilnehmende Beobachtung die unterschiedlich intensive Involvierung der Beobachtenden in das zu beobachtende Geschehen meint. Ein wichtiges Kriterium stellt die möglichst hohe »Unvermitteltheit« des Untersuchungsgegenstandes dar, die der videografierten Teilnahme noch »erlaubt«, sich der Verhaltensbeobachtung zuzurechnen, während die Anhörung Dritter als Befragung und nicht mehr als Beobachtung zählt (Spinath & Becker, 2011, S. 326). Weiterhin lassen sich experimentell kontrollierte Beobachtungen von natürlichen Beobachtungen differenzieren, wobei auch Sonderfälle - wie z. B. geplante, jedoch als natürlich maskierte Beobachtungssituationen – in einigen sozialpsychologischen Experimenten existieren.
Im Feld der Familiendiagnostik scheinen im Übrigen Beobachtungsverfahren und Fragebögen unterschiedliche Aspekte abzudecken. Interpersonelle Grenzen und emotionales Engagement sind demnach besser mit videogestützten Interaktionsverfahren, Konflikthaftigkeit dagegen eher mit Hilfe von Fragebögen zu eruieren (Steininger, 2010).
Verhalten kann durch seine Häufigkeit, seine Dauer, seine Intensität oder als Ganzes quantifiziert werden. Dabei wird in der Literatur zwischen Defizit, Normalität und Exzess unterschieden. Qualitativ kann es modusbezogen im Sinne der Angemessenheit bezüglich einer definierten Erwartung beurteilt werden. Und schließlich lässt sich beobachten, inwieweit das Verhalten kontinuierlich oder diskontinuierlich auftritt (Kontinuität).
allgemeine Beurteilungseffekte 
In der Datenauswertung lässt sich eine Reihe von Effekten beschreiben, die einen mehr oder weniger starken Einfluss auf die Beurteilung haben können. Zu den allgemeinen Beurteilungseffekten gehören beispielsweise:
• der Hof-Effekt/Überstrahlungseffekt: Schlussfolgerung von bekannten auf unbekannte Eigenschaften
• Positionseffekte: Erster oder letzter Eindruck steuert die Beurteilung,
• der Milde-Effekt/Strenge-Effekt: Tendenz generell günstig/ungünstig zu bewerten,
• die zentrale Tendenz: Bevorzugung von neutralen und Vermeidung von extremen Urteilen,
• Kontrastfehler/Ähnlichkeitsfehler: Bei der betrachteten Person werden Eigenschaften erkannt, die die Beobachterin/der Beobachter sich selbst abspricht oder sich selbst zuschreibt und
• der Erwartungseffekt: Die Beurteilenden lassen sich in ihren Schlussfolgerungen von ungeprüften Hypothesen leiten.
spezielle Beurteilungseffekte 
Als spezielle Beurteilungseffekte sollte man insbesondere die Tendenzen
• zu einer überfordernden Differenzierungsfähigkeit (die Fülle der Beobachtungsdaten kann die auswertende Person überfluten),
• zur unscharfen Definition von Beobachtungsitems mit einem zu weiten Interpretationsraum sowie
• zur Unvertrautheit mit den Beobachtungsinhalten oder dem Beobachtungscode berücksichtigen.
Objektivität 
Die Güte von Beobachtungsverfahren wird erstens bestimmt durch deren Objektivität 6, die insbesondere als Beobachterübereinstimmung messbar ist und durch Trainings sowie durch Sprachübereinkünfte verbessert werden kann.
Reliabilität 
Zweitens verbessert sich die eng damit verzahnte Reliabilität durch hohe Präzision der Beobachtungsinstrumente, durch die Episodenkürze, durch Episodenwiederholungen und durch den Einsatz mehrerer (geschulter) beobachtender Personen.
Validität 
Die Gültigkeit, als das Kriterium, welches Auskunft gibt zur Frage, inwieweit das Instrument auch tatsächlich das misst, was es vorgibt zu messen, wird schließlich drittens insbesondere durch die Untersuchung des Zusammenhangs mit anderen auf den gleichen oder ähnlichen Gegenstand zielenden Verfahren als Konstruktvalidität bestimmt. Ferner lassen sich die Zustimmung der beobachteten Person oder anderer Fachkräfte zur Validierung des Verfahrens heranziehen.
Vorteile 
Vorteile von Beobachtungs- gegenüber anderen diagnostischen Verfahren werden in der Erfassung komplexer und nicht reduzierter Verhaltensstichproben gesehen, die Raum für die Entdeckung neuer und bisher nicht erwarteter, vielleicht auch spontaner Verhaltensweisen bietet. Zudem lässt sich die Stabilität von Verhalten durch Veränderung der Verhaltensbedingungen gezielt beobachten.
Nachteile 
Nachteile gegenüber anderen Verfahrensklassen liegen in der recht hohen Subjektivität der Beurteilenden, dem vergleichsweise hohen Zeitaufwand und in der nicht immer stringenten theoretischen Begründung der Beurteilungskriterien.
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