Eines Abends kam Matthias von der Arbeit nach Hause, während wir wieder mal mitten in der an den Nerven zehrenden Behandlung waren. Er sah die schreiende Tochter, samt der schwitzenden Frau, nahm das Kind auf den Arm mit den Worten: „Ach, du arme Rebekka. Quält dich deine Mutter wieder mal so schrecklich?“ Um ein Haar hätte ich geheult. Es war nur meiner eisernen Selbstdisziplin geschuldet, dass es nicht dazu kam. Die Tränen hinunter schluckend dachte ich nur: ICH mache hier diesen Scheißjob, nicht DU!!! Du bist ja fein raus. Ich bin diejenige, die sich zweimal am Tag bei ihrem Kind unbeliebt machen muss, nur um diese in ihrer Entwicklung nach vorne zu bringen. Ich war wütend und frustriert zugleich. Aber ich wollte die Stimmung nicht zerstören und habe nichts gesagt. Ein Fehler, wie ich jetzt weiß. Wir hatten ein gemeinsames Abendessen und dann ging Matthias wieder zurück in den Betrieb. Wie jeden Abend. Es gab kein gemeinsames Familienleben. Er meinte nur, er könne ja momentan nichts für das Baby tun, da ich es stillte, und er hätte ja so wahnsinnig viel Arbeit. Ich glaubte, ihm den Rücken stärken zu können, damit er zusammen mit seinem Geschäftspartner die Werbeagentur erfolgreich führen würde. Und: Ich war ja eine selbstständige und gut organisierte, junge Frau. In seinen Augen konnte ich sehr gut mit mir selbst und dem Baby zurechtkommen.
Natürlich konnte ich das. Sehr gut sogar. Ich spulte mein Pflichtprogramm ab: Babyschwimmen, Krabbelgruppe, zweimal in der Woche Vojta-Gymnastik mit der Physiotherapeutin, lange Spaziergänge an der frischen Luft mit dem Kinderwagen. Vollzeitmutter, jeden Tag 24 Stunden. Die ganze Woche.
Sexuell war nicht mehr viel von meinem Mann zu erwarten. Er richtete es sich so ein, dass es so etwa alle zwei Wochen zum Sex kam. Manchmal waren es sogar nur alle vier Wochen. Ich hatte mich darauf eingestellt und klagte nicht.
Da ich immer noch im Sinfonieorchester Geige spielte und außerdem mit einem erfolgreichen Sporttheater des Öfteren auf allen möglichen Bühnen stand, organisierte ich diese Wochenenden mit Baby und Babysitter. Dafür war es notwendig, Rebekka und alles Gepäck ins Auto zu laden und freitags 200 Kilometer zu meinen Eltern zu fahren. Sowohl meine Mutter als auch meine Schwägerin waren oft als Babysitter bei meinen Aktivitäten dabei. Diese wollte ich auf keinen Fall aufgeben, da ich ja schon meinen Beruf als Lehrerin wegen der Familie auf Eis gelegt hatte. Die aktiven Wochenenden, angefüllt mit Orchesterproben oder Auftritten mit dem Sporttheater ließen sich recht gut organisieren, inklusive der Stillpausen für Rebekka. Meine Familie hatte mich dabei tatkräftig unterstützt. Sonntagabends saß ich wieder im Auto und wir beide fuhren zurück in unser Alltagsleben.
Manchmal ging ich in die Agentur, nur um meinen Mann zu besuchen. Rebekka hatte ich natürlich dabei und alle waren sehr nett zu ihr. Sie war ein Sonnenschein! Eines Tages setzte ich mich in den Aufnahmeraum des Tonstudios, in dem für gewöhnlich die Takes für die Rundfunkspots aufgenommen wurden. In diesem Raum stand ein Klavier. Ich hatte zwar Musik studiert, aber mein Können am Klavier hielt sich in Grenzen. Darum nutzte ich kurz dieses Instrument im Aufnahmeraum, um in Zeitlupe „Alla Turca“ von Mozart zu üben. Als Geigerin hatte ich schon immer Schwierigkeiten, die beiden Notensysteme für rechte und linke Hand gleichzeitig zu lesen. Dafür braucht es wirklich Übung. Mit dem Klavierspielen hatte ich sehr spät angefangen – erst im Studium bekam ich Unterricht bei einer sehr guten und geduldigen Klavierlehrerin. Nun saß ich also in besagtem Aufnahmeraum und versuchte mich an Mozarts berühmtem Marsch. Natürlich war ich nicht sehr erfolgreich, aber ich hatte mich durchgebissen und war froh, dass die Tür zum schallisolierten Aufnahmeraum geschlossen war und mich niemand in meiner Stümperhaftigkeit hören konnte. Vor allem nicht die Angestellten meines Mannes!
Nach meiner Übezeit verließ ich den Aufnahmeraum Richtung Regieraum, in dem Matthias gerade arbeitete. Prompt und mit breitem Grinsen präsentierte er die Tonaufnahme, die er gerade von meinem „Alla Turca“-Versuch gemacht hatte. Ich fühlte mich so erniedrigt und blamiert! Er hatte mir vorgeführt, wie schlecht mein Klavierspiel war. Ich konnte keine Worte finden, so sprachlos war ich. In diesem Aufnahmeraum übte ich nie wieder. Für viele Jahre hatte ich nach diesem Ereignis das Klavierspielen eingestellt. Sogar heute, nach so vielen Jahren, ist es mir lieber, wenn mich beim Klavierüben niemand hört. Der Schmerz sitzt noch immer tief. Mein Mann fand das alles einfach nur lustig.
Nachdem ich mit Rebekka viele Wochen mit Vojta-Gymnastik gearbeitet hatte, stellte die Physiotherapeutin auf Bobath-Gymnastik um. Langsam, aber sicher drehte sich das Kind von selbst auf die Bauchlage und wieder zurück. Mit vierzehn Monaten fing Rebekka an, sich in den Vierfüßlerstand hochzudrücken. Ein Alter, in dem andere Kinder schon selbständig laufen. Sie war immer noch sehr zart und hatte trotz der vielen Übungen recht wenig Kraft. Aber ich hatte sie ohne Pause die letzten Monate gefördert. Nun fing, sehr langsam und zögerlich, das Krabbelalter an. Wir hatten schon einen kleinen Erfolg geschafft. Aber was würde aus ihrer motorischen Entwicklung in Zukunft werden? Mit anderen Babys verglichen, hatte unser Kind einen deutlichen Entwicklungsrückstand. Ich war skeptisch, aber immer noch hoffend, dass dieser Rückstand würde ausgeglichen werden können. Wir arbeiteten doch so intensiv daran! Das eigene, aktive Sporttreiben hatte mich gelehrt, niemals aufzugeben. Genauso sah ich das in Bezug auf Rebekka. Sie machte jeden Tag brav ihre Übungen mit mir und wehrte sich nicht dagegen. Unser täglich Brot.
Mit zwei Jahren kam die Frühförderung dazu, die einmal pro Woche bei uns in der Wohnung stattfand. Rebekka konnte nun endlich frei laufen, aber sie war noch immer sehr wacklig unterwegs. Außerdem hatte sie ganz fürchterliche X-Füße. Sie lief quasi auf der Innenseite des Fußes, wenn sie keine guten Schuhe anhatte.
Meine damalige Stepptanzlehrerin war Hippotherapeutin und sie sagte mir, ich solle mit Rebekka mit dem Training auf einem Pferd beginnen. Ohne Sattel müsste sich das Kind an der Mähne festhalten und die Knie fest ans Pferd drücken. Durch das Ausgleichen der Bewegung des Pferdes würde außerdem ihr schlechtes Gleichgewicht geschult. Gesagt, getan. Den Ratschlag befolgten wir gern und ich fuhr mit ihr zweimal pro Woche zu einem Pferdehof in der Nähe und führte sie zwanzig Minuten auf einem Pony sitzend durch das Gelände. Durch das Ausgleichen der Bewegungen des Pferdes bekam sie ein viel besseres Gleichgewicht und durch den Innendruck der Schenkel drehten sich allmählich ihre Füße und sie konnte sich mehr auf die Fußsohle stellen. Ich führte sie auch noch im Gelände umher, als ich zum zweiten Mal schwanger und unser Sohn Julian auf die Welt gekommen war.
Trotz des monatelangen Reittrainings fiel Rebekka beim Laufen oft hin und ihre Reflexe waren so verzögert, dass sie viele Wunden an Stirn, Kinn oder an den Schläfen davontrug. Auch die Feinmotorik war nicht altersentsprechend, obwohl die Therapeuten der Frühförderung sich viel Mühe gaben. Die Entwicklungsberichte waren jedes Mal ernüchternd. Wir mussten uns eingestehen, dass Rebekka sich nicht wie ein normales Kind entwickeln würde. Wir waren traurig und ratlos.
Auch ihre Sprache bestand nur aus ein paar Silben und wenigen Wörtern. Sie konnte sich nicht richtig ausdrücken. Wir gingen auf die Suche nach einem geeigneten Kindergarten für unser Töchterlein. Gott sei Dank fanden wir ganz in der Nähe unserer Wohnung einen wunderbaren Integrativen Kindergarten, in dem behinderte und nicht-behinderte Kinder zusammen aufwachsen durften. Die Leiterin der Einrichtung, eine unfassbar positive, liebenswerte und offene Frau, hatte die kleine, zarte Rebekka gleich ins Herz geschlossen und im Alter von drei Jahren und acht Monaten begann für unser Mädel die Kindergartenzeit.
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