Interessierte, Lehrende und Lernende fragen deshalb nach verlässlicher Information, die komplexe und komplizierte Inhalte konzentriert, übersichtlich konzipiert und gut lesbar darstellt. Die Bände der Reihe „Geschichte kompakt“ bieten solche Information. Sie stellen Ereignisse und Zusammenhänge der historischen Epochen der Antike, des Mittelalters, der Neuzeit und der Globalgeschichte verständlich und auf dem Kenntnisstand der heutigen Forschung vor. Hauptthemen des universitären Studiums wie der schulischen Oberstufen und zentrale Themenfelder der Wissenschaft zur deutschen und europäischen Geschichte werden in Einzelbänden erschlossen. Beigefügte Erläuterungen, Register sowie Literatur- und Quellenangaben zum Weiterlesen ergänzen den Text. Die Lektüre eines Bandes erlaubt, sich mit dem behandelten Gegenstand umfassend vertraut zu machen. „Geschichte kompakt“ ist daher ebenso für eine erste Begegnung mit dem Thema wie für eine Prüfungsvorbereitung geeignet, als Arbeitsgrundlage für Lehrende und Studierende ebenso wie als anregende Lektüre für historisch Interessierte.
Die Autorinnen und Autoren sind in Forschung und Lehre erfahrene Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Jeder Band ist, trotz der allen gemeinsamen Absicht, ein abgeschlossenes, eigenständiges Werk. Die Reihe „Geschichte kompakt“ soll durch ihre Einzelbände insgesamt den heutigen Wissenstand zur deutschen und europäischen Geschichte repräsentieren. Sie ist in der thematischen Akzentuierung wie in der Anzahl der Bände nicht festgelegt und wird künftig um weitere Themen der aktuellen historischen Arbeit erweitert werden.
Kai Brodersen
Martin Kintzinger
Uwe Puschner
Volker Reinhardt
I. Im Spiegel der Quellen
Ob Kaiser oder Papst, Kaufmann, Bauer oder gar Arzt, ob Frau oder Mann, Arm oder Reich, Jung oder Alt – vor Krankheit und Tod sind alle gleich. Die Auseinandersetzung mit dieser ebenso alten wie zentralen Erfahrung menschlichen Daseins hat sich seit jeher in einer großen Vielfalt von Zeugnissen der Schrift- und Sachkultur niedergeschlagen. Ebenso variantenreich wie die jeweiligen Fragestellungen des Betrachters ausfallen können, sind auch die Antworten auf Phänomene des kollektiven oder individuellen Umgangs mit Krankheit und Tod in Gesellschaften der Vergangenheit. Dieser spiegelt sich, zeitlichem Wandel und geographischen Unterschieden unterworfen, während der mittelalterlichen Jahrhunderte in allen Lebensbereichen wider: angefangen mit den zum Schutz vor Krankheit angerufenen Heiligen und religiösen Bewältigungsstrategien im Zusammenspiel mit den Vertretern einer omnipräsenten Kirche über die Einrichtung von Fürsorgeinstitutionen und die allumfassenden Folgen von Seuchen bis hin zu politischen Auswirkungen durch Erkrankung oder Tod eines Herrschers wie auch den Möglichkeiten medizinischer Betreuung weltlicher wie geistlicher Herrscher auf den Grundlagen zeitspezifischen Heilwissens. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Themenkomplex Krankheit und Tod erweist sich vor diesem Hintergrund als Paradebeispiel für Möglichkeiten interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Historikern, Kunsthistorikern, Archäologen und Theologen sowie Medizinhistorikern, Medizinern (vor allem Paläopathologen) und Vertretern verschiedener naturwissenschaftlicher Disziplinen. Ein als Einführung in diesen außerordentlich breiten Themenkomplex gedachtes Buch, das noch dazu einen Zeitraum behandelt, der nach gängiger Definition des Mittelalters rund 1000 Jahre umfasst, kann seinen Ansprüchen nicht vollständig gerecht werden, ohne einleitend in aller Kürze auf das weithin ungenutzte Potenzial der zu einem beträchtlichen Teil noch immer ungedruckten Quellen hinzuweisen.
1. Die Nadel im Heuhaufen. Krankheit und Tod als Gegenstand mittelalterlicher Schriftquellen
Schriftquellen
Wer sich mit Fragen nach Krankheit und Tod in der mittelalterlichen Gesellschaft beschäftigt, stellt schnell fest, dass die Recherche in den Schriftquellen der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleicht. Lässt sich den theoretischen Grundlagen mittelalterlicher Medizin über die zum Teil in Editionen vorliegenden Schriften der Ärzte vergleichsweise mühelos nachspüren, erweist sich ein Blick auf die praktische Tätigkeit der Heilkundigen als ungleich schwieriger. In nahezu allen Schriftzeugnissen finden sich verstreute Hinweise, etwa auf den Tod eines Bürgermeisters, die Anstellung eines Arztes oder die Erkrankung eines Bischofs, doch diese zusammenzutragen erweist sich je nach Fragestellung als mehr oder weniger beschwerlich. So nehmen erzählende Quellen, vor allem die verschiedenen Formen der Chroniken wie auch Viten, zwar häufig Bezug auf den Themenkomplex und schildern etwa den Ausbruch von Seuchen oder den Tod weltlicher wie geistlicher Herrscher. Weit seltener sind jedoch Berichte über die Erkrankung eines Herrschers und deren Verlauf. Hier stechen vor allem die umfangreichen Ausführungen des Erzbischofs Wilhelm von Tyrus heraus, der in seinem während des 12. Jahrhunderts entstandenen Geschichtswerk detailgetreu die Entwicklung der Lepraerkrankung seines früheren Zöglings, König Balduins IV. von Jerusalem, beschreibt. Zusammengenommen machen derartige Berichte im Rahmen einer mitunter Hunderte von Seiten langen Chronik allerdings kaum mehr als wenige Zeilen aus.
Q
Die Gichterkrankung des Bischofs Maurilius von Cahors
Gregorii Episcopi Turonensis Historiarum (= Monumenta Germaniae Historica. Scriptores rerum Germanicarum. Tomus I), hrsg. v B. Krusch u. W. Levison, Hannover 1951, S. 281.
Dt. Übersetzung: Zehn Bücher Fränkischer Geschichte vom Bischof Gregorius von Tours, übersetzt v. W. Giesebrecht, 2 Bde. (= Die Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit. VI. Jahrhundert, Bde. 4 u. 5), Berlin 1851, S. 249.
Maurilius, der Bischof der Stadt Cahors, erkrankte schwer an der Fußgicht, aber außer den Schmerzen, welche ihm die Gicht schon verursachte, fügte er sich selbst noch größere Schmerzen zu. Denn er brannte oft mit einem glühenden Eisen seine Schienbeine und Füße, damit er so seine Pein noch vergrößere. Da aber viele nach seinem Bistum strebten, erwählte er sich selbst zum Nachfolger den Ursicinus, der einst Kanzler der Königin Vultrogotha gewesen war und bat, dass er noch bei seinen Lebzeiten möge geweiht werden; dann schied er aus der Zeitlichkeit. Er war ein großer Wohltäter der Armen, sehr bewandert in den heiligen Schriften, sodass er die verschiedenen Geschlechtsregister, welche in den Büchern des alten Testaments verzeichnet sind, und die viele nur mit Mühe sich einprägen, häufig aus dem Gedächtnis hersagte. Auch war er gerecht im Gerichte und wahrte die Armen seiner Kirche vor den Gewalttaten schlechter Richter nach den Worten des Hiob: „Ich errettete den Armen, der da schrie und den Waisen, der keinen Helfer hatte. Der Segen des, der verderben sollte, kam über mich und ich erfreute das Herz der Witwen. Ich war des Blinden Auge und des Lahmen Füße. Ich war ein Vater der Armen.“
Weitaus häufiger stößt man auf Aussagen zu Krankheit, Krankenbehandlung und den Umgang mit dem Tod in den so genannten hagiographischen Quellen, die sich mit dem Leben ( vita ) und den Wundern ( miracula ) von Heiligen sowie der Überführung der Gebeine ( translationes ) befassen. Die in den hagiographischen Schriften enthaltenen Informationen erlauben beispielsweise fragmentarische Einblicke in die Art der Erkrankungen und Wege der Behandlung. Weitere Zeugnisse religiösen Schrifttums zeigen ebenfalls Formen der Bewältigung von Krankheit und vom Umgang mit dem Tod auf. Exemplarisch sind in diesem Zusammenhang die zahlreichen Pestgebete und Nekrologe, Listen mit den Namen Verstorbener zum Einschluss in das Gebetsgedenken einer klösterlichen Gemeinschaft.
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