Als Quint den Schlüssel umdrehte und ihr mit dem Rücken die Tür versperrte, bekam sie am ganzen Körper Gänsehaut und hatte das furchtbare Gefühl, in der Falle zu sitzen.
Urplötzlich blitzte sein riesiges Rambomesser vor ihren Augen auf. Sie schnappte nach Luft und drückte sich an die gegenüberliegende Wand, doch bevor sie um Hilfe schreien konnte, lag Quints kräftige Hand auf ihrem Mund.
„Bitte schrei nicht, Lara. Das würde alles nur schlimmer machen. Es wird auch ganz schnell gehen, versprochen.“
Seine Worte klangen beinahe fürsorglich, doch sein Messer bewies etwas anderes. Sie schrie, doch Quints Hand dämpfte nahezu alles. Da fiel ihr die Symbiose ein und sie schrie in ihrem Inneren nach John.
„Versteh doch, Lara. John würde sich deinetwegen umbringen lassen. Er liebt dich einfach zu sehr. Deshalb muss ich etwas unternehmen …“
„Zu spät“, flüsterte Quint kurz darauf. Er drückte die Klospülung und verschwand blitzschnell aus dem Gäste-WC.
Als John nur Sekunden später ins Quartier stürmte, packte er Quint und beförderte ihn an die nächste Wand.
„Was ist hier los? Ich habe gespürt, dass Lara plötzlich Todesangst hatte!“
Quint zuckte lässig die Schulter. „Frag sie doch selbst.“
Lara fühlte sich etwas benommen, als sie aus der Toilette kam. John war sofort bei ihr, schaute ihr besorgt in die Augen und legte eine Hand an ihre Wange.
„Du bist ganz blass und dein Herz rast. Was war hier los?“
Sie blinzelte. „Ich – ich weiß nicht. Die Spülung lief. Ich muss auf der Toilette gewesen sein.“
„Er hat irgendwas mit dir angestellt, da bin ich mir sicher.“
„Ich kann mich aber an nichts erinnern.“
John warf Quint einen mörderischen Blick zu.
„Davon gehe ich aus. Er ist ja nicht blöd und weiß, wie man Erinnerungen löscht.“
Es fühlte sich gut an, dass John seinen Arm um ihre Schultern gelegt hatte, als sie zur unterirdischen Garage gingen. Dort angekommen sah sie ihren heiß geliebten Jeep und hätte fast vor Freude geweint.
„Ihr habt ihn gefunden?“
Sie hatte ihr Auto vor Ramóns Versteck abgestellt, aber seine Handlanger hatten den Jeep weggeschafft, damit man sie nicht fand.
„Elia hat deinen Jeep beim städtischen Abschleppdienst ausfindig gemacht, wo er gelandet war, nachdem sie dein Biest im Parkverbot abgestellt hatten.“
»Mein Biest« – so nannte sie ihren Jeep liebevoll. Aber dass John sich noch daran erinnerte, berührte sie, denn es war Monate her, seit sie das ihm gegenüber erwähnt hatte.
„Ara hat ihn heute mit Vinz abgeholt. Die Schlüssel stecken.“
„Aber brauchte sie dazu nicht meine Unterschrift?“
John zwinkerte ihr zu und hatte wieder diesen spitzbübischen Ausdruck im Gesicht. Insgeheim liebte sie das, denn es zeigte ihr den verspielten Jungen in dem tödlichen Wächter.
„Elia hat deine Unterschrift eingescannt und Ara eine Vollmacht gezaubert. Ein gefälschter Ausweis hätte etwas länger gedauert. Wir dachten, das wäre in deinem Sinne.“
„Wow! Und wann bekomme ich die Waschmaschine, die ich nicht bestellt habe?“
John runzelte verwirrt die Stirn, während sie voller Vorfreude auf ihr rotes Biest zustrebte, doch dann lenkte er sie mit seinem Arm in eine andere Richtung.
„Heute nicht.“
„Warum? Ich liebe meinen Jeep! Nur hinter dem Steuer eines Hummers zu sitzen, würde mir noch mehr Spaß machen.“ Aber dafür müsste sie wohl noch drei weitere Bestseller schreiben und ihre mickrige Altersvorsorge auflösen.
Sie stellte ihren Protest ein, weil sie dachte, er würde einen UV-geschützten Wagen bevorzugen. Doch John führte sie zu einem schwarzen Mercedes Geländewagen, der weder blickdichte Scheiben noch einen abgetrennten Teil für Vampire hatte, also machte sie ihrem Unmut Luft.
„Ach so, meiner ist euch wohl nicht exklusiv genug, was?“
„Nein, aber der hier ist sicherer.“
Sie fand das ziemlich arrogant und schimpfte leise vor sich hin, während John ihr die Beifahrertür öffnete.
„Und wie macht ihr’s dieses Mal? Gibt’s gleich einen blutigen Kampf darum, wer mich ins Land der Träume schickt oder bekomme ich zur Abwechslung mal einen Sack über den Kopf?“
Quint saß bereits auf der Rückbank und fing an zu lachen, was nicht gerade oft vorkam. „Deine Frau hat Krallen wie eine Wildkatze, langsam gefällt sie mir.“
John hielt immer noch die Tür auf, seine Miene wurde ernst. „Weder das eine noch das andere.“
„Und was ist, wenn sie mich …“ Wieder gefangen nehmen? Sie durfte gar nicht daran denken.
Da John keine Anstalten machte zu antworteten, schaute sie fragend zu Quint, der geräuschvoll seine beiden Pistolen durchlud.
„Ganz einfach, liebe Lara. Unser John hier würde eher krepieren, bevor sie dich noch mal in die Finger kriegen. Deshalb komme ich ja mit.“
Sie versuchte, das unter Machogerede abzuhaken, doch ganz wohl war ihr bei dieser Aussage nicht.
„Wenn das so ist, kannst du auch mich fahren lassen.“
John wirkte nicht sonderlich begeistert, deshalb ergänzte sie bissig: „Du befindest dich im 21. Jahrhundert! Hast du etwa die Frauenbewegung verpasst?“
„Darum geht es nicht, aber man braucht ein bisschen Übung, um den zu fahren.“
Sie war drauf und dran zu explodieren und John musste das wohl gemerkt haben, denn er warf ihr den Schlüssel zu.
Quint auf der Rückbank pfiff erneut durch die Zähne.
„Ihre Krallen sind sehr scharf, John.“
„Klappe!“ Fast synchron brachten beide ihn zum Schweigen.
Lara bog gerade erst in die zweite Straße ein, wo der Verkehr etwas zunahm, da meinte John auch schon: „Schön Abstand halten, Lara.“
Sie schnaufte empört. „Ich bin keine Fahranfängerin mehr! Wenn du ein schlechter Beifahrer bist, geh nach hinten und lass dich von Quint auf Vampirart einschläfern.“
„Sie hat nicht nur scharfe Krallen, sondern auch Haare auf den Zähnen“, spottete Quint amüsiert von hinten.
„Klappe!“, tönte es wieder von beiden.
Sie ließ sich von John nicht beirren und hielt den gleichen Abstand, wie sie es immer tat. Als die nächste Ampel auf Rot umsprang, bremste sie wie gewohnt, aber der Mercedes schob sich dennoch mit enormer Kraft vorwärts.
„Mist!“ Entsetzt trat sie das Bremspedal ganz durch.
In Erwartung eines Aufpralls stützte sich John neben ihr bereits am Armaturenbrett ab und drückte ihren Oberkörper mit seinem anderen Arm in den Sitz.
„Gott sei Dank!“ Lara schloss kurz die Augen, als der Wagen ohne Aufprall zum Stehen kam. Das hätte ihr nach Johns Anspielungen gerade noch gefehlt! Neugierig beugte sie sich vor. Nur ganze drei Zentimeter trennten den Mercedes von der Stoßstange des vorderen Autos.
„Was zum Teufel ist mit den Bremsen los?“, fauchte sie.
„Mit den Bremsen ist alles in Ordnung, die sind sogar extra stark. Aber der Bremsweg ist natürlich länger, schließlich wiegt das Auto ganze vier Tonnen“, erklärte John in aller Seelenruhe.
„Vier Tonnen?! Willst du mich verschaukeln?“
Geduldig ließ er auf ihrer Seite das Fenster etwas herunter und sie staunte nicht schlecht. Die Scheibe war mehrere Zentimeter dick!
„Das macht die Panzerung“, erwähnte er, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt.
„Das hättest du mir vorher sagen können!“
„Ich dachte, das wäre klar, als ich sagte, der hier wäre sicherer. Deshalb ist sein Fahrverhalten auch anders, weshalb man ein bisschen Übung braucht. Was ich dir ebenfalls sagte.“
Sie stöhnte entnervt, fuhr aber weiter, weil die Ampel umsprang.
„John, du solltest ihr die Sicherheitsverriegelung zeigen und den Schalter, um bei Gasangriff die Luftversorgung über die Pressluftflaschen einzuschalten.“
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