„Womit rechnet ihr sonst noch? Mit Napalm?“
Quint hob eine Braue. „Willst du das wirklich wissen?“
„Das reicht jetzt, Quint“, warnte ihn John, doch der fuhr ungerührt fort: „Weißt du, wie man eine Gasmaske anlegt?“
„Das, lieber Quint, beherrsche ich sogar im Schlaf!“
In den unzähligen, schlaflosen Nächten nach der Katastrophe hatte sie das geübt. Die Maske lag nun immer auf ihrem Beifahrersitz – ihre Art der Therapie, um zumindest wieder durch kurze Tunnel fahren zu können.
Damals, während des Tunnelbrands, hätte eine Gasmaske ihr Überleben gesichert. Ohne ein Wunder wäre der dicke, giftige Qualm, von dem sie bewusstlos geworden war, ihr Todesurteil gewesen. Ein Feuerwehrmann auf Urlaub hatte sie gefunden und zum nächsten Notausgang geschleift, der nur 15 Meter entfernt lag.
„Verdammt, Quint!“, schnauzte John, „Musst du auch noch Öl ins Feuer gießen?“
Den störte das aber nicht die Bohne. „Sicher ist sicher. Schließlich ist sie nur ein Mensch.“
„Jetzt reicht’s mir aber!“ Vor lauter Zorn hielt sie das Lenkrad so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. „Wir fahren doch nicht in ein Kriegsgebiet! Das ist nur mein Zuhause! Eine friedliche Mühle auf dem Land!“
„Das sind nur Vorsichtsmaßnahmen, Lara.“
Vielleicht wäre es ihr lieber gewesen, wenn John sie belogen und mit Worten in falscher Sicherheit gewogen hätte, doch das tat er nicht. Stattdessen legte er einfach seine Hand auf ihre.
Die Berührung sandte eine Welle der Geborgenheit durch ihr Inneres und sie atmete tief durch. Ihre verkrampften Schultern und Hände lockerten sich. Gleichzeitig spürte sie durch die Symbiose, verstärkt aufgrund des Hautkontakts, Johns tiefes Bedauern und seine aufrichtige Liebe, die sich wie das Streicheln ihrer Seele anfühlte. Sie erfasste aber noch etwas anderes und das erstaunte sie.
„John, kann es sein, dass du dich freust?“
Er drückte ihre Hand und aus dem Augenwinkel sah sie ein Lächeln in seinem Gesicht aufblühen.
„Weißt du, wie lange ich mir schon wünsche, dich in deinem Zuhause zu besuchen?“
Sie schüttelte stumm den Kopf.
„Seit unserem ersten Treffen damals am Fluss. Aber bis vor ein paar Tagen wusste ich ja nicht, wo du wohnst.“
Bis sie dort von der Brücke in den Tod gesprungen war.
Aber Monate zuvor hatte sie nachts bewusstlos an diesem Flussufer gelegen – mal wieder ein Blackout durch ihren Gehirntumor. John hatte sie gefunden und sich um sie gekümmert. In dieser sternenklaren Nacht, mitten in der Wildnis, hatte er nicht nur ein Feuer entzündet, um sie zu wärmen, sondern auch ihr Herz in Flammen gesetzt.
Sie hatte ihm ihre Visitenkarte gegeben und wochenlang auf seinen Anruf gehofft – vergeblich, denn er hatte die Karte in einem Kampf auf Leben und Tod kurz darauf verloren.
„Seit Quint tagelang jedem von deiner Mühle vorschwärmt, bin ich noch neugieriger geworden“, fuhr John fort.
Freude keimte in ihr auf. Er interessierte sich also doch für ihr Leben, gleichzeitig wurden ihre Augen nass. „Schade.“
„Warum? Willst du etwa nicht …?“
„Doch, doch!“, unterbrach sie ihn. „Aber ich hätte mir für das erste Mal einen romantischen Abend mit dir gewünscht.“ Und diesen Abend wünschte sie sich seit ihrer ersten Begegnung.
„Stattdessen tauchen wir mit Gasmasken und Pistolen zu einem Blitzbesuch auf.“ Etwas leiser ergänzte sie: „Wir sind zusammen durch die Hölle gegangen, sind durch eine lebenslange Symbiose verbunden und hatten noch nicht mal ein einziges Date.“
„Hey“, John wischte ihr mit dem Daumen sanft eine Träne weg, „das werden wir nachholen, versprochen.“
Um nicht loszuheulen zählte sie leise auf: „Ich muss mein Kleid einpacken, meine Textproben, die Englischen Pfund, den Reisepass und ich darf nicht vergessen, nach meinem einsamen Kerl zu sehen.“
John hob eine Augenbraue und blickte sie verdutzt an.
„Ich dachte immer, du – lebst allein.“
Oh ja, das würde sie jetzt genießen!
„Keine Sorge, er ist der einzige Mann in meinem Haus.“
Seine Augen wurden immer größer.
„Er ist ein bisschen wild und steigt ab und zu durch mein Schlafzimmerfenster ein.“
„Er macht was?!“
John würde gleich explodieren, deshalb zwinkerte sie ihm zu: „Spar dir die Eifersucht. Er ist nur ein Kater.“
„Du hast eine Katze?“, fragte Quint neugierig.
Durch den Rückspiegel sah sie, dass nun Quints Augen groß wurden. Sie lächelte ihn an.
„Keine Raubkatze von der Größe, die du bevorzugst, Quint. Nur ein verwilderter Hauskater. Aber versuch lieber nicht, ihn anzufassen, sonst kriegst du seine Krallen zu spüren.“
Quint grinste. „Dein Kater passt zu dir.“
„Aus deinem Mund hört sich das wie ein Kompliment an“, erwiderte sie amüsiert. „Ich wäre dir übrigens dankbar, wenn du die Mühlensegel wieder einrollst und befestigst. Ich kann das nicht und der Wind ist jetzt schon stark. Falls ein Sturm aufkommt, zerreißen sie vielleicht.“
„’tschuldigung, hab ich ganz vergessen, als ich dich zurückbrachte.“
Und ihr Gedächtnis gelöscht hatte.
Auf einmal klang der Furcht einflößende Vampir aber wie ein kleiner Junge, dem etwas zu Bruch gegangen war. Von Sarah wusste sie, dass früher sein bester Freund der Sohn des Müllers und ihr Spielplatz die Mühle gewesen war.
Während der Fahrt war Hoffnung in Lara aufgekeimt, denn John hatte ehrliches Interesse an ihrem Zuhause gezeigt.
Vielleicht war sie für ihn ja doch nicht nur die Zweitbesetzung für seine verstorbene Elisabeth.
Sie brannte darauf, mehr über ihn zu erfahren.
„Was hast du eigentlich für Hobbys, John?“
„Ich reite für mein Leben gern. Früher bin ich auch immer mit dem Pferd auf Jagd gegangen, schließlich hatten wir keinen Supermarkt. Ich liebe schöne Plätze in der Natur und Picknick im Freien, mit gutem Wein und allem, was dazugehört. Wir spielen aber auch regelmäßig was zusammen.“
Spielen? Was spielten Vampire wohl in ihrer Freizeit?
Die Reise nach Jerusalem mit Särgen?
Sackhüpfen mit Leichensäcken?
Doch als sie ernsthaft nachdachte, fielen ihr eine Menge Spiele ein, die man auch im Dunkeln spielen konnte: zum Beispiel Bowling oder Golf und Tennis bei Flutlicht. Eine Beachparty bei Nacht wäre eh schöner, oder …
„Spiel nie gegen ihn Schach, das ist frustrierend“, unterbrach Quint ihre Gedanken. „Wenigstens beim Billard schlag ich ihn ab und zu, dafür finden wir mit seiner Hilfe bei Scotland Yard immer Mister X.“
„Ich bin ja nicht umsonst euer Taktiker, oder? Magst du eigentlich Poker, Lara?“
„Echt? Ihr pokert? Das wollte ich schon immer lernen.“
Aber mit wem hätte sie denn allein Karten spielen sollen? Und diese Online-Spiele waren nicht ihr Ding.
„Einmal die Woche treffen wir uns zur Pokerrunde bei Alva. Vinz und Ara sind auch mit dabei.“
„Wie hoch ist denn der Einsatz?“, fragte sie zögernd.
„Wir spielen nicht um Geld. Davon haben wir alle genug.“
Wow! Und dabei klang dieses „genug“ gar nicht überheblich, sondern gelassen. Was wäre einem im Leben wohl wichtig, wenn man weder die Sorge noch die Gier nach Geld hätte?
„Dann spielt ihr also mit Jetons?“
„So ähnlich“, erklärte John, „aber das Plastikzeug gefällt uns nicht. Wir haben unsere alten Kupfer- und Silbermünzen aus den unterschiedlichen Jahrhunderten zusammengetragen und teilen sie immer gleichmäßig auf.“
„Sicher ein netter Anblick. – Und was ist mit Tanzen?“
„Früher habe ich mit …“ John stockte und ihr fiel auf, dass er Elisabeths Namen so gut wie nie aussprach. Als würde schon allein die Erwähnung zutiefst schmerzen.
„Also in Irland, da haben wir öfter etwas getanzt, das mit dem heutigen Squaredance Ähnlichkeit hat.“
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