Sie greift gerade zu einem weiteren verschlossenen Umschlag, da ziehe ich mich von dem Guckloch zurück und nicke dem Beamten mit dem Schlüsselbund resigniert zu. Er führt mich in unseren kleinen Raum mit dem wackeligen Holztisch und den scheußlichen Stühlen. Ich baue mein Mikrofon und den Rekorder auf und warte.
7
„Hallo, Ruth. Sie sehen gut aus. Ausgeruht. Lässt man Sie in der Redaktion mit dem anderen, unwichtigen Zeug in Ruhe?“
Darlan kommt durch die Tür und setzt sich auf ihren Platz. Trotzdem der Wächter bewaffnet ist und den Elektroschocker bereithält, sieht es so aus, als ob sie ihn führt, statt umgekehrt. Sie setzt sich hin und entlässt ihn mit einem königlichen Nicken.
„Danke. Ja, man hat mich komplett freigestellt, damit ich Zeit genug für Sie habe. Wollen wir weitermachen?“
Ich erinnere mich, dass sie an einer verdammt spannenden Stelle aufgehört und vorgegeben hat, sie sei müde. Müde, von wegen. Sie wollte mich bei der Stange halten – und mir wieder einmal klarmachen, wer am längeren Hebel sitzt.
Neugierig sieht sie mir dabei zu, wie ich eine neue Kassette einlege und die alte mit einem weißen Klebestreifen versehe.
„An Ihrer Stelle würde ich dich nicht mit ‚Darlan’ beschriften.“
„Warum nicht?“, frage ich irritiert. Womit soll ich sie denn sonst beschriften? ‚Ein Tag im Märchenland’ vielleicht?
„Nur ein Tipp, Ruth, aber ein Guter. Sie dürfen nicht vergessen, wie begehrt Ihr Material ist. Und Sie werden Neider haben bei Ihrer Zeitung. Wie heißt die noch mal, ‚Bielefelder Kurier’ oder so ähnlich?“
Ich wundere mich wieder einmal. Sie fordert explizit mich an, weiß aber nicht einmal genau den Namen der Zeitung, für die ich arbeite?
„Ich verwahre die Kassetten bei mir zu Hause“, erwidere ich begütigend, „nicht in der Redaktion.“
„Eben“, knurrt sie und reibt sich die Unterarme. Ihr ist wohl kalt.
Vielleicht hat sie ja recht. Um sie nicht noch mehr auf die Palme zu bringen, beschrifte ich den kleinen Streifen mit ‚Père Roger, Interview v. 23.05.07/Bretagne’ und reiche ihr die Kassette über den Tisch. Ein Räuspern ist hinter der Tür in meinem Rücken zu hören. Scheinbar passt es Mahling nicht, dass ich Darlan etwas gebe.
„Das gefällt mir“, nickt sie, „wer ist denn dieser ‚Père Roger’?“
„Ein französischer Küchenchef, den ich letztes Jahr interviewt habe. Er kennt eine Menge Geheimnisse. Seine Rezepte sind einfach … wunderbar. Die Kassetten habe ich noch nicht beschriftet. Sie sind nur nummeriert. Soll ich die dann mit ‚Darlan’ beschriften? Was meinen Sie?“
Sie lächelt nur.
Bevor sie loslegt, möchte ich die Frage loswerden, die mich so brennend interessiert.
„Wo wir schon dabei sind, könnten Sie mir dann bitte verraten, weshalb Sie darauf bestanden haben, eine Reporterin unseres Blattes aus dem Ressort ‚Kochen rund um die Welt’ für Ihre Geschichte zu bekommen?“
Sie kichert kurz. „Das lässt sich leicht erklären, Ruth. Als Sie beim ‚Kurier’ waren, haben Sie einen kleinen Artikel zum Thema ‚Bücher aus Bielefeld’ geschrieben und diese Reineke interviewt. Das war ein verdammt guter Artikel, wirklich. Der Nächste war schon etwas größer. Ihren Schreibstil fand ich gut und vor allem objektiv. Nicht zu kritisch. Nicht zu reißerisch. Genau richtig. Felix und ich abonnieren mehrere Zeitungen, aber nach dem Kurier grapschte ich immer zuerst. Weil ich dachte, diese Ruth Welter hat vielleicht wieder etwas geschrieben, vielleicht auch schon einen Leitartikel. Dann auf einmal kam gar nichts mehr. Und dann habe ich Ihren Namen nur noch im Teil mit den Rezepten aus aller Welt gesehen. Hat mich sehr gewundert. War es ein Mann, Ruth?“
Ich schweige. Es geht sie nichts an. Das hier ist ihr Seelenstrip, nicht meiner.
„Sie müssen nichts sagen, Ruth. Es ist ziemlich offensichtlich. Derlei kann einem nur ein Mann antun. Ich wollte nur Sie für dieses … Projekt haben. Sie schreiben gut und ich traue Ihnen zu, mich als Mensch zu sehen. Können wir jetzt weitermachen?“
Ich nicke nur und starre auf meinen Notizblock. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, immer einen mitzubringen. Dann kann ich wenigstens ab und zu ihrem bohrenden Blick ausweichen.
8
„Ich stand also da im Gebüsch und ließ den Kegel meiner Taschenlampe über den Boden wandern. Immer wieder. Das hier war die Stelle; der Grabstein davor war der Richtige und ich sah die Zweige, die ich selbst über ihn gelegt hatte. Sie lagen um eine Stelle in der Mitte herum. Dort hatte er gelegen. Man konnte es noch erkennen, selbst in dem trüben Licht der Funzel. Wo war er hin?
Man hat ihn doch entdeckt, dachte ich und es wurde eiskalt in mir, man hat ihn entdeckt und hier auf dich gewartet, damit sie dich festnehmen können, wenn du wiederkommst.
Ich schaltete die Taschenlampe ab und sank auf den kalten Boden. Meine Knie zitterten so sehr, dass ich ohnehin nicht hätte weglaufen können. Schweiß brach mir aus allen Poren, der pure Angstschweiß. Es dauerte, bis ich mich wieder etwas unter Kontrolle hatte. Dann war da die sachliche kleine Stimme der Vernunft. Sie setzte sich neben mich, legte den Arm um meine Schultern und sagte, dass ich mich beruhigen müsste, wenn ich aus der Sache wieder rauskommen wollte. Und dass das Unsinn wäre, was ich glaubte. Wenn die Polizei die Leiche gefunden hätte, wäre hier alles abgesperrt gewesen. Niemand lauerte mir hier auf. Die Antwort war einfach: Er war nicht tot. Ich hatte ihn nicht richtig erwischt. Er war erst bewusstlos, dann wachte er auf und ging wahrscheinlich – ja, wohin wohl? Doch nur schnurstracks zur Polizei. Egal, welches Szenario ich wählte, es lief immer auf die Polizei hinaus.
Ich stand auf und wankte den Weg zum Spielplatz hinauf. Ich dachte mir, ich sollte den Park oben verlassen, in der Nähe des Supermarkts. Falls hier doch Polizisten mit Nachtsichtgeräten im Gebüsch hockten und mich beobachteten, wollte ich ihnen zumindest keinen Hinweis darauf hinterlassen, wo ich wohne. Vielleicht konnte ich ihnen oben an der Straße entkommen.
All das waren keine logischen Gedanken. Aber ich war zu keinem vernünftigen Gedanken mehr fähig. Die Stimme der Vernunft, die ich inzwischen Steve getauft hatte, schwieg sich auch aus. Die Panik überlagerte sowieso alles.
Ich kam am Spielplatz vorbei und da hatte ich so eine Ahnung … eine Art Eingebung. Ich ging hoch zu der Parkbank, auf der er sich einen von der Palme gewedelt hatte. Und da saß er.“
9
Sie wischt sich nervös mit der Hand über die Stirn. Ihre Finger zittern. Die Erinnerung nimmt sie ganz schön mit.
„Er saß auf der Bank … ich machte die Taschenlampe an, um sicherzugehen, dass er es wirklich war. Er war es. Er starrte an mir vorbei in die Dunkelheit. Dort, wo ich ihn mit der Hantel getroffen hatte, klebte getrocknetes Blut an seinem Kopf und an seiner Wange. Dort war es herunter gelaufen und in dunklen Bächen erstarrt. Ein stinkender, feuchter Fleck hatte sich auf seinem T-Shirt gebildet. Er hatte sich übergeben. Hätte er das getan, als er noch lag, dann wäre es entweder in den Boden des Gebüschs gesickert, oder er wäre daran erstickt. Dass es dort auf der Brust seines Shirts klebte, bewies, dass er dabei entweder gestanden oder wie jetzt dagesessen hatte. Er war in einem Schockzustand. Und er hatte eine mächtige Gehirnerschütterung. Vielleicht auch eine Schädelverletzung. Wer wusste das schon? Ich jedenfalls nicht. Ich bin kein Arzt.
Ich sank neben ihm auf die Bank. Er nahm mich gar nicht wahr. Er saß nur dort und starrte vor sich hin. Jetzt war das Dilemma groß. Wenn er einen Gehirnschaden erlitten hatte, wusste er vielleicht nichts mehr von mir. Aber es konnte gut sein, dass man ihn morgens fand und er gerettet wurde. Und dass er sich dann an die Frau mit der Hantel erinnerte, die ihm hinter dem Gebüsch aufgelauert hatte. Tja, sagte Steve, du kannst nur eins tun, Miriam: Mach ihn platt. Wenn er lebt, kriegt man dich. Außerdem hat er den Tod verdient. Bring ihn um.
Читать дальше