»Und wo soll das passieren? Das Schießen der Fotos zum Beispiel?«
»In einer der konspirativen Wohnungen. Welche wir nehmen, wird natürlich sehr kurzfristig entschieden. Dort wird dann auch alles genau vorbereitet.« Florence kam wieder zum Tisch zurück, blieb vor Chantal stehen, beugte sich zu ihr hinunter und umfasste ihre beiden Oberarme.
»Du solltest heute hier übernachten, Schätzchen. Falls es dir nichts ausmacht.«
»Nein, natürlich nicht, Florence. Im Gegenteil.«
»Wenn ich zurück bin, kochen wir uns etwas zu essen ja? Ich habe noch ein paar Vorräte in der Speisekammer. Wird allerdings zwei Stunden dauern.« Florence strich Chantal mit der Hand über das Haar. Dann nahm sie die Dokumente, verstaute sie in einer Ledertasche und verließ das Wohnzimmer. Im Flur zog sie die Stiefel und den Wintermantel an.
»Du kannst schon ein paar Kartoffeln schälen. Sie sind auch in der Speisekammer.«
Samstag, 30. Juli 1938
Berlin-Zehlendorf,
Am Großen Wannsee
»Was haltet ihr eigentlich von der Kapelle?«, fragte Olaf.
»Also ich weiß nicht, die spielen immer nur diese Schlager«, entgegnete Charlotte. »Ein bisschen Swing könnte auch nicht schaden, oder?«
»Sie fürchten wahrscheinlich die zivilen Aufpasser«, meinte Rosa. »Seitdem die Nazis Jazz und Swing auf den Index gesetzt haben, sollen die ja immer mal wieder auf Tanzveranstaltungen auftauchen.«
Charlotte fiel sofort ihr Elternhaus ein. Auch ihr Vater, der Vorzeige-Nazi, redete ständig von entarteter Musik, wenn er Jazz meinte und von Negermusik, wenn er sich ganz präzise ausdrücken wollte. Ihr war es so peinlich.
»Ich finde es übrigens schön, dass wir beide zusammen an diesem Wochenende dienstfrei haben«, sagte Rosa, während sie Charlotte ihre Hand auf den Unterarm legte. »Das passiert ja wirklich selten.«
»Ich hatte ursprünglich gar nicht frei«, entgegnete Charlotte, »nur wegen der Umbaumaßnahmen haben sie den Plan geändert.«
»Ach ja, die Umbaumaßnahmen. Da machen sie ein richtiges Geheimnis drum. Ich habe gehört, dass die SS Räume und Betten bei uns okkupierte hat.«
»Ja, das Gerücht kenne ich auch. Angeblich als Lazarettabteilungen für Angehörige der Leibstandarte in der Kadettenanstalt.«
»Zum Glück haben wir mit denen nichts am Hut, aber wer weiß, was noch kommt. Man muss immer an das Schlimmste denken.«
Charlotte schob sich das letzte Stück ihrer Schmalzstulle in den Mund und nahm einen Schluck von ihrem Getränk.
»Komm Lotte, lass uns mal eine Runde drehen«, sagte Olaf, erhob sich und umrundete den Tisch. »Du erlaubst doch, Liebling?«
»Na, ich weiß nicht...« Rosa schmunzelte, während Olaf Charlotte sanft hochzog und mit ihr zur Tanzfläche ging. Aus dem Augenwinkel beobachtete Charlotte, wie Heinz ihr vom Nebentisch aus hinterher sah. Auch Olaf konnte gut tanzen. Nicht nur deswegen beneidete sie Rosa um ihren Freund. Charmant, humorvoll und gutaussehend. Als Elektro-Ingenieur bei der AEG im Wedding verdiente er darüber hinaus gutes Geld. Bald wollen sie heiraten und zwei Kinder kriegen und irgendwo ins Umland ziehen, wie Rosa ihr anvertraut hatte. So ähnlich stellte auch sie sich ihre Zukunft vor, nur dass sie unter keinen Umständen aufs Land ziehen würde. Sie brauchte einfach das städtische Leben, schon Steglitz war ihr viel zu ruhig. Aber irgendwann, daran glaubte sie fest, würde sie auch wieder Glück haben und jemand finden, mit dem sie in Berlin ihr Leben teilen könnte. Sie musste einfach nur Geduld haben.
»Vielen Dank für den Tanz, Olaf«, sagte Charlotte, als er sie wieder zum Tisch zurückführte. »Es hat mir viel Spaß gemacht.«
»Ganz meinerseits, Lotte.«
Sie sprachen noch eine Weile, dann wollte Rosa noch einmal tanzen.
»Man, das wird ja richtig anstrengend«, lachte Olaf. »Ich gehe nie wieder mit zwei Frauen auf ein Sommerfest.«
Dann folgte er seiner Freundin, die schon auf dem Weg zur Tanzfläche war. Charlotte blickte den beiden hinterher. Ein tolles Paar! Sie wollte sich gerade wieder ihrem Getränk zuwenden, als sie erstarrte. Am Rand der Tanzfläche standen die SA-Männer mit Biergläsern in der Hand und pöbelten die tanzenden Paare an. Sie hatten also doch Einlass bekommen. Charlottes Stimmung verschlechterte prompt. Gedanken an das, was gerade in Deutschland vorging, drängten sofort wieder in ihren Kopf. Selbst Sommerfeste wurden von diesen braunen Bastarden nicht mehr verschont. »Wie wäre es mit einem kleinen Spaziergang zum See, Charlotte?« Heinzs Stimme ließ sie zusammenfahren. Sie schluckte, holte tief Luft. Spaziergang zum See? Sie hatte keine Ausrede parat. Warum auch? Verlegen lächelnd erhob sie sich. Eigentlich eine gute Idee, nicht nur, um auf andere Gedanken zu kommen. Sie schlenderten nebeneinander zum Wasser hinunter. Es war stockdunkel geworden und der Himmel war mit Sternen übersät wie ein sommersprossiges Gesicht im Juli. Kaum hörbar schoben sich die schmalen Wellenstreifen schmatzend ans Ufer. Ein beleuchteter, weißer Haveldampfer verschwand soeben hinter Schwanenwerder.
»Ich möchte aber nicht so lange bleiben, sonst machen sich meine Freunde Gedanken«, bemerkte Charlotte, »Sie wissen nicht, wo ich bin.«
»Nein, ich ja auch nicht«, entgegnete Heinz. »Mein Freund wird sich auch fragen, wo ich bin, wenn er vom Tanzen zurückkommt. Er hat gerade das erste Mädel aufgefordert.«
Heinz ging zum Ufer und bückte sich. »Das Wasser ist schön warm. Wenn wir Badezeug dabeihätten, könnten wir eine Runde Schwimmen.«
»Im Dunkeln hätte ich Angst. Zum Baden bin ich meistens am Schlachtensee.«
»Da würde ich gerne einmal mitkommen.«
Sie schlenderten den schmalen Weg am Ufer entlang. Kurz darauf erreichten sie eine Baumgruppe, unter der eine Bank stand.
»Sehen Sie mal, Charlotte, ein schattiges Plätzchen.« Heinz freute sich sichtlich über seinen Scherz und steuerte auf die Bank zu. »Wollen wir uns etwas setzen?«
»Eigentlich würde ich gerne noch ein bisschen laufen.« Charlotte spürte die Hitze in sich aufsteigen.
»Ach kommen Sie, die Bank steht doch nicht umsonst da.«
Heinz nahm Charlotte an die Hand und zog sie sanft hinter sich her. Nachdem er sich gesetzt hatte, klopfte er mit der Handfläche auf den freien Platz neben sich. »Na setzen Sie sich schon, Charlotte, ich beiße nicht.« Zaghaft setzte sie sich. Heinz hob einen Stein auf, schleuderte ihn ins Wasser und schaute ihm wortlos hinterher.
»Ist es nicht romantisch hier?«, fragte er einige Sekunden später und legte seine Hand auf ihre Schulter.
»Ja«, hörte sie sich mit belegter Stimme sagen. Ihr Herz begann zu rasen. Sie war nie schüchtern gewesen, hatte nicht das erste Mal den Arm eines Mannes auf ihren Schultern gespürt, aber irgendetwas blockierte sie. Im Hintergrund hörte sie die Kapelle einen Foxtrott spielen.
»Wir könnten eigentlich ‚Du‘ zueinander sagen, was meinst du, Charlotte?« Seine Finger begannen, ihre Halspartie zu kraulen. »Meinetwegen«, entgegnete sie heiser ohne ihn anzuschauen und presste ihre Hände auf die Oberschenkel. Es herrschte das blanke Chaos in ihrem Kopf. Einerseits fühlte sich zu diesem Mann hingezogen, andererseits mahnte eine innere Stimme sie zur Zurückhaltung. Und diese Stimme behielt immer noch die Oberhand.
»Was machst du beruflich, Heinz?« Charlotte hatte sich diese Frage schon seit geraumer Zeit gestellt, jetzt konnte sie damit noch etwas Distanz bewahren.
»Oh, ich arbeite in einem riesigen Projekt«, begann er mit stolzem Unterton. »So etwas hat die Welt noch nicht gesehen.«
»Wirklich? Und was ist es?«
»Wir bauen auf der Insel Rügen eine gigantische Wohnanlage für KDF-Urlauber. 10000 Zimmer, Schwimmbäder, Kino, Festhalle. Alles was ein entspannter Urlaub benötigt. Sogar Anlegestellen für Ausflugsdampfer sind vorgesehen. Die gesamte Anlage besteht aus acht Gebäudeblöcken, keine 150 Meter vom Strand entfernt, insgesamt viereinhalb Kilometer lang und für bis zu 8000 Familien. Eine Idee des Führers persönlich.«
Читать дальше