»Sie haben gestern nur angedeutet, was Sie hier in Frankreich machen«, begann sie, während sie auf einen hässlichen, ockerfarbenen Wandteppich starrte. »Können Sie mir mehr darüber erzählen.«
Stading räusperte sich. »Aber natürlich, ich versuche es kurz zu machen. Ich bin vor zwei Jahren zum Oberkommando der Wehrmacht nach Paris gekommen. Meine Aufgabe bestand zunächst darin, französische Arbeitskräfte für den Arbeitsmarkt im deutschen Reich anzuwerben. Später war ich für die Zuführung von französischen Zwangsarbeitern aus dem Service de Travail Obligatoire zur Organisation Todt verantwortlich. Ich weiß jetzt allerdings nicht, ob Sie damit etwas anfangen können?«
Chantal wusste von der bedauerlichen Lage der Zwangsarbeiter. Das war also sein Job. Er war genauso wie alle anderen in dieser menschenverachtenden Maschinerie involviert.
»Es sind französische Facharbeiter, die eigentlich auch in Deutschland zum Einsatz kommen sollten«, fügte Stading ungefragt hinzu. »Allerdings klemmt es jetzt oben an der Küste gewaltig, das hatte ich ja gestern schon erwähnt. Ohne sie hätten wir die ganze Sache schon lange beerdigen können. Und die Sabotageakte des französischen Widerstandes seit dem Sommer bereiten uns im Norden Frankreichs immer mehr Probleme. Wir schätzen übrigens, dass bis zum Jahresende mehr als fünfhunderttausend Zwangsarbeiter in den Untergrund abtauchen werden. Da bin ich mal gespannt, wie Rommel darauf reagieren wird.«
Oh, das war doch mal eine Aussage, die optimistisch stimmte! Chantal konnte ihre Genugtuung nicht zurückhalten.
»Ich hoffe nur, dass die Sabotageakte erfolgreich verlaufen.«
»Da kann ich Sie voll verstehen. Sie kennen ja meine Einstellung zu dieser Thematik. Ich würde dieses Hotel in der Avenue Klèber lieber heute als morgen verlassen.«
Er rückte näher an Chantal heran und versuchte aus den Augenwinkeln die Umgebung zu erfassen.
»Ich habe darüber hinaus noch ein anderes Problem«, fuhr er mit abgesenkter Stimme fort. »Seit Beginn meiner Tätigkeit habe ich auch für die Deutsche Abwehr gearbeitet und wir waren ein ständiger Dorn im Auge der SiPo, denn die fühlten sich für die Sicherheit und damit die Verfolgung des Widerstandes alleine zuständig. Den Machtkampf hat die Abwehr verloren und seitdem sind alle Mitarbeiter im Visier der Gestapo.«
Chantal war unbeeindruckt. Sie fragte sich, warum er dieses Problem ins Spiel brachte. Wahrscheinlich, um seine bedrohliche Lage hervorzuheben. Sie ging langsam weiter und blieben vor dem Karton des Bildhauers
Janniot mit dem Titel La Renaissance de la France sous l ' égide des chefs d ' État stehen.
»Lassen Sie uns zu dem kommen, weswegen wir hier sind«, flüsterte Stading, ohne den Blick von dem überladenen Gemälde zu wenden. Er ergriff Chantals Arm.
»Ich werde Ihnen jetzt die Dokumente übergeben.«
Obwohl sie die ganze Zeit darauf vorbereitet war, erschrak sie heftig und wagte es kaum, sich zu bewegen. Stading zog sie sanft zu sich heran. Sie standen jetzt so eng zusammen wie ein vertrautes Paar.
»Es sind neun Kopien, die ich Ihnen jetzt unauffällig in Ihre Manteltasche stecken werde«, fuhr Stading mit gedämpfter Stimme fort. »Sie dürfen sie auf keinen Fall hervorholen, bevor sie in Ihrer Wohnung sind, verstanden?« Chantal nickte zaghaft. Sie spürte, wie ihr Puls raste. Instinktiv schaute sie zur Seite, um festzustellen, ob nicht gerade in diesem Moment jemand zu ihnen hinüberschaute oder direkt hinter ihnen stand. Paris wimmelte von Denunzianten. Als sie Stadings Hand und die zusammengefalteten Papiere in ihrer Manteltasche spürte, schien sich ihr Puls zu überschlagen. Die Papiere fühlten sich wie eine Bedrohung an. Am liebsten hätte sie das Gebäude sofort verlassen und wäre schnurstracks nach Hause gefahren. Stading bemerkte ihre Aufregung.
»Bleiben Sie ganz ruhig. Niemand interessiert sich für uns. Hier sind wir Deutschen fast unter uns.«
Er begann über Malerei zu plaudern, doch sie nahm seine Worte kaum wahr und dachte nur an die explosive Fracht in ihrer Manteltasche. Nachdem sie noch einige Minuten ziellos durch Ausstellung gewandert waren und dabei weiterhin darauf bedacht waren, den Anschein hoch interessierter Besucher aufrechtzuerhalten, kehrten sie in das Foyer zurück.
»Ich hatte Ihnen ja versprochen, Sie zu einem Glas Champagner einzuladen«, sagte Stading entspannt und bedeutete ihr, ihn zum Bistro zu begleiten, wo sich viele Besucher zu einem Snack oder Getränk eingefunden hatten.
»Warten Sie hier bitte, Maidemoiselle Verhoeven. Ich bin gleich zurück.« »So, dann wollen wir mal. Zum Wohl«, raunte Stading, als er zurückgekehrt war und Chantal ein Glas entgegenhielt. »Vielleicht ist das ja mein letztes Glas Champagner in Frankreich. Einerseits hoffe ich es und würde es gleichzeitig auch bedauern.«
Er schaute sein perlendes Getränk mit einem prüfenden Blick an.
»Für uns Deutsche wird es in der nächsten Zeit vermutlich sowieso keine Anlässe mehr geben, Champagner zu trinken.«
Nachdem sie ihre Gläser geleert hatten, verließen sie die Orangerie. Vor dem Gebäude schloss Chantal kurz die Augen und atmete tief die klare Luft ein. Immer wieder dachte sie an die Dokumente in ihrer Manteltasche und hoffte inständig, dass wirklich niemand die Aktion in der Ausstellung beobachtet hatte.
»Ich würde Sie gerne noch zur Metro-Station begleiten«, unterbrach Stading ihre Gedanken.
»Ja, das ist sehr freundlich von Ihnen, darf ich?« Chantal hakte sich bei Stading unter. Sie spürte plötzlich, wie sich ihre innere Spannung auflöste. Niemand schien Verdacht geschöpft zu haben. Außerdem hatten sich ihre letzten Zweifel in Luft aufgelöst und war sich jetzt sicher, dass der Deutsche tatsächlich überlaufen wollte. Trotzdem musste sie weiterhin vorsichtig sein.
Samstag, 30. Juli 1938
Berlin-Zehlendorf,
Am Großen Wannsee
»Mein lieber Mann«, schwärmte Heinz mit verklärtem Augenaufschlag, »die Frau ist eine Wucht, sage ich dir.«
Er konnte es sich nicht verkneifen, immer wieder zum Nebentisch hinüber zu schielen. Nicht auszudenken, wenn sie von einem anderen Mann aufgefordert werden würde. Dann müsste er einschreiten. Diese Frau hatte er sich ausgesucht und wollte sie nicht wieder hergeben. Nervös klimperte er mit den Fingern auf dem Rand seines Bierglases.
»Äußerlich auf jeden Fall«, pflichtete Bernhard ihm anerkennend bei. »Eine wahre Schönheit. Und diese Figur. Als du mit ihr zur Tanzfläche gegangen bist, hatten sich alle männlichen Augen auf ihrem Hintern vereinigt, meine selbstverständlich eingeschlossen.« Bernhard lachte.
»Und ich sage dir, beim Tanzen hat sie mich völlig verrückt gemacht. Der blumige Geruch ihrer seidenen Haare, ihr graziler Hals...« Heinz rollte mit den Augen und trank einen Schluck von seinem schalen Bier. »Und dann ihre beiden, na du weißt schon...« Er formte mit seinen Händen zwei ordentliche Wölbungen vor seinem Brustkorb. Bernhard nickte zustimmend. »Hast du schon ihren Namen?«
»Na klar. Charlotte.«
»Und sie hat tatsächlich keinen Freund?«
»Man, das habe ich sie natürlich noch nicht gefragt. Wie sieht denn das aus, hör mal? Aber ich muss zugeben, darüber habe ich mir die ganze Zeit Gedanken gemacht...was ist eigentlich mit dir, hast du auch schon etwas entdeckt?«
Bernhard schüttelte den Kopf und hob die Schultern.
»Leider nicht.«
Sie schwiegen und lauschten der Musik, dann räusperte sich Heinz.
»Schau mal, was ich hier habe.« Er holte ein rotes Büchlein aus der Tasche und legte es vor sich auf den Tisch.
»Du bist in die Partei eingetreten?«, entfuhr es Bernhard, während er seinen Freund erstaunt musterte. Heinz nickte stolz und fuhr mit dem Finger über das NSDAP-Parteibuch mit dem goldenen Adler über dem Hakenkreuz. »Mitgliedsnummer 6.181.388! Kannst mal einen Blick reinwerfen.« Bernhard blätterte interessiert vor und wieder zurück.
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