Agnus hatte sich hinters Steuer gesetzt und schob gerade die schwarze Verbindungsscheibe zurück, die den hinteren Teil des Wagens abtrennte, der vor Sonnenlicht geschützt war. Sein Anführer schenkte ihm einen nachdenklichen Blick und schüttelte den Kopf.
„Ich habe meine Hand für dich ins Feuer gelegt, Benjamin – und was machst du? Du spielst mit dem Feuer – ich hoffe nur, das ist dir bewusst. Was Frauen angeht, kann Abadin mörderischen Ehrgeiz an den Tag legen, das haben Sarah und Elia schon am eigenen Leib erfahren müssen.“
Die Warnungen berührten ihn kaum, doch Ben wiederholte mit unverhohlenem Zorn: „Seine Frauen – was denkt sich dieser Bastard eigentlich?“
„Ich werde mir also die Hand verbrennen“, brummte Agnus und startete den Motor.
„Weißt du, Benjamin, Abadin lebt schon sehr lange und früher hatten auch wir Leibeigene und in der neuen Welt gab es sogar Sklaven.“
„Mir ist egal, wie alt dieser Kerl ist! Und selbst wenn er Sklavenhändler im alten Byzanz gewesen wäre! Die Zeiten haben sich Gott sei Dank geändert!“
„Noch nicht überall“, seufzte Agnus halblaut und schob die Trennscheibe wieder zu.
Kurz nach der Abfahrt spürte Ben, dass Jasmin aus ihrer Ohnmacht erwachte. Als sie ihre strahlend hellgrünen Augen öffnete, machte sein Herz einen kleinen Freudensprung.
Doch die Freude währte nicht lange.
Ihr ganzer Körper begann sofort wieder zu zittern. Er hörte, wie ihr Puls in die Höhe schnellte, und in ihren Augen stand blanker Horror.
Schon wieder sah sie ihn an wie ein Monster!
Da er sie nicht gewaltsam festhalten wollte, musste er miterleben, wie die arabische Schönheit sich in Panik förmlich aus seinen Armen kämpfte, ans andere Ende der gegenüberliegenden Sitzbank flüchtete und sich dort zusammenkauerte.
Seltsamerweise fühlten sich jetzt nicht nur seine Arme leer an, sondern auch sein Inneres und es schmerzte, so als hätte ihm jemand ein Stück daraus entrissen.
Er blickte Jasmin an, die sich voller Furcht klein machte, und sein Instinkt bäumte sich auf, wollte den Feind mit den Reißzähnen zerfleischen, vor dem sie sich so fürchtete – doch da war niemand außer ihm. Trotzdem spürte er, wie sein Körper Adrenalin ausschüttete, und unbändige Wut erfasste ihn.
Was, um alles in der Welt, war nur mit ihm los?
Er war schließlich kein Choleriker, der ständig von Wutattacken heimgesucht wurde!
Jeder, der ihn kannte, beschrieb sein Wesen als sanft und ausgeglichen. Mit seinen gut 120 Jahren war er einer der jüngsten Wächter. Und obwohl er aufgrund seines erlernten, exzellenten Kampfgeschickes einstimmig als Wächter bestätigt worden war, sagten seine Mitstreiter oft scherzhaft: „Er ist unser Fachmann in künstlerischen Fragen“, wenn nach seinen speziellen Fähigkeiten gefragt wurde.
Ja, in seiner Seele war er ein Künstler wie sein Vater und kein Krieger, aber der Wunsch, die zu beschützen, die er liebte, hatte schon immer ungeahnten Kampfgeist in ihm geweckt.
Während er für einen Moment seinen Gedanken nachhing, sah sich Jasmin inzwischen hektisch um wie ein scheues Wildtier, das man in die Ecke gedrängt hatte. Er traute seinen Augen kaum, als sie Anstalten machte, bei voller Fahrt die Autotür aufzureißen.
„Was machst du da?!“, brüllte er unwillkürlich und wollte nach ihrer Hand greifen. Jasmin zog ihre Hand so schnell weg, als hätte sie sich verbrannt – kein Wunder, so wie er sich aufführte.
Er hatte schon wieder wütend reagiert!
Entnervt stieß er die Luft aus, denn das Schema wiederholte sich: Sie behandelte ihn wie ein Monster und er kochte vor Wut und Frustration.
Ihm fiel auf, dass Jasmin etwas desorientiert wirkte, was nachvollziehbar war. Anstatt jedoch in seiner üblich sanften Art darauf zu reagieren, sagte er mit unverhohlener Verachtung: „Dein König hat in seiner unendlichen Güte erlaubt, dass ich dich zu unserem Hauptquartier begleite.“
Er merkte, wie blöd er sich verhielt, und versuchte, bei seinen nächsten Worten verständnisvoller zu klingen.
„Vermutlich hast du das nicht mehr mitbekommen, oder?“
Sie schüttelte den Kopf, schien sich aber etwas zu beruhigen, denn ihr Puls normalisierte sich und ihr Zittern verschwand. Dafür fing die Orientalin jetzt aber an, nach etwas Ausschau zu halten – vermutlich nach ihrem Schleier. Da konnte sie lange suchen, den hatte er nämlich absichtlich in der Gasse liegen lassen.
Er liebte Schönheit in jeder Form – und so eine Schönheit wie sie hinter schwarzen Tüchern zu verstecken, war für ihn ebenso unverständlich wie unerträglich.
Eigentlich hätte er auch gern noch viel mehr von ihr gesehen, aber sie war dermaßen verhüllt, dass er noch nicht mal Konturen wahrnehmen konnte.
Ihm fiel ein, dass Jasmin wegen des Blutverlusts unbedingt etwas trinken sollte. Da die Frauen der Vampire allesamt Menschen waren, wenn auch besondere, befanden sich in jedem Fahrzeug Getränke. Zudem war jeder Vampir, der in Symbiose mit seiner Gefährtin lebte, in der Lage, normale Nahrung zu verdauen.
Er streckte seinen Arm weit aus, um die versteckte Minibar gegenüber, direkt neben Jasmin, zu öffnen. Im selben Moment rollte sie sich abrupt zusammen und hielt schützend die Arme über ihren Kopf.
„Mein König wird dich töten, wenn du mich schlägst!“
Instinktiv drang ein ärgerliches Knurren aus seiner Kehle.
Aus Spaß hatten seine Schwester und er zwar früher öfters harmlose Balgereien veranstaltet, aber dabei hatte sie noch nicht mal einen Kratzer abbekommen – geschweige denn, dass er jemals eine Frau geschlagen hätte!
„Ich hatte überhaupt nicht vor, dich zu schlagen! Aber du hast stark geblutet und brauchst dringend Flüssigkeit!“
Wie zuvor beabsichtigt streckte er seine Hand – an ihr vorbei – zur verborgenen Minibar aus, öffnete sie und hielt ihr ein isotonisches Getränk hin.
Zögernd griff sie nach der Flasche und sah ihn dabei für einen langen Moment verwirrt an. Danach senkte sie ihren Blick wieder abrupt zu Boden.
Ben hatte das Gefühl, gleich zu explodieren.
Mit Absicht schneller, als dass sie hätte ausweichen können, nahm er ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und zwang sie, ihn anzusehen.
„Schlägt Abadin dich?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Bitte, lass mich los.“
Schon wieder bettelte diese mutige Frau, ihre Stimme zitterte sogar hörbar.
Er stieß frustriert die Luft aus und ließ ihr Kinn los.
Sogar einem raubeinigen Wikinger wäre aufgefallen, dass mit Jasmin etwas nicht stimmte.
„Du bist die mutigste Frau, die mir je begegnet ist.“ Und er begriff einfach nicht, warum sie gegenüber blutrünstigen Bestien tapfer und ihm gegenüber, noch dazu in dieser gefahrlosen Situation, völlig verängstigt war.
Unerwartet fixierte Jasmin ihn mit ihren Augen und antwortete auf sein Kompliment in einem bitteren Ton: „Mut hilft dir gar nichts, wenn du am Ende doch verlierst!“
Was hatte Jasmin nur erlebt?
Er wünschte, er könnte seine gerade wieder aufsteigende Wut – die sich auch in seinem unüberhörbaren Knurren äußerte – an denjenigen auslassen, die daran schuld waren, dass diese ansonsten so tapfere Frau ängstlich bettelte. In diesem Fall würde er das Blut in den Ranken seiner Klinge hinterher wohlwollend betrachten.
„Verzeih, wenn ich dich beleidigt habe“, stammelte Jasmin unvermittelt, mit eindeutig schuldbewusster Stimme und wandte ihren Blick wieder zu Boden.
„Womit?“
„Ich – habe einen fremden Mann angestarrt und – angesprochen.“
„Und?“
„Und?!“, wiederholte sie empört. „Das ist gelinde gesagt unhöflich! Außerdem beschmutzt so ein Verhalten die Ehre meines Vormundes.“
Er musterte Jasmin, die aber nun kein einziges Wort mehr mit ihm sprach. Ihre wundervollen, smaragdgrünen Augen würdigten ihn keines Blickes mehr und offenbar fühlte sie sich unwohl in seiner Gegenwart. Dabei rissen sich andere Frauen darum, in seiner Nähe zu sein, gerieten völlig aus dem Häuschen, wenn er ihnen ein Lächeln oder ein Augenzwinkern schenkte. Die Dreisteren betatschten ihn, wenn sie nahe genug herankamen, oder steckten ihm ihre Telefonnummer oder ihren Hotelschlüssel zu. Aber diese eine hier, die ihm gefiel …
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