Ben bohrte seinen fordernden Blick in Agnus. Natürlich wusste er, dass sein Anführer kaum einen Außenstehenden ins Hauptquartier ließ, von Menschen ganz zu schweigen, denn ihr Standort in dem uralten, ehemaligen Kloster war ein gut gehütetes Geheimnis.
Abadin stand inzwischen bei ihnen. Anstatt Ben eine Standpauke über die Gefährdung der Sicherheit zu halten, sah Agnus nur diesen Abadin fragend an, woraufhin der nickte.
„In Ordnung, Ben, du kannst sie mitnehmen. Alva soll nach ihr sehen.“
Es wurmte ihn, dass Agnus erst die Erlaubnis des anderen abgewartet hatte und dass das anscheinend alles war, was zählte. Grimmig nahm er den Fremden ins Visier.
„Ich will endlich wissen, wie sie heißt.“
In Anbetracht seines rüden Tonfalls, hob Agnus eine Augenbraue und legte dann eine Hand auf die Schulter des Arabers.
„Ich glaube, ich sollte dir zuerst meinen alten Freund vorstellen.“ Damit du deinen Ton mäßigst , lautete die unterschwellige Botschaft. „Das ist König Abadin Said der Zweite. Unsere Väter waren Freunde und im Mittelalter kämpfte er eine Zeit lang an der Seite meiner Wächter.“
Der König ließ sich nur zum Ansatz eines würdevollen Nickens herab und betrachtete mit einer Mischung aus Interesse und Argwohn die schöne Orientalin, die Ben in seinen Armen hielt.
„Abadin, das ist Benjamin Sandberg, Sohn des Gustav, einer meiner ehrenwerten Wächter.“
Der König trat mit zwei Schritten direkt vor ihn. Unwillkürlich zog er die Frau noch enger an seinen Körper.
Der Blick des Königs wanderte zu seiner Hand und nahm einen misstrauischen Ausdruck an. Erst jetzt bemerkte Ben, dass er mit dem Daumen sanft über die Wange der Orientalin strich, und er registrierte aus den Augenwinkeln, dass Agnus ihn alarmiert anschaute.
Unvermittelt streckte der Herrscher seine kräftige Hand nach Bens Nacken aus, eine verwundbare Stelle selbst für die gefährlichsten Raubtiere. Im gleichen Moment umschloss Agnus den Griff seiner Desert Eagle, Kaliber .50, eine der größten Handfeuerwaffen überhaupt. Sein Anführer ließ den Araber nicht mehr aus den Augen und erklärte mit Nachdruck: „Abadin, für diesen Wächter lege ich meine Hand ins Feuer.“
Ben hatte wortwörtlich beide Hände voll und alles an ihm spannte sich an, als der König die Hand auf seinen Nacken legte.
Er hielt den Atem an und machte sich auf alles gefasst, während ihn der Blick des Herrschers mit stählerner Härte durchdrang.
Nach einem langen Moment sagte der König: „Du möchtest also ihren Namen wissen. Sie wird ihn dir aber nicht freiwillig nennen.“
Ein Knurren schlich sich aus Bens Kehle. „Haben Sie ihr das verboten?“
„Ben“, rief Agnus warnend. „es reicht!“
Der Araber bedachte ihn allerdings nur mit einem amüsierten Lächeln, das seine rasiermesserscharfen Reißzähne zum Vorschein brachte, und meinte: „Sie heißt Jasmin.“
Als würde ihr Name aus dem Mund des Königs sie selbst aus den tiefsten Tiefen herbeibefehlen, flatterten Jasmins wunderschöne Wimpern. Es kostete sie sichtliche Anstrengung, die Augen zu öffnen.
„Ich kann Euch dienen, mein König.“
Das sagte sie halb benommen, zudem war sie noch immer sehr blass. In Ben kochte Zorn hoch und er gab sich wenig Mühe, das Knurren aus seiner Kehle zu unterdrücken.
„Ich benötige deine Dienste im Moment nicht. Du bist außer Gefahr und ich schätze, dieser Krieger hier“, jetzt wurde das amüsierte Grinsen des Arabers sogar noch breiter, „wird dafür sorgen, dass nichts und niemand dich ihm entreißt. Und falls er dich verletzt, werde ich ihm die Eingeweide herausreißen und ihn damit füttern.“
Das klang nicht nach einer Metapher.
Endlich nahm der König die Hand aus Bens Nacken, legte sie nun aber auf Jasmins Hand. Das zu sehen, ärgerte Ben noch mehr, denn er registrierte, dass Jasmins Körper sich sofort versteifte und anfing zu zittern.
Der Araber merkte das anscheinend auch und zog seine Hand mit einem Seufzen wieder zurück.
„Werde wieder heil.“
Diese Worte des Herrschers wirkten irgendwie seltsam, doch Ben vermutete, dass das an der Sprachbarriere lag.
Jasmins Augen fielen wieder zu.
Nun fixierte der König Ben mit einem durchdringenden Blick, der dafür sorgte, dass seine Nackenhaare sich aufstellten.
„Kann ich dir diese Frau anvertrauen?“
Dabei musterte ihn der Herrscher allerdings eher so, als wollte er seinen Wert einschätzen.
Ohne es bewusst zu steuern, zog er Jasmin abermals enger an sich. Der König schien das zu registrieren.
„Wenn sie auch nur einen blauen Fleck deinetwegen bekommt, werde ich dich eigenhändig auspeitschen.“
Das klang wie ein heiliges Versprechen, doch das war Ben völlig egal. Er blickte allerdings besorgt zu Jasmin herab.
Hatte er sie etwa zu fest gehalten?
Auf der Stelle lockerte er seinen Griff.
Mit einem amüsierten Grinsen wandte sich der Herrscher von Ben ab und meinte nur lapidar: „Wir sehen uns im Hauptquartier.“
Damit ließ der König ihn einfach stehen und stieg in den Krankenwagen zu seiner Lieblingsfrau.
Wie in einem Traum spürte Jasmin etwas Starkes, das ihr Halt gab. Eine fremdartige, aber angenehme Wärme umschloss sie, durchdrang ihr Inneres und badete sie in einem Gefühl der Geborgenheit, das sie zuletzt auf dem Schoß ihrer Mutter gehabt hatte.
Irgendwann glitt sie benommen in einen halb wachen Zustand. Eine unfassbar sanfte Hand berührte ihre Wange. Sie bemühte sich, ihre bleischweren Lider wenigstens kurz zu öffnen.
Als es ihr gelang, blickte sie direkt in strahlend türkisblaue Augen – Augen, so wunderschön und verlockend wie ein tiefes Meer, in dem man gewillt war, für immer zu ertrinken. Sie lagen inmitten eines Gesichtes, das Sanftmut ausstrahlte und von schulterlangen Haaren in der Farbe von hellem Sandelholz eingerahmt wurde. Etwas Unbekanntes, Neues, keimte in ihr auf, ebenso neu wie das angenehme Ziehen und heiße Prickeln tief unten.
Beides verwirrte sie, vor allem weil sie dabei in das Gesicht eines Mannes sah, und das war nah, gefährlich nah.
Dieser Mann hatte für sie gekämpft, sie gerettet – was sie ebenfalls verwirrte.
Während des Kampfes hatte der Mann ausgesehen wie ein Monster.
Sie kannte nur Monster, die aussahen wie Männer.
Ihr König sagte, sie sei bei diesem Mann in Sicherheit.
Er wusste es nicht besser.
Für eine Frau wie sie gab es keine Sicherheit in der Gegenwart eines Mannes.
Dennoch hatte ihr Retter das schönste Gesicht, in das sie je geblickt hatte.
Aber der schöne Schein täuschte eben über die grausame Wahrheit hinweg. Daran wurde sie wieder schmerzlich erinnert, als eine kräftige Männerhand nach ihrer griff.
Das plötzliche und überwältigende Gefühl von Panik ließ jede ihrer Empfindungen innerhalb eines Wimpernschlags zu Eis gefrieren.
Sie begann zu zittern und fühlte sich wie in einem Block aus Eis: kalt, steif und unter Druck, so als würde sie vom Eis langsam zusammengequetscht.
Aber es war besser, das zu empfinden, als noch einmal all das, was hinter ihr lag – lieber würde sie sterben.
Im Moment hatte sie jedoch nicht die Wahl – genau wie damals.
Gnädigerweise erfasste sie Schwindel und eine erneute Ohnmacht befreite sie von jeder Wahrnehmung.
***
Ben hatte es völlig widerstrebt, Jasmin loszulassen, deshalb saß er nun – mit ihr auf dem Schoß – auf der Rückbank des SUV. Sie war immer noch ohnmächtig, deshalb lauschte er ihrem Herzschlag. Der Rhythmus des sanften Schlagens war für ihn mittlerweile unverwechselbar. Ihren weichen, weiblichen Körper in den Armen zu halten, verschaffte ihm eine innere Ruhe und Befriedigung, die wohl keiner verstehen würde, er selbst eingeschlossen.
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