Überwältigt von den Eindrücken zog er sie unwillkürlich näher an sich.
Vermutlich waren nur ein paar Sekunden verstrichen, doch nun wurde er wieder brutal in das Hier und Jetzt gerissen. Die wunderschöne Orientalin verkrampfte sich nämlich in seinen Armen und wurde zu einem steinharten Bündel.
„Nein – bitte nicht …“, bettelte sie und blanker Horror spiegelte sich in ihren Augen.
Ein paar Minuten zuvor hatte sich diese Frau noch tapfer dem mörderischen Angriff eines Vampirs entgegengestellt, aber vor ihm fing sie an zu betteln, als drohte ihr von ihm ein weitaus schlimmeres Schicksal.
Warum hatte sie ausgerechnet vor ihm solche Angst?
Was machte er nur falsch?
Dieser abgrundtiefe Horror, der in ihrem Blick lag, bohrte sich wie ein glühender Dolch in seine Seele.
Bevor er jedoch die Gelegenheit bekam, etwas zu sagen, flatterten ihre Lider und sie wurde ohnmächtig.
„Ich bin kein Monster“, murmelte er zutiefst enttäuscht, „und das würde ich dir gern beweisen.“
Ein leises, gekränktes Knurren drang aus seiner Kehle.
Die Ohnmacht ließ ihren weiblichen Körper in seinen Armen wieder weich und anschmiegsam werden und er saugte diese Wahrnehmung förmlich in sich auf. Ihm kam es auch so vor, als schmeckte er ihr Blut noch immer auf seiner Zunge und diese Erinnerung würde er für immer bewahren.
Was um alles in der Welt war bloß mit ihm los?
Warum fühlte und verhielt er sich so merkwürdig?
Er schüttelte den Kopf in dem Versuch, die viel zu intensiven Eindrücke wieder loszuwerden – ohne Erfolg.
Eine flüchtige Ahnung streifte sein Bewusstsein, während er die Arme der Orientalin auf ihren Bauch legte und dabei etwas Entscheidendes entdeckte: Auf der Innenseite ihres linken Handgelenkes zeichnete sich ein kleines, sehr filigranes Branding ab. So hätten es zumindest die Menschen bezeichnet. Vampire nannten die beiden Blättchen die Blüte der Ewigkeit. Diese Frau war also die eine unter Abertausenden, der eine tiefe Verbindung, eine Symbiose, zu einem Vampir möglich war.
Ehe er Zeit hatte, über die Tragweite dieser Entdeckung nachzudenken, alarmierten ihn plötzlich seine Instinkte.
Ein Raubtier, mächtiger und viel älter als alle, die er je besiegt hatte, näherte sich in tödlicher Absicht.
Rasch legte Ben die Frau in seinen Armen vorsichtig auf den Boden neben die Bewusstlose. Hinter sich hörte er ein dunkles, mörderisches Knurren.
Niemand wird dieser Frau auch nur ein Haar krümmen! , schwor er sich im Geiste.
Seine tödlich scharfen Fangzähne waren bereits von ganz allein zur vollen Länge ausgefahren und im Bruchteil einer Sekunde drehte er sich um. Gerade noch rechtzeitig, denn wie ein plötzlicher Windstoß fiel der Angreifer über ihn her.
Sein Gegner entpuppte sich nicht nur als schnell und stark, sondern auch als erfahrener Kämpfer. Merkwürdigerweise glich sein Angreifer damit in keiner Weise den Gesetzlosen, mit denen er es sonst zu tun hatte und die in der Regel durch ihren Blutrausch zu unbeherrschten Bestien wurden. Mit denen hatte er reichlich Erfahrung, seit er den Wächtern beigetreten war, die die Menschen schützen, indem sie diese mörderischen Vampire zur Strecke brachten.
Innerhalb eines Wimpernschlags zog Ben erst sein Messer und danach seine Pistole, aber sein Gegenüber schlug ihm beides ebenso schnell wieder aus der Hand. Ein harter Kampf, Vampir gegen Vampir, mit bloßen Händen, entbrannte. Ben musste an die Grenzen seiner Schnelligkeit und Kraft gehen, um die tödlichen Attacken abzuwehren.
Immer wieder versuchte der Angreifer, zu den beiden Frauen vorzudringen. Ben gelang es nur unter Aufbietung all seines Kampfgeschickes, ihn daran zu hindern, doch er würde nicht ewig gegen diesen Gegner bestehen.
Endlich entdeckte er Agnus aus den Augenwinkeln und schöpfte Hoffnung. Mit seinen 120 Kilo nahezu reiner Muskelmasse und den wilden, rotbraunen Locken glich der fast zwei Meter große Anführer der Wächter einem Wikinger. Das hatte er von seiner Mutter, denn sein Vater war ein adliger Engländer gewesen. Die Ankunft von Agnus kostete Ben für einen Sekundenbruchteil die volle Aufmerksamkeit und schon schmetterte ihn sein Gegner flach auf den Rücken.
Warum, um Gottes willen, griff sein Anführer nicht ein?!
Der Vampir über ihm öffnete die Kiefer und in Ermangelung einer Waffe würde sein Feind ihm wohl mit den Fangzähnen die Kehle samt Halsschlagader herausreißen.
Er war geliefert. Das zu überleben, war selbst für einen Vampir kaum möglich.
„Halte ein, Abadin Said! Das ist einer meiner Männer!“
Sobald der kräftige und athletische Mann mit den schwarzen Haaren von ihm abließ, sprang Ben auf und stellte sich schützend zwischen ihn und die beiden Frauen am Boden.
Beinahe Nase an Nase standen sie da und knurrten wie zwei wütende Panther.
„Agnus!“, warnte der Fremde.
Agnus kam näher und befahl Ben mit fester Stimme: „Lass ihn durch.“
Ohne sich auch nur einen Millimeter zu rühren, knurrte Ben: „Warum?“
Sein Anführer hob erstaunt eine Augenbraue, denn er war von seinen Wächtern keine Widerworte gewohnt. Doch das war Ben egal.
„Abadin, sieh es ihm nach. Er ist ein Wächter. Seine Aufgabe ist es, die Unschuldigen zu schützen. Woher sollte er es wissen?“
„ Was sollte ich wissen?“, knurrte Ben.
Agnus legte eine seiner riesigen Hände auf Bens Schulter.
„Von Abadin droht ihnen keine Gefahr. Das sind seine Frauen. Sie gehören zu seinem Harem.“
Ben erstarrte.
Seine Frauen , hallte es dröhnend in seinem Kopf wider, während er die Hände zu Fäusten ballte.
Alles in ihm sträubte sich, als er zuließ, dass der Mann, mit dem unbestreitbaren Auftreten eines Herrschers, um ihn herum zu den beiden Frauen ging.
Am Rand bekam Ben mit, dass Agnus brummte: „So hatte ich mir unser Treffen eigentlich nicht vorgestellt, Abadin.“
Unbewusst richtete Ben seine volle Aufmerksamkeit auf den Herzschlag der wunderschönen Frau in Schwarz. Nur die unmissverständliche Hand von Agnus hinderte ihn daran, wieder zu ihr zu gehen.
„Wie ist die Lage, Ben?
Ben! Wie viele Opfer gab es?“
Erst der energische Ton seines Anführers brachte ihn dazu, den Blick von der Orientalin abzuwenden und sich auf die Frage zu konzentrieren.
„Zwei tote Bodyguards, ein toter Fahrer. Die Frau im schwarzen Gewand sagte, sie ist nicht verletzt, doch das bezweifle ich. Sie hat durch einen langen Schnitt Blut verloren und ist später ohnmächtig geworden. Die andere dort an der Mauer ist schon vor meinem Eintreffen bewusstlos gewesen und wahrscheinlich schwer verletzt.“
Während er das Geschehen zusammenfasste, lauschte er permanent ihrem Herzschlag, um sich zu versichern, dass sie wieder aufwachen würde.
„… und die drei Frauen in der Limousine haben die Horrorshow hautnah miterlebt. Ihr Gedächtnis muss gelöscht werden.“
„Das werde ich selbst tun“, schaltete sich dieser Abadin ein, der sich über die schwer verletzte Frau beugte.
Erst jetzt registrierte Ben dessen eindeutig arabisches Aussehen und das landestypische, weiße Gewand, das dazu noch goldene Bordüren besaß. Er wunderte sich, dass sein Instinkt so mit ihm durchgegangen war und er zu Beginn des Kampfes gar nicht in Erwägung gezogen hatte, dass der Mann vielleicht zur Gruppe der Frauen gehörte.
„Drei Angreifer?“, fragte Abadin – vermutlich hatte er die Vampirleichen gezählt.
„Es waren vier. Einer ist schwer verletzt geflüchtet.“
Abadin nickte ihm anerkennend zu. „Gute Arbeit, Krieger.“
An Agnus gewandt ergänzte Ben: „Ich konnte nicht riskieren, den Flüchtigen zu verfolgen. Vielleicht hätte jemand dieses kleine Massaker entdeckt, außerdem wollte ich die Frauen nicht allein und schutzlos zurücklassen.“ Ganz besonders eine davon nicht.
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