Sein Fokus lag mit einem Mal wieder auf der Frau, die er in seine Jacke gehüllt hatte. Sie war immer noch ohnmächtig.
Ohne auf weitere Nachfragen von Agnus zu warten, wandte er sich von ihm ab und ging vor der tapferen Orientalin in die Hocke. Selbst ohnmächtig brachte sie es fertig, dass alle seine Sinne sich auf sie konzentrierten.
Sie war ziemlich blass und schien trotz seiner Jacke weiter auszukühlen. Der Drang, sie an einen warmen, sicheren Ort zu bringen, wurde immer größer. Er streckte seine Hand nach einer Haarsträhne aus, um sie ihr aus dem Gesicht zu streichen. Unvermittelt spürte er den eisernen Griff des Arabers um sein Handgelenk.
Das sind seine Frauen , hallte es wie ein Peitschenschlag in Bens Kopf wider. Mit einem Knurren riss er den Kopf hoch und rechnete damit, in das wütende Gesicht des Fremden zu sehen, der dachte, diese Frau wäre sein Besitz. Doch in der Miene des Arabers stand stattdessen ernste Sorge.
Noch ehe die Konfrontation ihren Lauf nehmen konnte, rief Agnus: „Abadin, deine Frau wird wach!“
Sofort war Abadin bei der Schwerverletzten und redete mit ihr in einer Sprache, die Ben als Arabisch einordnete. Ärgerlicherweise verstand er kein Wort davon.
Mit einer Vorsicht, die er dem eiskalten Kämpfer gar nicht zugetraut hätte, tastete Abadin unter dem Gewand ihren Rücken ab. Als seine Hand wieder zum Vorschein kam, war sie blutig.
„Sie kann ihre Beine nicht bewegen, ihre Wirbelsäule scheint verletzt zu sein.“ Mit unverhohlenem Schmerz in den Augen blickte der Araber zu Agnus. „Sie ist meine Lieblingsfrau, alter Freund. Ich werde ihr jetzt mein Blut geben.“
Blut normalen Menschen zu schenken, war nach dem uralten Gesetz der Vampire streng verboten. Nur bei den äußerst seltenen Frauen, die die Blüte der Ewigkeit trugen, wie die tapfere Orientalin, war dies erlaubt.
Wenn ein Vampir so einer Frau sein Blut schenkte, erneuerten sich ihre Zellen – und zwar alle Zellen – vorübergehend, doch sie blieb immer ein Mensch. So war es möglich, dass die menschliche Gefährtin eines Vampirs ebenfalls ewig lebte und gesund blieb, wenn er ihr regelmäßig sein Blut schenkte.
„Du weißt, das ist gegen das Gesetz …“, begann Agnus, doch Abadin richtete sich ruckartig auf.
„Wenn du mich daran hindern willst, mach dich auf einen Kampf auf Leben und Tod bereit.“
Ben registrierte, dass alle Muskeln des Arabers sich anspannten – bereit zum Angriff. Abadins Gesicht wurde zur harten Maske eines gnadenlosen Kämpfers und Agnus hatte seine Fußstellung instinktiv verändert, um einen besseren Stand zu haben.
Auch wenn Abadin ein alter Freund war: Agnus musste als Anführer der Wächter dafür sorgen, dass die Gesetze eingehalten wurden. Er konnte das nicht zulassen.
Unwillkürlich legte Ben die Hand auf den Griff seiner Pistole. Nur das angedeutete Kopfschütteln von Agnus hielt ihn davon ab zu schießen, zumindest vorläufig.
Die Spannung zwischen den beiden war beinahe greifbar.
Ein Kampf schien unausweichlich und Ben würde nicht tatenlos zusehen.
In einem letzten Versuch, das Desaster zu verhindern, rief Ben: „Du könntest die Sache noch schlimmer machen, wenn du ihr jetzt dein Blut gibst!“
„Was weißt du schon!“, brüllte der Araber ebenso wütend wie verzweifelt, doch Ben gab nicht so schnell auf: „Durch dein Blut würden die Wirbel zusammenwachsen, auch wenn sie nicht die richtige Lage haben und Nervenbahnen dabei eingequetscht werden. Verbliebene Wirbelsplitter würden einwachsen und beides könnte der Frau höllische Schmerzen für den Rest ihres Lebens bereiten.“
Skeptisch sah Abadin zu Agnus.
„Benjamin hat recht, Abadin, und er kennt sich aus. Er hat eine Zeit lang in der Notaufnahme gearbeitet.“
„Ich werde aber nicht tatenlos zusehen wie …“
„Das musst du auch nicht, alter Freund. Meine Frau ist Ärztin und Heilerin. Sie ist schon auf dem Weg hierher.“
Ein Ausdruck von Hoffnung flackerte über das Gesicht des Arabers.
Ben wusste natürlich, dass Agnus’ Frau Alva in Teilbereichen, wie Knochen, Knorpel und Sehnen, die Gabe der Heilung hatte. Ob sie jedoch in der Lage war, auch einen komplizierten Wirbelbruch zu heilen, und ob sich die Nervenbahnen anschließend wieder erholen würden, war alles andere als sicher. Aber allein die Möglichkeit würde hoffentlich für den Moment die explosive Situation entschärfen.
„Wir bringen deine Frau zu uns ins Hauptquartier“, schlug Agnus vor. „Dort haben wir medizinische Geräte, um sie zu untersuchen, und meine Frau wird sich um sie kümmern, in Ordnung?“
Vielleicht war es das leise Weinen seiner Frau, das dafür sorgte, dass Abadin nickte und seine Angriffshaltung aufgab, um sich wieder vor sie hinzuknien.
„Beweg sie so wenig wie möglich“, mahnte Ben, „und versetz sie in Tiefschlaf. Um sie für den Transport zu fixieren, werden wir eine Vakuummatratze verwenden müssen.“
Abadin sah fragend zu Agnus.
„Tu, was er sagt, alter Freund, und lösch das Gedächtnis deiner anderen Frauen. Ich werde mich um den Rest kümmern.“
Der arabische Mann murmelte seiner weinenden Lieblingsfrau offensichtlich tröstende Worte zu und legte dann die Hand auf ihre Stirn. Ihre Lider senkten sich und ihr Körper fiel in einen tiefen Schlaf. Sobald Abadin sich erhob, um zur Limousine zu gehen, in der sich seine anderen Frauen eingeschlossen hatten, wurde seine Haltung wieder erhaben, seine Züge hart und kompromisslos.
Ben fragte sich, wer dieser Kerl eigentlich war.
Doch ein Blick zu seiner tapferen Schönheit – die immer noch bewusstlos auf dem schmutzigen Asphalt lag – genügte, damit alles andere unwichtig wurde. Das Geschehen um ihn herum trat völlig in den Hintergrund. Er brachte es nicht übers Herz, sie noch eine Sekunde länger dort liegen zu lassen, und hob sie behutsam auf seine Arme.
Am Rande registrierte er, dass Agnus mit dem Hauptquartier und seiner Frau Alva telefonierte.
Als er das Gesicht der Orientalin in seinen Armen betrachtete, verlor er jedes Zeitgefühl – sie war eine echte Schönheit und Schönheit hatte ihn von jeher fasziniert. Unbemerkt von den anderen konnte er nicht widerstehen, mit seinen Fingerspitzen über ihre zarte Haut und durch ihre seidigen Haare zu streichen.
„Ich kenne noch nicht einmal deinen Namen“, murmelte er und nahm sich fest vor, ihn in Erfahrung zu bringen.
Irgendwann fuhren der Krankenwagen, den die Ärztin extra für die Belange der Wächter angeschafft hatte, und drei SUVs in die Sackgasse.
Aus einem der Wagen stieg Ambrosius, der stets einen witzigen Spruch auf Lager hatte und jederzeit für eine Wette zu begeistern war. Der bot auch sofort an, die unverletzten Haremsdamen zurück ins Hotel zu fahren. Und wie Ben ihn kannte, würde er daraus noch eine amüsante kleine Stadtrundfahrt mit ein paar Umwegen machen.
Raven und Walter, die die anderen Wagen gefahren hatten, fingen sofort an, alle Spuren des Blutbads verschwinden zu lassen.
Agnus’ Frau Alva war bereits aus dem Krankenwagen gestiegen und überprüfte die Vitalwerte der Lieblingsfrau dieses Abadin. Kurz darauf bestätigte sie den Verdacht der Wirbelbrüche. Nachdem die Ärztin die Frau noch auf weitere Verletzungen untersucht hatte, leitete sie den Abtransport mit der Spezialliege in die Wege.
Als Alva einfach in den Krankenwagen stieg, ohne nach der Frau in Bens Armen gesehen zu haben, und dieser Abadin geradewegs auf ihn zukam, wohl um sie ihm abzunehmen, kochte Wut in ihm hoch.
Sie gehören ihm , hallte es in seinem Kopf und erneut bohrte sich ein glühender Dolch in sein Inneres. Grimmig presste er die Kiefer aufeinander und marschierte zu Agnus.
„Agnus! Wir müssen diese Frau auch mit auf unsere Krankenstation nehmen. Sie hatte eine stark blutende Wunde am Arm und ist dann einfach zusammengeklappt. Vielleicht hat sie einen Schock oder eine Gehirnerschütterung und gebrochene Rippen. Einer der Mistkerle hat ihr einen harten Schlag versetzt und sie durch die Luft geschleudert. Ich will ganz sichergehen, dass mit ihr alles in Ordnung ist.“
Читать дальше