Es war ihm, als wollten sie ihn klein machen, gering halten, ihn nicht das große Leben, die Freiheit leben lassen. Vielmehr wollten sie Sascha zu dem machen, was sie selbst waren. Zu einem Gefangenen. Sie wollten das, was sie sich selbst nicht zutrauten, auch keinem Anderen zugestehen. Er sollte sich ihr Lebensmodell überstülpen: Sie waren gut gekleidet, hatten jedoch keinen individuellen Stil; sie waren klug, hatten aber keine eigenen Ideen; sie besaßen Talent, wussten es jedoch nicht zu nutzen; sie hatten Herz, dachten jedoch vordergründig immer nur an sich. Kurzum, sie waren wie alle: Massenware, gewöhnlich – keine Piraten, keine Eroberer, keine Entdecker. Die Erwachsenen waren wie Klone, die sich zwar in Aussehen und Größe unterschieden, jedoch ansonsten kein eigenständiges Denken besaßen – sie waren süchtig an öffentlichen Meinungen. Und diesen Stempel wollte sich Sascha nicht aufdrücken lassen.
Am meisten hasste es Sascha jedoch, wenn seine Verwandten zu Besuch kamen. Dann gab es schon Tage vorher Stress. Es wurde aufgeräumt, die Böden gewischt und das Haus auf Hochglanz getrimmt. Kurz vor der Ankunft der Verwandtschaft wurden dann noch die Kinder herausgeputzt. Die Haare der Schwestern wurden gekämmt, bis es Tränen gab. Steife unbequeme Sonntagskleidung musste angezogen werden und dann sollten die Kinder als Aushängeschild für eine tolle Familie einen guten Eindruck machen. Sascha stand dann etwas abseits und beobachtete die Erwachsenen. Er durchleuchtete sie wie mit einem Röntgenapparat. Er registrierte jede Lüge, jedes falsche Lächeln, jedes sich Hervorheben wollen, und er verabscheute das alles zutiefst. Während sie beieinanderstanden und sich gegenseitig oberflächliche Dinge erzählten, die sie nicht berührten, und sich wechselseitig anlogen, wie toll es ihnen ginge und wie weit sie im Leben gekommen waren – stand Sascha daneben und hasste sie dafür.
In dieser Zeit musste Sascha für den Schwimmunterricht ein Stadtviertel weiter zum nahegelegenen Schwimmbad fahren. Es war ein kalter Novembermorgen gegen 6:50 Uhr mitten im Berufsverkehr. Der S-Bahnhof wimmelte von Menschen. Als der Zug einfuhr, hatte sich Sascha einen Weg durch die Menschenmassen gebahnt und war im Zugabteil nach hinten gestiegen, um einen der freien Sitzplätze zu erhalten. Dies war der Vorteil, wenn man so dünn war wie Sascha, konnte man sich leicht hindurchschlängeln. Doch leider waren die hinteren Plätze schon belegt, so griff er nach oben in die Haltestange, damit er nicht durch den Zug geworfen wurde, sobald dieser anfuhr.
Während der Fahrt sah sich Sascha die Gesichter der Mitfahrenden genauer an. Eng an eng standen die Menschen gedrängt nebeneinander. Wie Gefangene, fremdbestimmt und unterwürfig standen sie da. Nichtssagende Gesichter mit satten Tränensäcken. Es waren sehr traurige Gesichter, dicke und dünne, kurze und lange – bei manchen hatte sich der Trübsinn in verbissene, zornige Mienen verwandelt, in denen hineingeworfene Münder versucht waren, falsches Lächeln anzudeuten. Andere wirkten abwesend in weit fernen Ländern, wieder andere standen krumm, mit gesenktem Kopf, als würden sie sich vor Schlägen ducken. An manchen haftete der Geruch von Alkohol und Nikotin und das Unglück schien ihnen aus den leidenden, mit Falten übersäten Gesichtern zu triefen. Alle hatten leere und ausgebrannte Augen und niemand hatte ein Lachen im Gesicht. Sie liefen den ganzen Tag unsinnig in ihrem Leben hin und her, doch ihre Rastlosigkeit ergab keinen Sinn – denn es bereitete ihrem Herzen keine Freude.
In einem undurchsichtigen, verworrenen Gedankengang kam Sascha das Wort »Schafe« in den Sinn …
Als er an diesem Tag nach Hause kam, sagte er zu seiner Mutter: »Die Menschen sind wie Schafe … Du brauchst bloß am Morgen in die S-Bahn kucken und du siehst Schafe.«
Die Mutter erwiderte empört:
»Die Menschen sind doch keine Schafe.«
»Doch nur Schafe«, antwortete Sascha.
Alle sprangen sofort in die Bresche, sobald jemand die Gesellschaft anging, dabei war ihnen nicht klar, dass sie selbst zu den Verdummten gehörten. Sie fühlten sich manipuliert und überfordert, der Sache nicht gewachsen, und sie hatten das Gefühl, dass ihnen ihr Leben vermiest wurde. Und es stimmte.
Die Menschen hatten ein System erschaffen, in dem sie sich gegenseitig ausnahmen, bis ihnen die Luft ausging. Und das nannten sie Kapitalismus. Obendrein hatten sie in der Politik ein System, in dem die ganze Zeit lautstark geredet wurde, und sie einem dabei so viele Lügen erzählten, bis die Allgemeinheit alles zu fressen begann, was ihnen erzählt worden war. Das nannte man Demokratie.
Die Erwachsenen gingen in die Arbeit, kamen nach Hause und beschwerten sich darüber. Am nächsten Tag gingen sie wieder hin. Sie waren wie fremdbestimmt. Blökend und einander Parolen zurufend, liefen sie alle in eine Richtung. Sie folgten einem Schilderwald – hier lang – dort lang – da lang – hier nicht lang – und diese Schildersprache riefen sie sich gegenseitig zu, während sie versucht waren, mit der Herde mitzuhalten. Eigennutz und Kleinherzigkeit saßen manchen auf den Schultern und flüsterten anspornend in die Ohren »lauf schneller, lauf schneller, dann bekommst du mehr«, was etliche noch eifriger werden ließ.
Doch sie liefen wie die Blinden – mit jedem Schritt, den sie vorankamen, gerieten sie mehr und mehr in die Mühlen und Abhängigkeiten.
Wie ehemals die Menschen ihr Herz für Glanz und Glorie dreingaben, reichten sie es nun für Qualifikation und Besitz, aber sie hinterfragten nicht. Niemals.
Die Maschinerie zermanschte sie und spie sie dann wieder aus – mit aufgesetzten, grotesken Masken der Anständigkeit.
Sie hatten nicht verstanden, dass sie einstmals eigenständige Lebewesen waren. Sie identifizierten sich mit der Masse und je mehr sie das taten, umso stärker stutzten sie sich zurecht. Bis hin zur Unkenntlichkeit.
Schließlich hatten sie sich, in dem Wahn, angepasst zu sein, das letzte Stück Persönlichkeit herausgebügelt, das sie ausgemacht hatte.
Nun quakten sie den ewigen Singsang ihres individuellen Fortschritts, mit der inhärenten Angst, jemand könne ihr Weltbild mit nur einem Furz in tausend Stücke zerschlagen.
Halbtot, krank und siech vom Arbeiten, Fernsehen und Zeitunglesen gab es am Ende für die, die es geschafft hatten, Rente, Altenheime, Pflegeheime und Gehwägelchen.
Und für die anderen gab es schon vorher Tüten voll Arzneien gegen die blumenkohlartigen, kranken Gewächse, die aus ihren Körpern wucherten, und die anderen Erkrankungen, die sie sich in ihrem Stress zugezogen hatten.
Sascha hatte keine Worte für das, was er sah, wenn er in die Gesichter der Erwachsenen blickte, es war nur ein Gefühl, das ihn überkam: Das Gefühl von Lug und Trug, ein Falschsein was ihnen tief zugrunde lag. Eine ewig kreisende Sinnlosigkeit, die ihr Dasein ausmachte, das eine einzige Lüge war.
Sascha wusste nur eines: So wollte er nicht werden.
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