Saschas hatte einen Lieblingstraum, den er immer wieder vor sich hinträumte. Er war ein gefährlicher Rocker. Einer, vor dem alle zitterten. Eine feindliche Rockerbande hatte seine Mitschülerin Claudia Pusselt entführt. Sascha war heimlich in sie verliebt.
Er stellte sich den Rockern in den Weg und kämpfte. Mit ein paar gezielten Schlägen hatte er schnell die Anführer ausgeschaltet und den Rest der Bande in die Flucht geschlagen. Dann trug er Claudia Pusselt auf seinen Armen zu sich nach Hause. Sie war nackt. Die Feinde hatten ihr schon die Kleider entrissen, und er war gerade noch rechtzeitig hinzu gekommen, um Schlimmeres zu verhindern. Vorsichtig legte er sie in seinem Zimmer auf den Tisch und untersuchte ihre Wunden. Dies war Saschas Lieblingstraum …
Aber Sascha war nicht nur ein Träumer, auf der anderen Seite war er ein aufgeweckter Junge mit vielen Begabungen und in manchen Dingen sogar nahezu genial. So hatte er schon mit neun Jahren damit begonnen, eigenständig Radio- und Fernsehgeräte zu reparieren. Seine Kommode glich einem Ersatzteilschrank mit vielen Kabeln, Röhren, Transistoren und Sicherungen, welche, sobald man die Schranktüre öffnete, in einem bunten Durcheinander herausflogen.
Es war zwar so, dass jedes Mal, wenn er die Geräte wieder zusammenschraubte, Schräubchen und andere Kleinteile übrigblieben, aber dennoch funktionierten sie einwandfrei. Auch ein paar Stromschläge hatte er schon abbekommen und nicht nur einmal hatte er dabei mehr Glück als Verstand gehabt.
Als Sascha zehn Jahre alt war, zog er in den Keller. Dort hatte er sein Reich mit mehreren Alarmanlagen gesichert. Wollte man zum Beispiel im Erdgeschoss durch die alte niedere Rundbogentüre, hinter der sich die Kellertreppe befand, hatte Sascha über ein Seilzugsystem am unteren Ende der Treppe eine Puppe an einem Galgen befestigt. Jedes Mal, wenn jemand nun die Türe öffnete, fuhr die Puppe gespenstisch in die Höhe. Dabei hatte sie einen Strick um den Hals gebunden, an dem sie über eine Hebelwirkung nach oben gezerrt wurde. Zur besonderen Abschreckung der nicht willkommenen Besucher war sie mit blutunterlaufenen Augen geschminkt und hatte ein Messer in der Brust stecken.
Hatte man die erste Hürde hinter sich gebracht und war die Treppe nach unten gelangt, stand man auf der zweiten Alarmanlage. Unter dem Teppich befand sich ein Kontaktblech, welches in einem Bogen über einen Draht angeordnet war. Sobald jemand darauf stieg, leuchtete in Saschas Zimmer eine rote Warnlampe auf. Die dritte Alarmanlage befand sich direkt vor Saschas Kellerzimmer unter dem Fußabstreifer. Wieder ein Kontaktblech. Trat jemand darauf, ging in Saschas Zimmer das Radio in voller Lautstärke an, dabei führte ein Kabel zu einem Lautsprecher, welcher direkt vor der Tür in Kopfhöhe in einem Regal versteckt war. Dieser brüllte dem ungebetenen Gast dann vollgas in die Ohren …
Außerdem war Sascha manchmal ein richtiges Früchtchen. So hatte er einmal die batteriebetriebene Puppe seiner großen Schwester, die selbstständig gehen konnte, von der Hausecke in den Kellerschacht laufen lassen. Vorher hatte er das Schachtgitter zur Seite geschoben, sodass die Puppe beim Erreichen des Schachts in den Abgrund fiel und sich beim Sturz den Kopf abbrach, was er wiederum nicht beabsichtigt hatte.
An einem anderen Tag hatte Sascha aus einem alten Blecheimer, einem weißen Laken und zwei zusammengebundenen Bohnenstangen ein Gespenst gebastelt, welches oben an der Bohnenstange in fünf Meter Höhe vor dem Fenster seiner Oma hin und her schwebte. Die Oma bewohnte im selben Haus das obere Stockwerk. Über eine lange Schnur, die Sascha über zwei Hausecken geleitet hatte, bewegte er heimlich das Gespenst, während er ganz unschuldig im Blickkontakt mit dem Rest seiner Familie im Garten saß. Das Gespenst wippte indessen vor dem Fenster seiner Oma wild hin und her.
Als einmal im Sommer ein Graben für die Kanalisation durch den Garten gezogen wurde, eröffnete Sascha dort eine Rennstrecke für das Meerschweinchen seiner Schwester. Er setzte es in den Graben und spritzte ihm mit dem Gartenschlauch hinterher. Das arme Tier rannte auf der Flucht vor dem Wasser wie der Teufel den Graben auf und ab. Stunden später lag es tot darin und Sascha beerdigte es heimlich. Erst als die Schwester nach tagelangem Bitten und unter tausend Schwüren beteuert hatte, dass sie nichts davon zu Hause erzählen wolle, führte sie Sascha zu dem Grab des Meerschweinchens, welches sich außerhalb des Gartens neben einer Telefonzelle in einem Gebüsch befand. Durch einen schmalen Eingang konnte man durch das Geäst zu einer kleinen Lichtung kriechen. Mit Zweigen hatte er dort ein Kreuz zusammen geknotet. Während er seiner Schwester nicht verriet, wieso das Meerschweinchen im Grab gelandet war, hatten beide noch einmal andächtig Abschied genommen und Blumen auf das Grab gelegt. Saschas offizielle Version lautete, das Meerschweinchen habe einen Herzinfarkt gehabt. Was vermutlich auch stimmte.
Die neue Schule
Als Sascha von der Volksschule zur Hauptschule wechseln sollte, begann für ihn ein Albtraum und seine Kindheit nahm ein jähes Ende. Die Hauptschule lag im Hochhausgebiet - und dort gab es Gangs. Sascha hatte schon öfter durch das fremde Viertel gemusst. Zur Kirche und auch zur alten Schule hatte der Weg ein Stück weit durch das Neubauviertel geführt. Meistens hatte er eine sichere Strecke am unteren Rand des Viertels gewählt, aber an manchen Tagen, wenn er zu viel Angst hatte, machte er einen ganz großen Bogen darum und lief sicher die Hauptstraße entlang.
Alle mieden das Hochhausviertel, sogar die Erwachsenen. Sie sagten, es hätte einen schlechten Ruf.
In der Vergangenheit hatte Sascha schon schlechte Erfahrungen in diesem Viertel gemacht: Einmal, als er zum Kommunionsunterricht zu spät dran war, hatte er den Weg durch das andere Viertel abgekürzt. Er war mit dem Rad unterwegs. Am Spielplatz hingen ein paar Jugendliche herum und einer rief ihm nach: »Hey du, komm mal her.« Sascha hatte zwar Angst, aber er war kein Feigling und so fuhr er die paar Meter, die er schon an ihnen vorüber war, wieder mit dem Fahrrad zurück. »Wer is’n des?«, rief einer der Jungs, die sich um ihn herum aufstellten. Zwei der Jungs waren beinahe einen Kopf größer wie Sascha und bestimmt ein oder zwei Jahre älter. Der dritte Junge war in Saschas Alter. Er hatte die Rolle des Rädelsführers übernommen und es war ihm anzusehen, wie sicher er sich mit seinen größeren Freunden fühlte. »Der hat ja Mädchensandalen an«, spottete er. Sascha hatte keine Ahnung, dass er Mädchensandalen anhaben sollte. Er hatte die Sandalen zwar von seiner Schwester geerbt, aber dass es sich demzufolge um Mädchensandalen handeln musste, war ihm nicht klar gewesen. »Das sind keine Mädchensandalen«, gab er trotzig zurück. Und schon schubste ihn einer von seinem Fahrrad herunter. »Jetzt gibt’s Ponches«, hörte er eine Stimme hinter sich und da boxte ihm der etwa gleichaltrige Junge von der Seite ins Gesicht. Sascha wirbelte herum und warf ihn zu Boden. Blitzschnell hatte er ihn überrumpelt und saß auf ihm drauf, so dass dieser nicht mehr zuschlagen konnte. Damit hatte der Gleichaltrige gar nicht gerechnet. Doch dann zogen ihn die beiden Größeren von hinten herunter, und jeder von ihnen kniete sich auf einen von Saschas Armen, sodass er sich nicht mehr wehren konnte. Und der Junge, den er eigentlich schon besiegt hatte, drehte ihm solange die Nasenspitze, bis sie rot und lila leuchtete. Als sie endlich mit ihm fertig waren, ließen sie ihm noch die Luft aus dem Reifen und Sascha musste sein Rad schieben. Seine Jacke war zerrissen, die Fahrradreifen waren platt und aus Saschas Augen rannen unaufhaltsam Tränen. Er hatte so eine Stinkwut. Es war so ungerecht!
Und nun sollte Sascha dort, in dem Neubauviertel, zur Schule gehen. Er war zwar mutig, aber er war kein Schläger – immer wenn er zuschlagen wollte, hatte er eine Hemmung in sich verspürt und seine Schläge wurden wie von Watte abgebremst. Er konnte einfach niemandem wehtun.
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