„Wir sind deine Enkelinnen.“
Pause hinter dem Vorhang. Eine lange Weile passierte gar nichts. Sie wollten gerade aufgeben und sich umdrehen, um zu gehen, da drehte sich ein Schlüssel im Schloss. Eine weißhaarige, runzelige Frau mit Kittelschürze stand im Türrahmen. Sie wirkte genauso abgeblättert.
„Ihr seid wer?“ keifte sie wieder.
„Wir sind die Kinder von Hermann“, sagte Inga. „Die ältesten.“
„Inga und Astrid“, ergänzte Astrid. „Dürfen wir einen Moment ´reinkommen?“
Die Frau schlurfte in den Flur und dann weiter in die Küche. Die sah aus, als käme sie direkt aus den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Oder vielleicht sogar aus den zwanziger. Eine naturweiß gestrichene Anrichte, abgeblättert, ein Schränkchen mit gestreiftem Vorhang. Daneben ein Kochherd auf vier Emaillefüßen, drei Platten. Auf der hinteren stand ein großer Topf, vermutlich mit Bohnensuppe, deren Geruch die halbdunkle Küche erfüllte. Ein Spülstein aus grau gewordenem Porzellan, daneben ein abgemackeltes Schränkchen mit Vorhang. Die beiden Möbel waren durch einen rosafarbenen, verblichenen Plastikablauf miteinander verbunden. Auf dem Schränkchen stand ein Plastikbehälter für gespültes Geschirr, der einmal grün gewesen war. Ein weißer Küchentisch mit abgestoßenen Beinen und zwei Stühle mit Metallbeinen und Plastikbezug vervollständigten die Einrichtung. Über dem Spülstein hing eine milchige Lampe, die funzeliges Licht gab. Das kleine Fenster mit Blümchengardine ließ keine Sonne herein. Der Blick ging in den Innenhof, in dem ein paar alte Fahrräder standen und vermutlich die Mülltonnen, wenn sie nicht gerade auf der Straße blieben. Einen dritten Stuhl gab es nicht, das war vielleicht der Grund, warum ihre Großmutter – die beiden Schwestern fanden es immer noch schwierig, das Wort zu denken – ihnen keinen Platz angeboten hatte. Sie hatte auch sonst nichts angeboten, keinen Kaffee, kein Wasser, gar nichts. Die alte Frau stand mit vor der Brust verschränkten Armen vor ihnen, und das war offensichtlich nicht nur ein Klischee für eine abwehrende Haltung.
„Ihr sagt also, dass ihr Inga und Astrid seid.“ Sie wiegte ihren Kopf hin und her. „Und wieso sollte ich das glauben?“
Inga verlor allmählich die Geduld. Sie zog ihr Portemonnaie aus der Handtasche und kramte ihren Ausweis hervor.
„Deshalb“, sagte sie.
„Da steht Inga Hein.“
„Das ist der Name meines Mannes. Hier steht geborene Öls.“
Zack, hatte die Alte Inga das Dokument aus der Hand gerissen. Sie studierte es gründlich, samt Vorder- und Rückseite. Na, jetzt wird sie sich ja wohl endlich überzeugen lassen, dachte Inga.
„Und deiner?“ bellte die Frau. Astrid nestelte erschrocken ihren hervor.
„Astrid Wrangel.“ Pause. „Geborene Öls.“
Pause. Die Alte wackelte immer noch mit ihrem Kopf hin und her. Inga ging kurz in sich. Wenn ihr Vater um die siebzig war, dann war sie vermutlich mindestens neunzig. Daran hatten sie überhaupt nicht gedacht. So gesehen war es ein riesiges Glück, dass sie sie überhaupt noch lebend angetroffen hatten. Das dachte ihre Großmutter aber offenbar nicht.
„Was wollt ihr hier?“ blaffte sie.
„Wir, wir…“ Astrid kam ins Stottern.
„Wir wollen unseren Vater besuchen“, sagte Inga schließlich. „Wir haben seine Adresse nicht und wollten dich bitten, sie uns zu geben.“
Irgendetwas an dem, was Inga in einem erklärenden Tonfall gesagt hatte, brachte die alte Frau auf die Palme.
„Jetzt kommt ihr plötzlich. All´ die Jahre habt ihr euch nicht für euren Vater interessiert. Und jetzt auf einmal…. Jetzt, wo es ihm gut geht… Ihr wollt doch bloß an sein Erbe! Das habt ihr aber nicht verdient! Ihr habt euch nie um ihn gekümmert! Raus mit euch!!!“
Sie wollte die beiden aus der Küche scheuchen, aber Inga war zu hartnäckig, um sich so schnell verscheuchen zu lassen. Sie zog sich einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich, in aller Ruhe. Astrid schaute ein bisschen überrascht zu ihr herüber, dann tat sie dasselbe.
„Wir wollen überhaupt nicht an sein Erbe. Wir wollen ihn sehen, mehr nicht. Und dazu brauchen wir seine Adresse, denn die haben wir nicht.“
Inga blieb genauso ruhig wie gerade. Das schien ihrer Oma ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen. Inga legte noch ein wenig nach.
„Wir sind fünfzig. Vater wird ungefähr siebzig sein. Wir möchten ihn gerne einmal wiedersehen.“
„Bevor er den Löffel abgibt, meinst du“, keifte die Alte. „Sag´ ich doch. Ich weiß genau, warum ihr gekommen seid, ich lass´ mich doch nicht für dumm verkaufen!“
Astrid wandte ihren bewährten Trick an und versetzte sich in eine Bühnenrolle.
„Großmutter“, begann sie mit sanfter, aber nicht zu einschmeichelnder Stimme. „Wir werden beide älter. Und Vater auch. Glaubst du nicht, er würde sich freuen, seine beiden ältesten Töchter zu sehen?“ Vorausgesetzt, dass er noch weitere Kinder hat, dachte sie.
Ihre Großmutter wankte ein wenig. Inga sprang auf und schob den Stuhl zu ihrer Oma hinüber, die sich tatsächlich darauf niedersinken ließ.
„Er lebt in Indien. So weit weg. Ich sehe ihn so gut wie nie. Immer musste er in der Welt herumziehen, anstatt sich um seine alte Mutter zu kümmern.“
Mit bitterer Miene zog sie die Schublade in der Anrichte auf, an die sie bequem herankam, ohne auch nur aufstehen zu müssen, so klein war die Küche. Sie nahm einen abgegriffenen Zettel heraus, der oben auf lag und legte ihn auf den Tisch. Inga nahm schnell ihr Notizheft aus der Tasche und schrieb die umständliche Adresse ab. Eine Mailadresse war auch dabei. Und sogar eine Telefonnummer.
„Danke. Du hast uns sehr geholfen.“ – „Großmutter.“
Zu diesem Satz hätte jetzt eigentlich eine liebevolle Geste gehört, fand Astrid, sowas wie ihrer Großmutter die Hand zu streicheln oder sie in den Arm zu nehmen, wie sie so da saß wie ein Häufchen Elend. Aber Astrid hatte sich verschätzt.
„Ihr wollt nur an sein Erbe“, schrie die alte Frau sie plötzlich wieder an. „Er ist ein guter Junge. Kaum geht es ihm gut, schon kommt ihr! Erbschleicher seid ihr! Gib´ mir seine Adresse wieder!“
Die vorher so gebrechlich wirkende Alte entwickelte plötzlich und unerwartet eine erstaunliche Kraft und versuchte, Inga die Handtasche aus der Hand zu reißen. Die war aber vierzig Jahre jünger und schneller. Sie sprang auf und entwandt sich ihrem Klammergriff.
„Danke, Oma“, rief Inga und rannte aus der Küche. Astrid zwängte sich an ihrer verblüfften Oma vorbei und stürmte hinterher, blitzschnell durch den schmalen Hausflur und auf die Straße. Und wo sie schon mal so gut Fahrt aufgenommen hatten, gleich um die nächste Ecke. Da blieben sie stehen und schnauften. Und warfen sicherheitshalber einen Blick zurück.
„Meinst du, sie ruft die Polizei?“ fragte Astrid.
„Keine Ahnung. Aber wessen will sie uns beschuldigen? Enkeltöchter erschleichen Adresse ihres Vaters? Ist das strafbar?“
Da mussten sie plötzlich beide laut lachen. Fünf Minuten später standen sie immer noch da und prusteten vor sich hin. Da kam eine weitere alte Frau an ihnen vorbei und bog in die Gasse ein, aus der sie gerade gekommen waren.
„Das ist Ruhestörung“, schimpfte die. „Es ist Mittag, das ist Ruhestörung!“
Inga und Astrid sahen sich an und verkniffen sich mühsam das Lachen. Dann gingen sie wie auf Kommando in die Richtung ihres Hotels und stoppten erst, als sie da waren.
Inga sah vom Sandboden hoch und bemerkte plötzlich, dass Florence neben ihr ging.
„Hi“, sagte sie und lächelte ein bisschen wie ertappt. „Wie lange bist du denn schon an meiner Seite?“
„Über diese Formulierung verkneife ich mir mal einen Scherz“, grinste Florence. „Ich könnte jetzt sagen: seit Stunden, aber seit mindestens zwanzig Minuten schon. Da habe ich das letzte Mal auf die Uhr geschaut. Du entwickelst ja Fähigkeiten, die sonst nur ich habe.“
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