Er schaute nach wie vor ins Nirgendwo. Dämmerte. Sie hatten diese dauernd piepsende Maschine endlich abgestellt. Er wusste nicht, wie viele Tage, wie viele Wochen er dieses Piepsen ertragen hatte. Hatten sie sie überhaupt abgestellt? Oder hatten sie nur endlich den Lautlos-Knopf gefunden? Wollte er das wissen? Wollte er überhaupt etwas wissen? Was sollte er mit gleich welchem Wissen schon anfangen?
Er wusste nicht, welcher Wochentag war. Er wusste nicht, ob Sommer war oder Winter. Er wusste nicht, ob er gleich eine Nährlösung zum Frühstück oder zum Mittagessen bekommen würde. Er wusste nur, dass sein Leben kein Leben war. Dass es egal war, ob Montag war oder Sonntag, Vormittag oder Mitternacht. Sein Wissen konzentrierte sich in einem einzigen Gedanken, einem einzigen Wort. Mehr würde, mehr wollte er nie mehr wissen, weil kein weiterer Gedanke, kein weiteres Wort jemals wieder eine Bedeutung für ihn haben würde. Irreversibel. Das war das einzige Wort, das es für ihn noch gab.
Irreversibel. Nichts, nichts würde sich jemals wieder an seinem Zustand ändern. Er lag hier. Er wusste nicht, wie lange schon, wollte es nicht wissen. Denn sonst hätte er vielleicht angefangen darüber nachzudenken, wie lange noch vor ihm lag. Zeit spielte keine Rolle in seinem Zustand. Er konnte ohnehin nichts mit ihr anfangen. Irreversibel.
Warum nur war er bei dem Unfall nicht einfach gestorben? Gelegenheiten hatte er gehabt. Mehr als eine. Gleich damals in dieser Nacht, als er auf glatter Fahrbahn von der Straße abgekommen war. Als sich sein Wagen überschlug und er gegen alle Wahrscheinlichkeit herausgeschleudert worden und in diesen spitzen Eisenzaun geflogen war. Seine Erinnerung war lediglich ein kalter, stechender Schmerz in Bauch und Rücken sowie ein dumpfer Knall in seinem Kopf. Etwas knackte. Zerbrach.
Nun ja. Er war schon immer eher ein Zauderer gewesen. Zögerlich. Vorsichtig. Feige. Hatte alles nicht zwei-, sondern drei- und viermal überlegt. Schon als Kind konnte er sich nicht zwischen Schoko- und Vanilleeis, blauem oder rotem Fahrrad, Latein oder Französisch entscheiden. Also war es nur logisch gewesen, typisch für ihn, diese erste Gelegenheit auf einen Tod auszulassen. Ein Unfalltod. Diese erstbeste Gelegenheit. Im Nachhinein war es tatsächlich die beste gewesen. Denn sie fanden ihn erst Stunden später. Eigentlich hätte das sogar für ihn Zeit genug sein müssen, sich für das Richtige zu entscheiden. Den Tod.
Am Unfallort, im Krankenwagen, bei den ersten Operationen, immer wieder hatte er wiederbelebt werden müssen. Und jedes Mal hatte er mitgemacht. Hatte er sich darauf eingelassen, auf dieses große Vielleicht, das ihm seine Arztkollegen anboten. Vielleicht bleibst du am Leben. Vielleicht bekommst du dein Leben zurück. Er hätte nicht auf sie hören sollen. Er hätte seine eigene Entscheidung treffen sollen. Aber das hatte er nicht getan. Das hatte er ohnehin viel zu selten in seinem Leben getan.
Und ausgerechnet bei dieser einen Entscheidung, bei dieser einen, sehr persönlichen Entscheidung, denn es war um ihn gegangen, nur um ihn. Um alles, was er hatte. Um sein Leben. Sein ureigenstes Interesse. Um das Wichtigste überhaupt. Ausgerechnet bei dieser Entscheidung hatte er versagt. Er ließ sich die Entscheidung abnehmen. Er zögerte zu lange. Wieder einmal. Wie immer. Sein Tod zog seine Hand enttäuscht zurück, zuckte die Achseln und sagte: Na gut, wenn du nicht willst … Das Leben entschied sich für ihn. Aber es wollte ihn nicht mehr so wie er vorher gewesen war. Das Leben war launisch und nachtragend.
Irreversibel. Das hatte er nun davon. Er, der Zauderer. Nun musste er das Endgültige leben. Es gab keine Alternative. Es gab keine Perspektive. Es gab nur noch dieses eine Wort. Und das würde für immer so bleiben. Und das Schlimmste war, dass er keine Möglichkeit hatte, dieses Immer abzukürzen. Er hatte den Tod nicht gewollt. Und das Leben hing offensichtlich an ihm. Es wollte ihn nicht loslassen.
Er überlebte den Unfall. Er erwachte aus dem Koma. Er atmete wieder selbstständig. Bei guter Pflege konnte das noch 30 Jahre so weitergehen. 30 Jahre in diesem Bett, in diesem Heim. Nein, er wollte nicht wissen, welcher Wochentag und er wollte nicht wissen, wie spät es war. Alle Tage waren gleich. Es gab nur noch ein Wort. Irreversibel.
„Herr Breitenbach?“ Irgendetwas war heute anders als sonst. Und es hatte nichts mit dem nervtötenden Piepsen zu tun. Er verließ den Tunnel, in den er sich zurückgezogen hatte, um nur nicht zu viel zu denken, wahrzunehmen, zu fühlen. Er schaute sie an. Es dauerte eine Weile, aber dann sah er sie tatsächlich. Und sie merkte, dass er sie jetzt sah.
Wie lange stand sie schon da? „Linda“, sagte er mit einer Stimme, die es nicht mehr gewohnt war zu sprechen. „Linda Keller.“ Er wusste ihren Namen. Er kannte sie. Was tat sie hier? Sie gehörte nicht hierher. Sie gehörte in ein anderes Leben. In ein Leben, das es nicht mehr gab. „Ich kann dir leider nicht die Hand geben“, hörte er sich sagen. Er sprach langsam, stockend.
Sie lächelte. Warum lächelte sie? „Hab‘ ich schon gemerkt“, sagte sie, „da habe ich mir Ihre Hand einfach genommen.“ Er atmete langsam. Er hörte sie wie durch Watte. Sollte er einfach wieder die Augen schließen? Bestimmt würde sie wieder gehen und ihn in Ruhe lassen. Alle taten das. Alle, die gekommen waren, die ihn sehen, besuchen, aufmuntern wollten, waren irgendwann wieder gegangen. Er konnte es keinem verübeln. Nach einer Weile waren sie nicht wiedergekommen. Kein Wunder. Es war nicht auszuhalten. Keiner wusste das besser als er.
Sie würde also auch wieder gehen. Er musste nur in seinem Tunnel bleiben. „Du kannst loslassen. Ich spüre nichts“, hörte er sich sagen und trat unbeabsichtigt ein Stück weiter aus seinem Tunnel. Sie sagte nichts. Sie sagte lange nichts. Sie hielt diese Stille aus. Diese Distanz. Diese unüberbrückbare Distanz zwischen seinem Tunnel und ihrem Sommertag. „Dann kann es ja nicht schaden, wenn ich Ihre Hand einfach noch ein wenig halte.“
Hinterher hätten sie beide nicht sagen können, was letztendlich an diesem Vormittag in Zimmer 321 geschehen war. Wie es geschehen war. Er blieb in seinem Tunnel. Sie blieb unsicher. Aber am Ende gab es eine Verbindung zwischen ihm und ihr. Sie ließ seine Hand erst los, als sie ging.
Sie war schon fast an der Tür, da hielt sie noch einmal kurz inne, zögerte. „Herr Breitenbach, darf ich wiederkommen?“, fragte sie. Er rührte sich nicht. Sie wartete. Langsam, ganz langsam drehte er den Kopf in ihre Richtung. Die einzige, winzige Bewegung, die er konnte. „Wenn du es aushältst.“ Sie schluckte. Er hatte recht. Genau das war der Punkt. Würde sie es aushalten? Hier, mit ihm? Mit dieser Hoffnungslosigkeit? Sie zuckte die Schultern. „Natürlich. Sie halten es ja auch aus“, sagte sie. Dann verließ sie Zimmer 321.
Schon als Kind hatte sie eine Schwäche für Zahlen gehabt. Die waren verlässlich. 2 plus 2 gab 4. Immer. Egal ob Tag oder Nacht, Regen oder Sonnenschein, gute oder schlechte Stimmung. Ihr Elternhaus war es nicht.
Den Vater ihrer drei Jahre älteren Schwester kannte sie immerhin vom Sehen. Ihren eigenen kannte sie gar nicht. Nicht einmal ein Foto hatte ihre Mutter aufgehoben. One-Night-Stand sagte sie entschuldigend und pustete einer ihrer schwer zu bändigenden blonden Locken aus dem Gesicht.
Der Vater ihres kleinen Bruders lebte bei ihnen. Zumindest manchmal. Er war Pilot und viel unterwegs. Und wenn es ihm nicht reichte, beruflich fern von Frau, Kind und zwei weiteren Kindern seiner Frau zu sein, machte er sich privat auf den Weg. Angeln, Segeln, Fernost war besser als das Mittelmeer.
Ihrer Mutter war auch das Mittelmeer schon zu weit weg. Aber wenigstens zahlte er. Es dauerte mehrere Monate, bis alle in der Familie merkten, dass er dieses Mal wohl gar nicht mehr wiederkommen würde. Die Zahlungen behielt er bei. Also war alles gut.
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