Neben seinen Tagespflichten besuchte Bajo selbstverständlich trotzdem weiter seine Höhle. Er hatte aufgehört, sich Gedanken über die Größe dieser Aufgabe zu machen und nahm sich nun viel ernsthafter Bekannte und Freunde vor, um sich an gemeinsame Dinge zu erinnern. Tatsächlich begann er sich etwas ‚leichter‘ zu fühlen, er hatte das Gefühl, von Tag zu Tag ein wenig mehr Kraft zu bekommen.
Ab und zu hatte er Augenblicke, in denen er sich selbst wie ein Dritter sah. So stellte er zum Beispiel fest, dass er sich gut auf die verschiedenen Menschen einstellen konnte und daher bei allen beliebt war. Fast bei jedem machte er seine Witze und brachte die Leute oft zum Lachen. Doch seine Scherze waren auch immer eine versteckte Kritik oder eine Anspielung auf Verhältnisse, die nicht in Ordnung waren, was aber die wenigsten verstanden.
Zudem erkannte Bajo, dass er es nicht zuließ, dass ihm jemand zu nahe kam; stets war er darauf bedacht, sein Innerstes für sich zu behalten. Niemandem konnte Bajo sich so wirklich öffnen, denn im Grunde traute er den Menschen nicht recht. Er empfand das als keine gute Sache, denn es machte ihn einsam, doch er konnte auch nicht herausfinden, warum das so war; sicher aber lag es wohl auch an seinem tyrannischen Vater.
Eine weitere schlechte Eigenschaft, die wohl ebenfalls mit seinem alten Herrn zusammenhing, war seine Unfähigkeit, Entscheidungen zu treffen. Häufig wartete Bajo so lange, bis andere die Entscheidung für, oder eben auch oft gegen ihn trafen. Allzu gerne ließ er seine Freunde bestimmen, was man machen wollte und wo es hinging und trottete dann, immerhin als hervorragender Begleiter, hinterher. Ging es darum, jemanden aus der Familie zu besuchen, ließ er sich solange Zeit mit der Antwort, bis schließlich Tante Nele für ihn zusagte. Nur seine Arbeit war da die Ausnahme; da wusste Bajo meist, was zu tun war, aber vielleicht gingen die Entscheidungen dort auch einfacher von der Hand, weil er sie für das Kontor und nicht für sich selbst treffen musste.
Eines Abends erzählte er Malvor von dieser Erkenntnis. Der Zauberer hörte ihm aufmerksam zu und erklärte dann: „Wenn man andere für sich entscheiden lässt, ist das ein Zeichen dafür, dass man selbst nicht weiß, was man eigentlich will, oder genauer gesagt, dass man nicht gelernt hat, herauszufinden, was man eigentlich will. Und wenn sich die Entscheidungen der anderen summieren, die einem im Innersten eigentlich missfallen, dann wird man immer unzufriedener, man hasst am Ende sein Dasein - so wie du! Neben der Tatsache, dass man ‚Ballast` abwirft und ‚Kraft` hinzugewinnt, ist es bei diesem Erinnern ein guter Nebeneffekt, dass man seine eigenen Verhaltensmuster erkennt und daraus lernen kann. Bei dir dauert es zwar lange, aber du bist auf dem richtigen Weg. Mache weiter so. Wenn du bei deinen engsten Beziehungen angekommen bist, wirst du auch irgendwann verstehen, warum es dir so schwerfällt, Entscheidungen zu treffen.“
Für Bajo begann eine harte Zeit. In der Höhle versuchte er weiterzukommen, doch oft genug verspürte er Blockaden oder seine Bemühungen endeten in Tränen und Selbstmitleid. Den anderen großen Teil des Tages musste er seine Übungen machen, wobei er dies jedoch trotz der körperlichen Anstrengung vorzog, denn so dachte er wenigstens nicht so viel nach. Es gab zwei Formen seiner Übungen: Die ohne Stab, die seiner Gesundheit und seiner körperlichen Stärke dienten und ihm eine gewisse Kraft gaben, und die mit dem Wuko, besser gesagt seinem Ersatzwuko, welche ihm Schnelligkeit, Konzentration, Wachsamkeit und Geschicklichkeit brachten. Bajo kombinierte die Stockschläge jetzt auch mit Tritten und Fausthieben und lernte, solchen auszuweichen, sich abzurollen oder in die Höhe zu springen. Von Anfang an bewunderte er die Geschicklichkeit und Ausdauer von Malvor. Wenn dieser seinen Mantel auszog und ihm eine, mittlerweile längere, Übung beibrachte, verschlug es Bajo jedes Mal den Atem. Nie hatte er jemanden so konzentriert, präzise, kraftvoll und elegant erlebt. Es war wie ein magischer Tanz, dessen Kraft man förmlich spürte und er ahnte langsam, was es bedeutete, mit dem Wuko eins zu werden.
„Wenn ich dich sehe, wie du das machst, dann komme ich mir dagegen vor wie ein Mädchen, das mit einem Strohhalm fuchtelt“, gestand er Malvor bewundernd. „Erstens, sowohl kann der Strohhalm eine tödliche Waffe als auch das Mädchen eine mutige Kämpferin sein und zweitens stehst du noch am Anfang und hast nur einen Übungsstab und dafür schlägst du dich schon ganz beachtlich!“, entgegnete Malvor und zwinkerte ihm dabei aufmunternd zu. Bajo sehnte sich schon manchmal nach Anerkennung und Lob, doch bekam er diese tatsächlich, so konnte er nie recht etwas damit anfangen. Jetzt aber freute er sich über Malvors Kompliment, es bedeutete ihm etwas.
Für den Winter hatten sie neben dem Kamin noch eine weitere Feuerstelle vor den beiden Sitzen draußen in der Baumwurzel eingerichtet, wo sie sich gerne nach dem Abendessen wärmten und plauderten. „Warum tust du das alles für mich?“, fragte Bajo eines Abends. „Du weißt, dass ich Leva folge und Leva hat dich mir gezeigt. Wenn du die Welt aus einem anderen Blickwinkel siehst, erkennst du Dinge, Zeichen und Hinweise, die dir vorher verborgen waren“, entgegnete Malvor. „Was sind das für Dinge und Zeichen?“ „Das kann alles Mögliche sein: eine merkwürdige Wolkenformation, ein Mensch, den du unerwartet triffst, doppelte Zahlen, die immer wieder auftreten, ein besonderer Traum… Dinge, die man leicht übersieht oder gleich wieder vergisst, aber wenn man wachsam ist, erkennt man sie und spürt auch ihre Bedeutung. Doch es dauert Jahre, manchmal ein Leben lang, um diesen Dingen folgen zu können“. Neugierig fragte Bajo: „Was war das für ein Zeichen, dass du mit mir hattest?“ Malvor starrte ihn einen Moment lang an: „Es war auf einer Brücke in einem Park in Kontoria. Ich stand da und bewunderte die herbstliche Blätterpracht dieser kleinen Oase inmitten des Steinmeers der Menschen. Ich hatte dich erst gar nicht richtig bemerkt, typisch für dich, wie ich jetzt weiß, aber du hieltst einen Moment hinter meinem Rücken inne und da spürte ich dich. Als ich mich umdrehte, bemerkte ich, dass du anscheinend wissen wolltest, warum ich dort stand und die Bäume betrachtete. Aber du brachtest kein Wort heraus. Und dann sah ich, dass du zwei verschiedene Schuhe anhattest. Normalerweise versuche ich, für die Menschen unbemerkt zu bleiben. Du jedoch hast mich nicht nur bemerkt, sondern hast dich auch für mich interessiert. Und als ich dann noch das mit den Schuhen sah, was ich vorher noch bei keinem Mann gesehen hatte, wusste ich, dass ich dich unter meine Fittiche nehmen musste.“
Bajo hatte dieses Ereignis vollkommen vergessen, konnte sich jetzt aber tatsächlich an dieses Zusammentreffen erinnern. Damals hatte er eine Verabredung mit seinen Kumpels, sie wollten bei Met und Hennefkraut einen Ausflug mit dem Boot unternehmen. Bajo war spät dran gewesen und konnte immer nur einen seiner Schuhe finden. Wie sich später herausstellte, fand der Nachbarsjunge es wohl sehr lustig, von allen Paaren seiner Schuhe jeweils einen zu verstecken. Bajo jedenfalls zog kurzerhand einfach irgendeinen rechten und einen anderen linken an, denn bei der Bootsfahrt wollte er unbedingt dabei sein. Dieses Geschehnis versuchte er sich später in seiner Höhle erneut vor Augen zu führen. Aber so sehr er sich später auch mühte, in seiner Erinnerung konnte er das Gesicht des Mannes, welcher, wie er nun wusste ja Malvor war, nicht erkennen. Allerdings glaubte er, herausgefunden zu haben, dass seine merkwürdigen Träume, die er so oft hatte, zu diesem Zeitpunkt begannen.
„Ich kann mich einfach nicht richtig an die Begegnung auf der Brücke erinnern, vor allem nicht an dein Gesicht“, klagte Bajo am nächsten Abend. „Warum fällt es mir bloß so schwer, mich überhaupt an alles zu erinnern? Manchmal habe ich das Gefühl, dass etwas in mir die Hand darauf hält.“ Malvor starrte Bajo mal wieder so merkwürdig an und Bajo wusste, dass dann etwas Wichtiges folgte. Dieses Mal jedoch war es noch anders, er bekam fast Angst. „Dein Gefühl täuscht dich nicht“, sagte Malvor langsam und mit Bedacht. „Was meinst du?“ „Es hält etwas die Hand darauf, damit du dich nicht erinnerst“, erklärte Malvor. „Meinst du, ich halte mich selber davon ab?“ „Nein, ich meine, dass etwas Fremdes dich hindert.“ „Etwas Fremdes in mir?“, fragte Bajo entsetzt. Malvor antwortete nicht und Bajo wurde ganz unruhig. „Es gibt Dinge, die sind sehr schwer zu verstehen. Und es gibt Dinge, die sehr schwer zu verstehen sind und die uns zudem im Innersten bedrohen“, sagte Malvor nach einer Pause. „Ich meine, selbst wenn du es verstehst, willst du es nicht akzeptieren!“ „Du machst mir Angst, Malvor, was ist mit mir? Bin ich krank?“, Bajo schrie fast vor Aufregung und machte wohl ein so entsetztes Gesicht, dass Malvor lachen musste. „Nun beruhige dich erst einmal“, beschwichtigte ihn Malvor, als Bajo sich wieder eingekriegt hatte. „Nein, du bist nicht krank. Im Gegenteil, die Übungen und die Erinnerungen haben dich in Form gebracht. Aber ich vertraue dir jetzt ein Geheimnis an, eine bedeutende Erkenntnis, über die du mit keinem Menschen reden solltest: Wie gesagt, dein Gefühl täuscht dich nicht, etwas in dir wirkt auf dich ein. Und dieses Etwas ist eine fremde Kraft, die in dich eingedrungen ist. Diese Kraft sucht den Menschen heim, setzt sich in ihm fest, und sie versucht die Kontrolle über denjenigen an sich zu reißen. Das geschieht bei allen Menschen, früher oder später, meist aber in der Kindheit. Das Gemeine an dieser Kraft ist, dass der Mensch sie nicht bemerkt. Und Schritt für Schritt schleicht sich das Fremde in die Gedanken des Menschen. Die Zauberer nennen diese Wesen ‚DIE SCHATTEN'!“
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