Für eine Koexistenz der Religionen ist das Erkennen gemeinsamer Wurzeln zielführend. Eine gegenseitige Akzeptanz der Gläubigen wird dadurch gefördert, dass man die faszinierende Ähnlichkeit der „offenbarten“ Erkenntnisse sichtbar werden lässt.
Bedauerlicherweise eskalieren religiös motivierte Konflikte nach wie vor in Teilen der Welt, verursachen schwerwiegendes, menschliches Leid, - ja globalisieren es teilweise geradezu. Der Glaube an die Möglichkeit der „Abschaffung“ dieser Zwistigkeiten mithilfe einer naturwissenschaftlichen Religionskritik, ist schwierig und oft wenig hilfreich. Dies überdehnt vor allem den Geltungsbereich rational, analytischer Methodik. Denn erstens: Die Denkweise der Naturwissenschaften stößt an Grenzen, wo sie für die Fundamente ihrer Naturmodelle nicht beweisbare, als wahr geglaubte Aussagen, Axiome, zwingend annehmen muss. Und zweitens: Die Denkweise in den Naturwissenschaften hat bei der Mehrheit der Gläubigen der Weltreligionen einen anderen Stellenwert, da dort oft die Wirklichkeit über mystisch-religiöse Erfahrungen „erkannt“ wird.
Nehmen wir uns die Freiheit einer rationalen Interpretation der heiligen Schriften der Weltreligionen, so ist es erforderlich, zu beachten, dass jene Texte ja Überlieferungen von vielschichtigen Metaphern sind. Sie sind in den Denk- und Sprechweisen des Altertums formuliert. Übersetzen wir sie in unsere heutige Ausdrucksweise, unter Beachtung des gegenwärtigen Wissens, drängt sich eine wichtige Erkenntnis auf: Die Gläubigen der großen Weltreligionen haben einige, grundsätzlich gemeinsame, mystisch-religiöse Grundüberzeugungen und Wurzeln. Dies sind die drei religiösen Axiome (Abschn. 2.3). Sie sind als wahr und nicht beweisbar gesetzt. Anders verhält es sich mit Glaubensfragen, Offenbarungen und Aussagen, die auf jene grundlegenden Annahmen aufsetzen.
Wie wäre es zum Beispiel, im Rahmen einer rationalen Interpretation der heiligen Schriften, mit dem Versuch, die Schöpfungsgeschichte in unser gegenwärtiges Erfahrungswissen einzubetten. Würde sie mit ihren Kernaussagen im Judentum, im Christentum, im Islam als auch in der fernöstlichen Mystik ihren Platz finden? Sicher haben solche Versuche oft den Geruch, höchst spekulativ zu sein. Aber eins könnten sie bewirken: Näher an die Kernbotschaft der Genesis zu gelangen, ohne sich in seinem religiösen Verständnis an die Sprech- und Denkweise der frühmenschlichen Kulturen zu klammern.
Beispielsweise stammen in den abrahamitischen Weltreligionen die Darstellungen der offenbarten Schöpfungsgeschichte der Welt, als auch des Menschen, aus der Frühgeschichte der Menschheit. Diese Offenbarungen wurden verständlicherweise in der Ausdrucksweise und mit dem Wissensstand einer archaischen Zeit überliefert. Beispielsweise eine Physikerin oder ein Physiker würde heutzutage sicher die „offenbarte“ Schöpfung des Weltganzen anders verstehen und beschreiben. Schon die Gesamtheit der Welt hätte für sie eine umfassendere und abstraktere Bedeutung. Sie würden das materielle und informative Seiende im Sein erfassen. Die Schöpfungsgeschichte wäre gewiss nicht mit so einfachen Bildern aus einer archaischen Vorstellungswelt visualisiert worden. Sie wäre eine sehr komplexe Darstellung des „Beginns“ des von uns erfassbaren Universums oder sogar aller denkbaren Universen.
Vielleicht würden sie den „Schöpfungsakt“ als das Wirken eines emergenten, jede Zustandsalternative des Seienden tragenden Informationsnetzwerks deuten? (Emergente Systeme besitzen Eigenschaften, die nicht nur auf die, der einzelnen Systemelemente folgen.) Versuche ebendieser Art werden nie die letzte, die absolute Wirklichkeit des Seins abbilden. Dies reflektieren die Offenbarungen und grundsätzlichen Glaubenssätze der Weltreligionen. Sie fassen die Wahrnehmungen und Erfahrungen zusammen, die nicht allein für unsere bekannten Sinne zugänglich zu sein scheinen. Sie sind in der Summe von Generationen, über tausende Jahre hinweg, gemacht worden. Die Zusammenfassung dieser Individualerfahrungen ist oft einer wissenschaftlichen Beobachtungsmethodik nicht zugänglich. Sie sind ein abstraktes Fühlwissen.
Sie projizieren in unserem geistigen Selbst ein verschwommenes, verzerrtes Bild – eine Illusion der Realität -, wie ein Blick durch eine blinde Glasscheibe. Diese illusionären Abbilder vermögen, uns verführen, falsche Fragen an die Natur zu richten. Auf falsche Fragen gibt sie uns, verständlicherweise falsche oder zumindest seltsame Antworten.
Das führt beispielsweise bei Deutungen der heiligen Schriften der Weltreligionen eine signifikante Rolle. Fragen, auf der Grundlage des gegenwärtigen Wissens, an die archaisch bildhaften Schilderungen in diesem Schriftgut, können schnell falsche Fragen sein und zu fehlerhafte Interpretationen führen.
Was sind nun richtige Fragen in Hinblick auf sehr grundsätzliche Dinge im Sein? Beispielsweise ist es schwierig, sinnführende Fragen zur Gesamtheit des Seienden oder zur Natur des, unser Universum erzeugenden „Schöpfungsprozess“ oder zur universellen Dualität zwischen der Information (bzw. dem Geistigen) und der Materie zu stellen! Sinnvolle Antworten auf Fragen nach der als göttlich verehrten, geistigen Wirklichkeit, bzw. nach der unbeschränkten Menge an Information enthaltenden, einzig allmächtigen Informationsstruktur, kann es möglicherweise nur im Zusammenspiel zwischen den mystisch-religiösen und den rational-materialistischen Denkweisen geben.
Das Fragen, das metaphysische Suchen, nach der Beziehung dieser göttlichen Wesenheit zum individuellen, geistigen Selbst „Seele“ finden wir seit Menschengedenken in allen Kulturregionen unseres Planeten. Diese Suche mündete in mündlich überlieferte Weisheitslehren, die oft sehr viel später textlich erfasst wurden. Diese heiligen Schriften fassen ein vielschichtiges als auch verwirrendes Konglomerat von mündlichen Überlieferungen zusammen. Ihre zum Teil im Dunkel der Vergangenheit versunkenen Autoren hatten kaum den Anspruch, historisch authentisch zu sein. Sie wollten Erfahrungen mit der göttlichen Wesenheit und von ihr offenbartes Wissen dem Menschen vermitteln.
Im sogenannt westlichen Kulturkreis finden wir dieses Suchen bereits im antiken griechischen Denken verankert, das dank der Vorsokratiker über Sokrates zu Platon und seiner Ideenlehre führte. Beispielsweise versuchte Platon [8] das geistige Selbst „Seele“ plausibel darzustellen. In letzter Konsequenz meint er, dass das ICH-Bewusstsein, egal, wie man es nennt und betrachtet, nicht aus dem Nichts entsteht, und infolge dessen als unsterblich anzusehen wäre. Wie nachvollziehbar diese Plausibilitätsbetrachtungen aus heutiger Sicht sind, sei dahin gestellt. Aber das Hinterfragen des individuellen, geistigen Selbst „Seele“, bewegte nicht nur Gelehrte von der Antike bis in die Gegenwart hinein. Auch heute fragen Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung nach dem, was intuitiv als Seele bezeichnet werden könnte. Man sucht Antworten in der Philosophie, im Meditieren, im Gebet oder in anderen Formen der Andacht. Religiös geprägte Gemüter suchen sie vor allem über eine innere Einkehr. Sie setzen bewusst oder unbewusst voraus, dass die von uns erfahrbare Welt von einer einzig allmächtigen geistigen Wesenheit durchdrungen ist, die sie als, durch unsere sinnlichen Wahrnehmungen verzerrte Reflexion in ihrem geistigen Selbst finden können. Dementsprechend erwarten sie die Welt, wie sie ihnen erscheint, eher intuitiv zu „fühlen“ und zu erfahren. Besonders in der fernöstlichen Mystik wurden ausgefeilte Techniken entwickelt, um eine effektive Suche nach der Wahrheit über die „innere“ Welt des eigentlichen, geistigen Selbst und über die „äußere“, real existierende Wirklichkeit zu ermöglichen. Sie versuchen, mithilfe von verschiedenen Meditationstechniken ihre Sinneswahrnehmungen zurückzudrängen, ihr geistiges Selbst „Seele“ zu isolieren und mithilfe dieser „Innenschau“ den relativen Wahrheitsgehalt der Abbildungen der Welt in ihrem Verstand zu erkennen. Sie versuchen, ihre Seele zu ergründen, - um die in ihrem Geist sich zeigende Illusionen der Wirklichkeiten zu erfassen. Ob, je nach Glaubensrichtung, das forschende Denken, ein Gebet, eine Meditation oder anderes dafür gebraucht wird, ist für die Suche nach der, die letzte Realität darstellenden Wahrheit nur eine Frage der Methode. Diese Betrachtungsweise reicht so weit, dass in der fernöstlichen Mystik (insbesondere im Buddhismus) der Wissenschaftler eher wie eine Art gläubiger Rationalist gesehen wird. Sein forschendes Denken ist nur eine besondere Meditationsform bei der Ergründung der „äußeren“ Welt.
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