Es gibt schwerwiegende Gründe für diese Fragen. Denn die Harmonisierung zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften ist notwendiger denn je. Aber auch das Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaften und Religionen braucht dort, wo es wirkt, ein Abbau der gegenseitigen Ignoranz und der Illusion von Wissen über die jeweils andere Denk- und Schlussweise.
Die Masse der Gläubigen vermittelt in unterschiedlicher Ausprägung den Eindruck, dass eine gegenseitige Akzeptanz und Toleranz in nächster Zukunft eher nicht zu erwarten ist. Eine besondere Gefahr erwächst genau dann, wenn Machthydren religiöse Spannungsfelder benutzen, um ihre Interessen durchzusetzen und ihren Lenkungsanspruch zu festigen – was sowohl in der Vergangenheit als auch gegenwärtig eine verabscheuenswürdige Praxis war und ist. Religiös dominierte Auseinandersetzungen nutzen von je her vor allem herrschenden Machteliten und nicht den „einfachen“ Gläubigen. Religiös motivierter Terror frisst sich allzu oft auch heute noch durch Regionen und trifft Freund und Feind gleichermaßen. Kalte sowie heiße Religionskonflikte treiben Millionen in die Flucht, polarisieren auf beunruhigende Weise sogar die stabil geglaubten, demokratischen Gesellschaften. Darum wird es immer wichtiger auf eine allgemein verständliche Art, nachvollziehbar für jeden, sich auf die Suche nach den gemeinsamen mystisch-religiösen Wurzeln der Weltreligionen zu begeben, um Konfliktdenken abzubauen. Ein für uns alle existenzieller „Weltfrieden“ ist ohne Religionsfrieden nicht zu haben. Dieser Frieden ist leichter erreichbar, wenn wir uns auf einen Kern der Weltreligionen besinnen und die einvernehmlichen Grundannahmen in ihnen erkennen. Stellen wir bei der Suche nach den mystisch-religiösen Wurzeln fest, dass sich die Weltreligionen in einem mystischen Kern ihrer „Offenbarungen“ nahestehen und gemeinsame religiöse Axiome besitzen, wäre eine Universalreligion denkbar, die die Gegensätze zwischen kontrovers gesehene Glaubenssätze aufhebt und trotzdem die religiöse Vielfalt erhält.
Jeder bereitet sich sein eigenes, anschauliches Bild von der, ihn er – und umfassenden Welt. Er besitzt eine Weltsicht, eine Weltanschauung. Sie ist bewusst oder unbewusst Richtschnur seines Urteilens und Handelns. Sie kann sich aus persönlichen Erfahrungen und Überlegungen entwickeln oder komplexen philosophischen Vorstellungen folgen, welche auf verallgemeinerte Beobachtungen und Erkenntnisse einer weitläufigen Bildungsgemeinschaft beruhen. Diese, ganz eigene Weltanschauung kann aus rational-materialistischen Denken als auch aus mystisch-religiösen Denkweisen oder aus beidem folgen. Die aus diesem Zusammenwirken abgeleiteten Erkenntnisse prägen seine Weltanschauung, beeinflussen letztlich seine persönliche Lebensweise. Aus dem Zusammenspiel des personalisierbaren Denkens und Handelns der individuellen Menschen taucht qualitativ anderes auf – ein nicht personalisierbares „Denken“ und „Handeln“ der Schwarmintelligenz einer emergenten Kontaktgemeinschaft. Diese Gemeinschaften, diese Menschenschwärme besitzen systemische Weltanschauungen, die das Zusammenspiel der Kulturen der Menschheit wirkungsstark beeinflussen. Es sind die nicht personalisierbaren „Schwarmintelligenzen“ der Kontaktgemeinschaften, die in letzter Konsequenz über die Überlebensfähigkeit der Menschheit entscheiden. Darum ist die Entfaltung eines Weltethos zwingend nötig, da es sozio-kulturelle Wirkungen öffnet, die moralische Normativen sowohl für den Einzelnen als auch für die Kontakt- bzw. Menschengemeinschaften schafft und die Gegensätze zwischen den Weltreligionen ausbalancieren kann. Die religiös dominierten, nicht personalisierbaren Schwarmintelligenzen können damit ein zusammenführendes ethisches Handeln der Weltreligionsgemeinschaften entwickeln. Die systemische, ethische Essenz der Schwarmintelligenz der emergenten Kontaktgemeinschaften der Menschen definiert letztlich eine Seinsethik, einen Seinsinn „Leben“, ein „Tao-Aspekt“ der Menschheit! (Der Taoismus betrachtet die „Lebenswege“ der Natur um und in uns. Dieser ausdrücklich nur über ihren Wandel beobachtbare „Lebens“-Pfad alles Seienden im Sein, ist der nicht benambare Seinsinn, ist das Tao. (Kap. 4, Abschn. 4.4.2))
Hierbei spielen Weisheitslehren der Weltreligionen, schon aufgrund der überwältigenden Zahl der Gläubigen, eine nicht auf die leichte Schulter zu nehmende Rolle. Sie prägen die moralischen Normativen, die sich im Rahmen der sozio-kulturellen Evolution herausbilden. Dies zu unterschätzen führt oft zu herablassender Verunglimpfung mystisch-religiöser Denkweisen.
Darum wird im Folgenden versucht, für jedermann nachvollziehbar, eine, auch für rational-materialistische Denkweisen tolerierbare, multi-religiöse Wissens- und Denkkultur zu verbreiten.
Aufgrund der Vielzahl „Heiliger Schriften“ und religionswissenschaftlicher, theologischer oder philosophischer Abhandlungen zum Thema ist hier keine Vollständigkeit in den Darstellungen möglich. Wir werden im Folgenden versuchen, aus der Sicht der Gläubigen aber für jedermann nachempfindbar, nur auf wesentliche Gesichtspunkte der jeweiligen mystisch-religiösen Denkweisen in den Weltreligionen Bezug zu nehmen. Sicher wird einiges für den Leser nicht gleich greifbar sein. Es wird vorkommen, dass für den Einen oder Anderen manche Aussagen nicht sofort nachvollzogen werden kann. Das ist kaum verwunderlich bei dieser konfliktträchtigen Thematik. Vielleicht hilft dann ein wiederholtes Lesen oder auch einfach ein Überspringen der entsprechenden Abschnitte. Als Lohn könnte dem Leser eine ganz eigene, tolerante Sicht auf das ach so komplizierte Verhältnis zwischen den Gläubigen der verschiedenen Weltreligionen und zwischen den mystisch-religiösen und rational-materialistischen Denkweisen gelingen. Er wird dann hoffentlich erkennen, dass es ein Weltethos gibt, das vor den Religionen und dem atheistischen Denken rangiert.
2. Warum mystisches Denken?
„Naturwissenschaft ist nicht auf die Mystik angewiesen und die Mystik nicht auf die Naturwissenschaft - doch die Menschheit kann auf keines der beiden verzichten“, sagte Fritjof Capra [3].
„Der größte Feind des Wissens ist nicht Ignoranz, sondern die Illusion von Wissen“, bemerkte Stephen Hawking.
Was die Naturwissenschaften leisten, das meint fast jeder zu wissen. Man glaubt an eine Natur, die sich gesetzmäßig verhält. Dieser Glaube ist kaum überraschend. Sagt doch beispielsweise unsere Erfahrung, dass jegliche, einen Widerstand überwindende Wirkung eine Ursache, einen Grund, hat - und dass man diesen, durch eine gewaltige Menge an Beobachtung erkannten „Ursache-Wirkung gegen Widerstand“ Zusammenhang als einen grundsätzlichen Glaubenssatz, als ein Axiom, ansehen kann. Aus diesem sogenannten Axiom sind dann zahlreiche Gesetzmäßigkeiten ableitbar. Zum Beispiel: Um gegen den Widerstand der Masse eines Körpers seine Bewegungsänderung zu bewirken, bedarf es einer Ursache, einer Kraft, die wir als Produkt von „Masse mal Beschleunigung“ konkret berechnen. Jener grundsätzliche Glaubenssatz, dieses naturwissenschaftliche Axiom, formuliert eine grundsätzliche Erfahrung und wurde immer wieder bestätigt und wird, im Rahmen seines Geltungsbereichs, als wahr geglaubt. (In der Relativitätstheorie ist es aus einem allgemeineren, als wahr geglaubten und nicht beweisbaren Axiom zu folgern.) Es erlaubt naturgesetzliche Voraussagen über ein gewaltiges Spektrum des beobachteten Naturgeschehens. Dies suggeriert, dass die gesamte Natur einem System von Gesetzen, einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang, unterworfen ist. Diese Sicht der Dinge ist uns in Fleisch und Blut übergegangen. Doch wir können Naturereignisse beobachten, die keiner Gesetzmäßigkeit zu folgen scheinen, sondern offenkundig „objektiv zufällig“ ablaufen. Dies folgt nicht aus ungenauer Betrachtung oder Unkenntnis von unbekannten, das Geschehen beeinflussenden Faktoren. Diese Ereignisse sind scheinbar gesetzmäßig „objektiv zufällig“. Könnte dies verführen, beispielsweise fernöstliche Weisheitslehren, gewachsen aus mystisch-religiösen Denkweisen, im Erkenntnisstreben zu nutzen? Eine neuartige Sichtweise auf die Natur und unserer Rolle in ihr, eine neue Betrachtungsweise, hat in der Vergangenheit gewaltige Einsichten in das Naturgeschehen geliefert. Zum Beispiel ermöglichte die „richtige“ Naturphilosophie, etwa das Postulieren des „Keplerschen Prinzips“ oder das Prinzip eines „Raum-Zeitzusammenhangs“ oder das Setzen des „Kosmologischen Prinzips“ oder das Entdecken des „Prinzips der Quantenkörnung“, exorbitante Fortschritte im Verstehen der Natur. Diese Prinzipien suggerieren aber, dass immer die globale, universelle Gesamtheit des Seienden mitwirkt – selbst wenn sie vordergründig, bei der Untersuchung der betrachteten Phänomene, als von vernachlässigbarer Größenordnung erscheint! Fragen im Rahmen einer lokalen, individualisierenden, isolierten Betrachtung, die die räumlichen und zeitlichen Rahmenbedingungen der Gesamtheit aller Dinge im Sein völlig aus der Abwägung fallen lassen, wären somit prinzipiell Unvollständig und genau genommen die „falschen“ Fragen - und unvollständige bzw. falsche Fragen an die Natur bedingen unvollständige oder falsche Antworten der Natur!
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