Cathrynn fuhr erstaunt zusammen, über ihre Grübeleien hatte sie Smith’ Meldung, dass er den Sprengsatz entschärft hatte, nur am Rande wahrgenommen. Sie schnitt eine entschuldigende Grimasse in Nathans Richtung, bevor sie sich wieder voll auf den laufenden Einsatz konzentrierte. » Crossfire , was ist bei dir los, bist du eingeschlafen?«, fragte sie Dustin, der sich, wie ihr plötzlich auffiel, seit mehreren Minuten nicht mehr gemeldet hatte.
»Sorry, Rhinestone «, meldete er sich mit einem Lachen in der Stimme. »Mein Boss reißt mir den Arsch auf, wenn ich zu viel quatsche.«
Cathrynn stimmte in das Lachen ein. Ein solcher Kommentar war typisch für ihren Freund. »Dein Boss hat ganz andere Pläne mit deinem Arsch, Crossfire «, informierte sie ihn trocken und ließ augenrollend das erfreute Johlen ihrer Kollegen über sich ergehen, die ihrem kurzen Schlagabtausch natürlich gefolgt waren.
Montgomery meldete Feindkontakt.
Beunruhigt begann sie auf und abzugehen, während sie die Meldungen ihrer Kollegen angespannt weiterverfolgte. Sie hoffte inständig, dass keiner der Männer sich ernsthaft verletzte, das hätte sie nicht überlebt.
Nathan bedeutete ihr mit einer Handbewegung, ruhig zu bleiben.
Sie schloss für einige tiefe Atemzüge die Augen. Schnell hörte sie die erlösende Meldung, dass alles in Ordnung sei, bevor alle Hunter nacheinander bestätigten, dass das Haus gesäubert sei. »Sehr gut, Ladies ! Wie sieht es bei euch aus?« Wieder lauschte sie den knappen Antworten ihrer Kollegen mit angehaltenem Atem. Sie alle waren wohlauf; ein paar Blessuren von den Kämpfen, aber keiner der Männer war ernsthaft verletzt worden. »Gute Arbeit, Ladies . Zieht euch zurück«, befahl sie dem Alpha-Team . Dann gestattete sie sich endlich, erleichtert aufzuatmen, bevor sie ihre Kommunikationseinheit abschaltete. Sie wandte den Blick noch einmal zu Nathan.
Er nickte anerkennend, als er auf sie zutrat. »Dafür hast du dich und mich den ganzen Tag bekloppt gemacht, Rayven?«, zog er sie schmunzelnd auf, bevor er sie in die Arme schloss. »Wie geht es dir?«, fragte er dann, als er sie mit prüfendem Blick wieder losließ.
»Ich kann mich gerade eben noch davon abhalten, auf den Boden zu kotzen«, murmelte Cathrynn. Nathan schüttelte lachend den Kopf. »Ernsthaft, Nate. Ich glaube, ich hatte mindestens fünf Panikattacken innerhalb der letzten zwei Stunden«, stöhnte sie theatralisch. Fünf Panikattacken waren vielleicht ein wenig übertrieben, dachte sie amüsiert, aber sie hatte sich definitiv fast vor Angst die Hosen vollgemacht.
Hinter ihr ertönte ein rauchiges Lachen. » Fick dich , Rayven! Du bist ein beschissenes Naturtalent«, wies Montgomery sie zurecht. Vermutlich hatte er, im Näherkommen, ihren letzten Kommentar noch gehört.
»Glückwunsch, Boss«, rief Thompson, als er zusammen mit Smith und Gray auf den Transporter zukam.
»Wer redet hier von Glück? Das sind die Gene«, knurrte Montgomery an ihrer Stelle zurück, dann glitt sein Blick zu ihr. »Deine wirkliche Prüfung kommt erst noch, Perle«, erinnerte er sie mit einem, durchaus als verschlagen zu bezeichnenden, Grinsen.
Cathrynn seufzte tief. Das hatte sie, über ihre Aufregung, tatsächlich verdrängt. Traditionell würde ihr erster Einsatz als DO natürlich in einem Besäufnis enden.
Lachend schlug Montgomery ihr auf den Hintern, offensichtlich hatte er ihr Augenrollen gesehen.
»Behalte deine Hände bloß bei dir, alter Mann«, rief Dustin, als er, zusammen mit McDermott, auf Montgomery und sie zutrat.
»Kaum vögelt er den Boss, riskierte er schon eine große Fresse«, murmelte Montgomery kopfschüttelnd. Dann begannen beide Hunter zu lachen.
Cathrynn verdrehte erneut die Augen. Seit Dustin und sie sich dazu entschieden hatten, ihre Beziehung nicht vor der Einheit zu verheimlichen, flogen die, ohnehin flachen Kommentare ihrer Kollegen, besonders tief.
»Du warst toll«, lobte auch Dustin sie, als er sie endlich, nachdem er auch noch McDermott den Vortritt gelassen hatte, in die Arme schloss und ihr einen Kuss gab. Untermalt vom Grölen ihrer Kollegen, die sich, mal wieder, wie Mittelschüler benahmen, erwiderte sie seinen Kuss.
»Habt ihr beiden kein Zuhause?«, motzte Montgomery. Der anschließende Lachanfall strafte seine demonstrative Entrüstung allerdings Lügen.
Dustin und sie tauschten einen vielsagenden Blick miteinander, dann löste Cathrynn sich aus seiner Umarmung. Aus dem Augenwinkel fing sie dabei Montgomerys unverhohlen verschlagenes Grinsen auf. »Eins verspreche ich dir: Du läufst heute nicht eigenständig nach Hause«, flüsterte er ihr ins Ohr, als er sie passierte.
Cathrynn schluckte. Sie kannte Montgomery lange genug, um zu wissen, dass seine Worte mitnichten eine leere Drohung darstellten. Hilfesuchend blickte sie zu Dustin.
Sein breites Grinsen verriet ihr, dass er Montgomerys Versprechen ebenfalls gehört hatte. »Keine Sorgen, Cat. Ich leiste dir heute Nacht auf dem Klo Gesellschaft«, versicherte er ihr aufmunternd, bevor er sich zum Gehen wandte.
Auch von Nathan schien Cathrynn kein Mitleid erwarten zu können. Ihr bester Freund drehte sich mit ausdrucksloser Miene um, als hätte er von alledem nichts mitbekommen. »Rayven, kommst du?«, rief der stämmige Hunter , als er auf der Fahrerseite des Transporters einstieg.
Mit einem schicksalsergebenen Lachen schüttelte Cathrynn den Kopf, bevor sie sich umwandte und auf der Beifahrerseite einstieg.
*
McConaghey blickte auf, als Christian Desmond das Lagerhaus, das gewöhnlich Quinn und er für ihre konspirativen Treffen nutzten, betrat. Die Andeutung eines Grinsens umspielte die markanten Züge des schwarzhaarigen Hünen.
»Ian«, grüßte ihn der Blondschopf mürrisch.
McConaghey runzelte die Stirn. Er konnte sich nicht erklären, warum Desmond dieses Mal sauer auf ihn war. Er musterte den ISU-Agenten eine Weile. Der jüngere Mann war scheinbar nachtragender, als er angenommen hatte. »Christian«, grüßte er ihn, in absichtlich überzogener Parodie seiner vorhergegangenen Begrüßung, zurück, während er noch immer nachdachte.
Die Trachtprügel, die er Desmond hatte angedeihen lassen, lag inzwischen mehr als ein Jahr zurück. Er konnte unmöglich deswegen noch immer sauer sein. »Wo ist Quinn?«, fragte McConaghey dann jedoch irritiert, dass der Glatzkopf Desmond an seiner Stelle zu dem Treffen geschickt hatte.
»Zu beschäftigt, um sich mit Laufburschen zu treffen«, schnappte Desmond ätzend. Der schwarzhaarige Doppelagent hob missbilligend die Augenbrauen. Augenscheinlich war Desmond tatsächlich noch wegen der paar Schläge angefressen. »Also, was hast du für uns?«, knurrte der blonde ISU-Agent, bevor McConaghey etwas auf seine Stichelei erwidern konnte.
»Ich befürchte, nicht viel«, antwortete der Hüne trocken.
Desmond entfuhr ein abfälliges Schnauben. »Das ist in letzter Zeit nichts Neues mehr«, betonte er herablassend.
McConaghey spürte Ärger in sich aufwallen. Bei allem, ihm eigenen Langmut, begann Desmonds Verhalten ihn allmählich aufzuregen und er wusste nicht zu sagen, wie lange er sich noch zügeln wollen würde, wenn der blonde Agent diesen Kurs beibehielte. »Was hältst du davon, wenn du einfach ausspuckst, wo dein Problem liegt? Vielleicht können wir dann wieder normal miteinander reden«, knurrte er.
»Quinn hat mich von Deceit abgezogen«, schnappte Desmond ärgerlich.
McConaghey runzelte die Stirn. Sein letzter Erkenntnisstand war gewesen, dass die Deceit-Agenda durch starken Gegenwind von Iron Bill Singer endgültig eingestellt worden war. Nach dem Fiasko um Cathrynns Inhaftierung hatte der CIA-Direktor vehement Beschwerde beim Verteidigungsminister eingelegt, der daraufhin, zugunsten anderer Prioritäten, nachgegeben hatte. Quinn hatte ohnehin Wichtigeres zu tun, als seine Hexenjagd gegen die Hunter weiterzuverfolgen, seit er Joe Gonzales als Controller von Projekt Phoenix beerbt hatte. »Sei froh, so kannst du dir endlich eine befriedigendere Aufgabe suchen«, erklärte er Desmond lachend.
Читать дальше