Officer Moore, ein Weißer von Mitte vierzig und irischer Abstammung, lenkte den Wagen geschickt durch die Menschenmenge, die sich hier sogar auf der Straße versammelt hatte. Am Boden vor dem Haus schien jemand zu liegen!
Donald Nicholson, sein gleichfalls weißer Partner, war mit seinen Anfang zwanzig der impulsivere von beiden und sprang direkt nach dem Anhalten aus dem Wagen, setzte sich seine Schirmmütze auf und steckte den Schlagstock an den dafür vorgesehen Platz an seinem Gürtel, während er der Menge mit kräftiger Stimme zurief: »Macht Platz! Lasst uns doch durch!«
Sein Partner eilte nun zu ihm, und sie sahen, weshalb es hier solch einen Menschenauflauf gegeben hatte. Vor ihnen auf dem Gehweg lag eine Frau, Alter geschätzt auf Ende dreißig oder Anfang vierzig. Officer Moore drehte sie vorsichtig von der seitlichen Bauchlage auf den Rücken. Nun konnten beide das Gesicht deutlich besser erkennen. Es war ein sehr hübsches Gesicht. Die offenen Augen mit dem starren, entsetzten Blick verhießen jedoch nichts Gutes. Er tastete nach ihrem Puls am Hals, konnte jedoch nichts fühlen und schüttelte daraufhin leicht mit dem Kopf.
Donald Nicholson verstand sofort. Er drückte auf das Funkgerät an der linken Schulter seiner Jacke und meldete sich bei der Zentrale: »Wagen zehn-null-vier an Zentrale, hier Officer Nicholson. Bitte schicken Sie einen Rettungswagen zur Ecke East 42nd Street und Park Avenue. Weibliche Weiße, vermutlich tot. Ursache unbekannt.«
»Zentrale an Wagen zehn-null-vier, verstanden. Rettungswagen wird angefordert, Verstärkung ist unterwegs. Bitte sichern und warten!«
»Wagen zehn-null-vier an Zentrale, wir warten. Wagen zehn-null-vier, Ende.« Officer Nicholson wandte sich nun seinem Partner zu, der noch immer neben der Frau am Boden kniete: »Verstärkung und Rettungswagen sind unterwegs und sollten jeden Moment hier sein. Führe du bitte die Untersuchung fort, ich sorge jetzt erst mal für Platz und Ruhe.«
»Tu das. Und halte uns bitte diese fotogeilen Geier vom Hals!«
»Leute«, wandte sich Officer Nicholson nun der stetig wachsende Menge Schaulustiger zu, »geht zur Seite! Es gibt hier nichts mehr zu sehen! Geht schön weiter Einkaufen und macht Platz für die Einsatzfahrzeuge! Nun macht schon!«
Die Menge wich langsam ein wenig zurück. Doch immer wieder drängten sich vereinzelte Schaulustige vor, die offenbar noch immer nicht genug hatten.
»Wagen zehn-null-vier an Zentrale, wo bleibt die Verstärkung?«
»Zentrale an Wagen zehn-null-vier, Wagen zehn-null-eins und Wagen zehn-null-sieben sind unterwegs. Eintreffen in voraussichtlich einer Minute.«
»Wagen zehn-null-vier an Zentrale, verstanden. Wagen zehn-null-vier, Ende.«
Nun zog Officer Nicholson den Schlagstock, um die Menge besser zurückdrängen zu können. Wieso konnten diese Leute sie nicht einfach ihren Job erledigen lassen? Wieso nahm diese Form der Sensationsgier dermaßen überhand? Hoffentlich kommt die Verstärkung bald bei, dachte er bei sich, als er plötzlich die Sirenen hörte. Gleich würde er die Menge nicht mehr allein zurückdrängen müssen.
Die beiden Streifenwagen bahnten sich von Osten und Westen her ihren Weg durch den Verkehr; der eine kam ursprünglich aus nördlicher Richtung und bog soeben von der Vanderbilt Avenue in die East 42nd Street ein. Die Menschenmenge hatte sogar noch zugenommen! Wenige Sekunden später sperrten die beiden Wagen die East 42nd Street vor dem Ort des Geschehens ab, damit der Rettungswagen später Platz haben würde. Anschließend sprangen die vier Officers aus ihren Fahrzeugen und unterstützten ihren Kollegen Nicholsons, die Menge zurückzudrängen.
Officer Moore untersuchte derweil weiterhin die am Boden liegende Frau. Auf den ersten oberflächlichen Blick hin war nichts festzustellen. Ihr hübsches Gesicht war nur wenig geschminkt und verfügte über eine leichte, natürliche Bräune. Sie könnte also aus den Südstaaten stammen und vielleicht zum Christmas-Shopping nach New York gekommen sein. Sie trug offensichtlich einen Hosenanzug und darüber eine anthrazitfarbene, wollene Winterjacke. Ihr braunes, naturgelocktes Haar war sehr füllig und fiel ihr locker über die Schultern. Finanziell schien sie, ihrer Kleidung nach, recht gut situiert zu sein. Die Frau lag auf ihrer Handtasche, die jedoch an einem der Träger abgerissen war. Möglich, dass es sich um einen versuchten Handtaschenraub gehandelt hatte.
Zwischenzeitlich traf mit lautem Sirenengeheul der Rettungswagen ein und stellte sich auf den nun freien Platz vor dem Ort des Geschehens. Die beiden Sanitäter sprangen heraus, öffneten die hinteren Türen, die nun in Richtung Tatort zeigten, und zogen sofort die Trage heraus, wobei unterhalb automatisch ein Gestellt aufklappte, um sie rollen zu können.
Als die beiden Sanitäter eintrafen, wich Officer Moore zurück und ließ die Männer ihre Arbeit verrichten. »Sie scheint tot zu sein«, teilte er ihnen mit. »Hier sind ihre Handtasche und eine Tüte mit Einkäufen!«
Die beiden Männer nickten nur und legten die Frau mit einem geübten Griff auf die Trage, auf der sie sie sicherheitshalber festbanden und zum Rettungswagen rollten. Hier, in der Abgeschiedenheit der Kabine und fernab der Blicke Schaulustiger, würde sich der im Wagen befindliche Arzt sofort um die Frau kümmern. Officer Moores Aufgabe bestand nun darin, die Identität der Frau festzustellen. Zu diesem Zweck begab er sich mit der Handtasche und den Einkäufen in seinen Streifenwagen und öffnete sie.
1 Police Plaza, Manhattan, New York
Es war dunkel, es war zwei Tage vor Weihnachten, und dem Wetter nach hätte es auch erst Oktober oder vielleicht November sein können.
Detective Lieutenant William Justice stand am Fenster seines Büros, trank eine Tasse heißen Tee und blickte dabei hinaus in Richtung Brooklyn Bridge. Die vergangenen Tage waren sehr anstrengend gewesen. Als Leiter des Drogendezernats hatte er in der Metropolregion New York täglich alle Hände voll zu tun. Ständig gingen Meldungen über mutmaßliche Drogendealer ein, es wurden Dutzende Festnahmen durchgeführt, und zumeist musste man dieses Pack spätestens am nächsten Tag wieder laufen lassen, da die Beweismittel nicht ausreichend oder – zumindest in einigen Fällen – nicht zulässig waren. Zudem interessierten ihn weniger die kleine Fische. Vielmehr wollte er endlich die großen Dealer zu fassen bekommen!
Doch die Drogenmafia in New York ließ sich nicht in die Karten blicken. Natürlich hatte er seine Informanten, die ihn mal mehr und mal weniger mit gelegentlich sogar zutreffenden Tipps versorgten. Leider erwiesen sich die meisten Hinweise jedoch als veraltet oder gar als völlig falsch. Und gab es dann mal einen konkreten Hinweis, lief man immer Gefahr, dass der Informant aufflog. So auch heute, zwei Tage vor Weihnachten.
Am frühen Morgen hatte man am Ufer des Hudson Rivers eine männliche Leiche entdeckt. Vor knapp einer Stunde erfuhr Lieutenant Justice, dass es sich um einen seiner Informanten handelte. Allem Anschein nach wurde er zunächst niedergeschlagen und anschließend durch mehrere Revolverschüsse hingerichtet. Außerdem hatte man ihm die Zunge herausgeschnitten; ein untrügliches Indiz dafür, dass man ihn vermutlich als Informanten enttarnt hatte. Was für ein Scheißtag!
Er drehte sich nun wieder um und blickte durch sein Büro. Links stand sein Schreibtisch, auf dem die Mappe der Pathologie lag. Unschöne Details über den Tod seines Informanten. Davon abgesehen, war der Schreibtisch aufgeräumt. Nachher würde er zu seiner Frau nach Hause fahren und erst am kommenden Montag wiederkommen. Commissioner Malone hatte angeordnet, dass William endlich Überstunden abbauen sollte. Und nach dem heutigen Tag wusste er, dass sein Vorgesetzter und väterlicher Freund recht hatte.
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