„Moin, was ist denn hier los?“, fragte er.
„Übermorgen findet die Beerdigung von Herrn Oster statt. Alle Institutsangehörige sollten anwesend sein, auch Sie“, erläuterte Frau Hubertus.
„Gibt es etwas zu essen?“
Tadelnder Blick von Frau Hubertus.
„Und ziehen Sie sich angemessen an“, sagte sie betont streng, als sie wieder unser Büro verließ.
„Wo soll ich denn jetzt so etwas herbekommen?“, überlegte ich und betrachtete mein kariertes Hemd und die nun schon etwas ausgewaschene Jeans. Gedanklich meinen Schrank zu durchforsten, hatte keinen Sinn. Ich hatte keinen Anzug für solche Anlässe, zumindest nicht in Kiel. Bei meinen Eltern hing noch mein Anzug, den ich zur Hochzeit meiner Schwester getragen hatte. Meine Eltern bestanden darauf, dass ich ordentlich gekleidet war und kauften mir den Anzug. Einmal getragen, dann in den Schrank gehängt. Nein, ein weiteres Mal hatte ich ihn noch hervorgeholt. Zum Vorstellungsgespräch bei Herrn Oster. Ich war dann reichlich overdressed, da Oster selbst sehr legere und unorthodox das Bewerbungsgespräch geführt hatte.
„Glück gehabt, ich habe sogar zwei schwarze Anzüge, den alten kannst du haben“, erwiderte Johann. „Der ist noch ganz in Ordnung.“
Johann ist zwar einen halben Kopf kleiner als ich, aber trotzdem waren damit zumindest meine Sorgen wegen der Garderobe beseitigt. Im Kopf betrachtete ich seinen schwarzen Anzug unter meinem Mantel und kam schnell zum Schluss, dass dies ungefähr dem „angemessen“ von Frau Hubertus entsprechen musste. Super, Problem gelöst.
„Was ist denn mit dir los, gar nicht unterwegs heute?“, begrüßte ich Hans und schüttelte den Schnee aus meinem Mantel. Hans war unerwartet zu Hause. Gequälter Gesichtsausdruck.
„Ich muss nächste Woche meine Hausarbeit abgeben und bin etwas in Verzug. Da muss die Zerstreuung warten“, formulierte er sehr gewählt aber niedergeschlagen.
„Was gibt es Neues aus der Kriminalistik?“, fragte er mit deutlich mehr Energie in der Stimme.
„Eigentlich nicht viel.“
Ich fasste mein Gespräch bei der Polizei und der Beerdigung übermorgen zusammen.
„Übermorgen, das passt perfekt. Nachmittags?“
„Nein, um zwölf geht es los“, erwiderte ich erstaunt.
„Na, macht nichts, das lässt sich arrangieren. Dir ist doch klar, dass die meisten Informationen auf den Beerdigungen zu haben sind, oder? Ich wette mit dir, dass auch deine Freundin von der Kripo dort sein wird.“
„Ich habe keine Freundin bei der Kripo“, erwiderte ich. „Und soll das heißen, dass du zur Beerdigung gehen willst?“
„Na klar gehe ich, das versteht sich doch von selbst. Du allein bist mit der Situation doch völlig überfordert. Doch was ziehe ich an?“
Er schaute sich suchend um, als erwartete er, einen schwarzen Anzug irgendwo hängen zu sehen.
„Aber du bist doch gar nicht eingeladen. Anderseits, wem sollte das auffallen. Wahrscheinlich werden ziemlich viele Leute vom Institut dort sein. Und wenn jemand fragt, bist du der neue Doktorand von Professor XY.“
„So in der Art hatte ich mir das auch gedacht. Ich werde mich umhören, die Augen offenhalten, alle Hinweise aufsaugen, die Verdächtigen befragen und“, nach den dramatischen Gesten eine bedeutungsvolle Pause, „mal sehen wie deine Kripo Freundin aussieht.“
„Ach komm, hör auf, ich kenne sie doch gar nicht. Aber denkst du, ich sollte ihr von der Beerdigung berichten?“, fragte ich nach einer Weile.
„Na klar“, sagte er augenzwinkernd. „Obwohl du da wahrscheinlich etwas spät dran bist. Sie weiß es bestimmt schon.“
Johann brachte mir seinen Anzug zweiter Wahl morgens mit ins Büro. Da der Friedhof und die Kapelle nur wenige Minuten vom Institut entfernt lagen, wollten wir zusammen eine halbe Stunde vorher losgehen. Bis dahin tippte Katja unermüdlich und ich nahm mir vor, den Professor aus Leiden für die Kommissarin herauszusuchen. Ich glaubte, mich dunkel zu erinnern, dass Oster einmal in einer E-Mail den Namen erwähnt hatte. Daher nahm ich mir mein E-Mail-Fach vor. Nach etlichen Filterfunktionen hatte ich den Namen gefunden: Prof. van Basten. Um diese Angelegenheit vom Tisch zu haben, schrieb ich kurz eine Mail an die Kommissarin.
Um elf Uhr zog ich mich um. Der Anzug sah wirklich ganz gut aus. Auch wenn es jetzt die zweite Wahl war. Passend kam unsere hübsche studentische Hilfskraft herein und lachte laut, als sie mich in Unterhose am Arbeitsplatz sah. Sicher aus Verlegenheit, denn zufällig hatte ich meine coolsten Boxershorts an.
Katja zog die Stirn in Falten, als sie meine etwas zu kurze Hose sah. Beim Überziehen der Jacke wurde es nicht besser. Auch die Ärmel waren für ihren Geschmack etwas zu kurz. Doch mit meinem Mantel darüber, der zwar nicht schwarz, sondern grau war, dachte ich, dass ich einigermaßen passabel gekleidet war. Katja hatte einen schwarzen Hosenanzug an und sah wie immer angemessen gekleidet aus. Die Tür ging auf und Johann platzte herein.
„Hey, passt ja perfekt, sieht gut aus!“ Er klopfte mir auf die Schulter. Seine Ärmel- und Hosenbeinlänge entsprach der allgemeinen Norm. Er bewegte sich lässig und ungezwungen. Bei seiner Großgrund-Herkunft war es durchaus denkbar, dass der eine oder andere Anlass eine solche Garderobe erforderte.
Unglaubliche Schneemassen sind die ganze Nacht hindurch vom Himmel gefallen. Zusammen mit einem starken Nord-West Wind häufte sich der Schnee an den Straßenecken zu hohen Wehen auf. Wir machten uns auf den Weg. In einiger Entfernung arbeitete sich eine weitere Gruppe festlich in Schwarz gekleidet wie Pinguine durch den Schnee. Bereits nach dem zweiten Schritt fühlte ich die feinen Eiskristalle an den zu kurzen Hosenbeinen in meine Schuhe eindringen. Mit nassen Füssen in der Kapelle stehen, super Aussichten. Auch Frau Hubertus sah nicht glücklich aus mit ihren feinen, schwarzen Schuhen.
„Wir hätten Schneestiefel anziehen sollen“, murmelte sie, verbissen durch den Schnee und gegen den Wind gehend. Neben uns kam ein Räumfahrzeug vorbei. Mit viel Krach beförderte es den Schnee der Straße auf den Radweg und wir mussten weiter auf den Fußweg ausweichen.
Wir kamen sehr pünktlich bei der Kapelle an, mussten jedoch vor der Tür warten, da eine andere Trauerfeier noch nicht beendet war. Viele Grüppchen dunkel gekleideter Menschen standen im Schnee herum und unterhielten sich. Die Pinguinkolonie. Der auffälligste Pinguin, quasi der Kaiserpinguin, war Hans. Er unterhielt sich angeregt mit einem Professor aus der Bewässerungstechnik. Weitere Doktoranden standen im Halbkreis um beide herum. Als Hans mich näher kommen sah, entschuldigte er sich und kam mir entgegen.
„Wie siehst du denn aus?“, raunte ich ihm zu, als er mit Verschwörermiene neben mir stand. Er lächelte geschmeichelt. Sein Outfit hatte bei mir die gewünschte Wirkung gezeigt.
„Na, vielleicht ein wenig overdressed. Ich habe eine Bekannte beim Theater. Leider hatten sie keinen anderen Anzug mehr. Aber cool, oder?“
Er trat einen Schritt zurück, damit ich ihn in voller Größe bewundern konnte. Ein schwarzer Frack, darunter weißes Hemd mit aufwendiger Rüschchenlösung als Kragen und sicher auch als Manschetten. Die waren aber nicht zu sehen. Weiter, offenstehender Mantel, trotz der Kälte. Mozarts Lieblingsoper vielleicht, ganz sicher nicht einundzwanzigstes Jahrhundert.
„Mach doch wenigstens deinen Mantel zu, dann sieht man das Kostüm nicht so sehr.“
„Geht nicht“, raunte er mir zu und deutete verstohlen auf den abgerissenen Knopf. „Macht aber nichts, es läuft prima. Alle wollen praktisch über deinen toten Professor reden. Ich muss weiter machen, da vorne steht die Witwe, wir sehen uns nachher.“
„Geschiedene Witwe oder Ex-Witwe“, flüsterte ich ihm noch hinterher, aber er war schon wieder weg und mischte sich unter die Wartenden.
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