„Wie ein Vater war er nun wirklich nicht“, erwiderte ich. Ich musste lachen. Der Vergleich war grotesk. „Nein, ich glaube, die wissen noch nichts. Aber richtig im Bilde bin ich auch nicht.“
„Auf jeden Fall bist du den los. Auch wenn es nicht die feine Art war.“
Er grinste mich an und ich überlegte, ob ich auf diesen Scherz eingehen konnte.
Draußen auf dem Flur balancierte ich meinen immer noch heißen Becher meinem Büro entgegen. Der Tornado hatte sich inzwischen gänzlich aufgelöst und ist einem satten Braun gewichen.
Ich wollte gerade meine noch etwas fremde, neue Bürotür öffnen, da winkte mir schon vom Treppenhaus her die studentische Hilfskraft des PC-Labors namens Fred zu. Ich nippte am heißen Kaffee und wartete, dass er bei mir ankam, denn ich wollte mit dem vollen Becher keinen weiteren Schritt mehr machen.
„Ich muss dir etwas zeigen, komm mal mit nach oben.“
Dampf stieg von der noch immer leicht rotierenden Kaffeeoberfläche wie Fäden auf.
„Den kannst du auch oben trinken.“
Also nahm ich noch einen Schluck und folgte Fred zum Treppenhaus. Mit dem Kaffeebecher in der Hand und der fortgeschrittenen Uhrzeit erfüllte sich leider voll und ganz das Klischee wissenschaftlicher Arbeit, wie ich am Blick des Hausmeisters erkannte, dem wir auf der Treppe begegneten.
Oben angekommen gingen wir ins Büro vom PC-Labor. Fred ging zu einem Schrank und holte dort eine Kamera heraus.
„Die hat dein Chef am Abend bevor er, na ja, an seinem Todestag eben hat er sie zurückgegeben.“
Mit diesen Worten drückte er mir die Kamera in die Hand und ich stellte meinen Kaffee ab.
Etwas überrascht und mit einer gewissen Abneigung nahm ich sie entgegen. Es war eine hochauflösende digitale Kamera, die den Mitarbeitern des Instituts zur Verfügung stand. Kalt und schwer lag sie in der Hand. Ich schaute Fred fragend an, er schaute fragend zurück, als erwartete er, dass sich mir augenblicklich neue Erkenntnisse erschließen würden.
„Wann hat er die denn zurückgegeben?“, fragte ich.
„Am Abend vor seinem Tod, denn wir wussten gar nicht, dass die Kamera wieder da war. Er hatte sie selber wieder zurückgelegt und in der Liste die Rückgabe eingetragen. Aber es wird noch interessanter. Schau mal.“
Damit schaltete er die Kamera an, wechselte in den Wiedergabemodus und auf dem kleinen Display sah ich das letzte Foto. Es war eine Straßenansicht, Häuser, Autos, einige Fußgänger. Auf den ersten Blick etwas langweilig, nichts Interessantes fiel ins Auge. Ich konnte nicht erkennen, woher die Aufnahme stammte. Es sah nicht nach Kiel aus. Doch auf den zweiten Blick strahlte das Bild eine gewisse Symmetrie, eine Ruhe aus, hervorgerufen durch einen bewusst gewählten Ausschnitt und dem Zusammenspiel von Vorder- und Hintergrund. Davon ein großformatiger schwarz-weißer Abzug, dachte ich mit zusammengekniffenen Augen, könnte ganz gut aussehen.
„Schau dir mal die Nummernschilder der Autos an. Ich denke, das ist Holland oder Dänemark.“
„Ja, Niederlande, das kann sein.“
Ich betrachtet das Bild aufmerksamer.
„Moin, was gibt es Neues?“
Johann kam fröhlich auf uns zu. Er hatte einige Seiten Papier in der Hand und kam sicher aus dem Druckerraum. Neugierig betrachtete er die Kamera in meiner Hand.
„Willst du Fotos für deine Arbeit machen? Damit kannst du bestimmt einige Leser mehr gewinnen!“
„Das ist die Kamera von meinem Chef, also er hatte sie ausgeliehen und kurz vor seinem Tod erst wieder zurückgegeben.“
„Aha?“
„Und es sind noch ein paar Bilder darauf, aus den Niederlanden, wie es aussieht.“
„Das wird ja immer interessanter.“
„Es wird noch interessanter“, mischte sich Fred wieder ein. „Die Speicherkarte hier in der Kamera ist nicht die Originalkarte. Wir haben hier immer die großen Karten drin. Wir wissen ja, wie viel ihr immer knipsen wollt. Jetzt ist aber nur eine halb so große Karte drin. Wo ist die Originalspeicherkarte?“
Bedeutungsvoll schaute er über seine Brille hinweg von einem zum anderen. Auch Johann und ich sahen uns an, etwas unschlüssig, ob dies nun ein brisantes Detail war oder nicht.
„Wo ist die Speicherkarte und was ist auf der gespeichert?“, setzte Fred wieder an. „Denn ich gehe mal davon aus, dass dies eine private Karte von Oster ist, die er einsetzte, nachdem die Originalkarte voll war.“
„Ein richtiger Fuchs, unser Fred. Was hat Oster denn fotografiert?“, wollte Johann wissen.
„Wir sind gerade dabei, die Bilder anzusehen.“
„Zeig mal her.“
Damit beugte auch er sich noch über die Kamera, sodass eigentlich niemand mehr etwas sehen konnte.
„Wisst ihr was“, sagte Fred, „ihr nehmt die Karte mit runter und schaut euch die Bilder auf dem Computer an. Ich habe hier noch einiges zu tun und übergebe euch hiermit ganz offiziell die Karte von Osters letzten Fotos.“
Er entriegelte die Karte und übergab sie mir feierlich, wobei er mir die Kamera abnehmen musste. Das teure Stück balancierte ich nur sehr ungern in einer Hand.
Zu meinem Bedauern war mein Kaffee jetzt fast kalt, als ich den Becher nahm und wir gemeinsam wieder in das untere Stockwerk gingen.
„Geh schon mal rein, ich sehe mal eben nach, ob wir hier noch einen Kaffee bekommen.“
Damit nahm mir Johann meinen kalten Becher ab und ging zielstrebig den Flur weiter hinunter.
Katja schaute von dem Text auf, an dem sie arbeitete, als ich eintrat.
„Wir haben hier die letzten Fotos von Oster.“
Zur Erklärung hielt ich ihr die Speicherkarte entgegen und erläuterte kurz die ganze Geschichte.
„Stört es dich, wenn Johann gleich noch kommt. Er will die Fotos auch mit ansehen.“
„Ist schon gut, wenn ihr nicht den ganzen Tag zusammen hockt, denn leise wird Johann wohl nicht bleiben können.“
„Wir sind ganz leise, versprochen.“
Etwas unbeholfen und damit auch nicht gerade geräuschlos öffnete Johann kurz darauf die Tür mit dem Ellenbogen und trug vorsichtig zwei Kaffeebecher herein.
„Willst du auch einen?“, fragte er Katja.
„Nein, danke.“
„Ja richtig, du trinkst ja gar keinen Kaffee. Umso besser, Rolf war nicht so richtig begeistert. Es waren wohl schon einige andere vor mir bei ihm. Habt ihr schon hineingeschaut?“
„Wir fangen doch nicht ohne dich an.“
Gespannt warteten wir darauf, dass die Bilder auf dem Bildschirm erschienen.
Insgesamt waren zwölf Bilder auf der Karte. Ein Bild ließ sich nicht öffnen. Die Datei schien defekt zu sein. Die anderen Bilder glichen dem ersten, welches ich schon im PC-Labor gesehen hatte. Auch bei diesen Bildern konnten wir nichts Interessantes finden. Es waren Straßen, Häuser und zufällige Passanten abgebildet. Wir konnten niemanden erkennen. Lediglich bei drei Aufnahmen meinten wir, vereinzelt Personen von anderen Bildern wieder zu erkennen. Allerdings waren sie nur sehr klein abgebildet und liefen mehr im Hintergrund. Wir vergrößerten einzelne Ausschnitte der Bilder und verglichen die Menschen miteinander. Doch eindeutig wurde das Ergebnis dadurch nicht.
Etwas enttäuscht rückten wir weiter vom Bildschirm ab. Katja kehrte zu ihrem Arbeitsplatz zurück und vertiefte sich in ihre Lektüre. Johann und ich tranken schweigend unseren Kaffee aus.
„Zumindest wissen wir jetzt, dass Oster noch in den Niederlanden war.“
„Oder die Kamera“, ergänzte Johann.
„Ich denke, das muss ich wohl dem Herrn Peters mitteilen. Dem Kommissar“, fügte ich hinzu, da Johann nicht zu verstehen schien.
„Gib mir mal die Speicherkarte mit. Ich versuche, an meinem Computer die defekte Datei zu reparieren. Vielleicht zeigt das Bild ja noch etwas Interessantes.“
Ich gab Johann die Speicherkarte mit, obwohl ich kaum Hoffnung hatte, dass das letzte Bild noch weitere, interessante Details über die Zeit in den Niederlanden aufdecken würde.
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