Florent nickte. Er sah, wie sie in der Sonne litt und erinnerte sich plötzlich, dass sie mit ihrer hellen Haut schon immer den Schatten hatte suchen müssen. „Wir hätten uns besser am Abend getroffen.“
„Aber Neugier ist schlimmer als Hitze“, sagte sie und lachte. „Bis heute Abend hätte ich es kaum ausgehalten.“ Sie kühlte ihre Hände in dem Wasser, das Florent mit einem Handschwengel nach oben pumpte und in den Trog laufen ließ. Sein Pferd trank gierig.
„Neugier?“
„Ich will wissen, wie es dir mit Federico ergangen ist.“ Sie hob den Schleier und spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht.
Er horchte auf. „Woher weißt du?“, fragte er.
„Dass er der König ist?“ Sie kicherte. „Tante Lorna sagte etwas von einem zerstörten Markt und anderen schlimmen Sachen, die der junge König anstellt. Wie hat er es aufgenommen, dass du sein Lehrmeister bist?“
Sie setzten sich in den Schatten einer Pinie, der Hengst knabberte lustlos an dem trockenen, staubigen Gras.
„Er ist nicht so schlimm wie sein Ruf, nur ein einsamer kleiner Junge, dem keine Grenzen gesetzt werden.“
„Wer kümmert sich um ihn?“
Florent hob die Schultern. „Der dicke Erzbischof jedenfalls nicht. Eine ältere Magd bemuttert ihn und sein Magister, der ihm die Wissenschaften beibringt, hat auch etwas Einfluss.“
„Armer Kerl“, sagte Luna leise. „Hier unten in der Stadt ist er nicht gern gesehen.“
Florent wurde nachdenklich. „Seine Mutter hat nach dem Tod seines Vaters eine wahre Hetzjagd auf die Adligen veranstaltet, die zu Heinrichs Lebzeiten aus dem Norden kamen und sich in Sizilien breitmachten. Sie schürte damit den Hass auf alles Deutsche. Und er sieht nun wirklich nordisch aus.“
„Deswegen klang das aleman gestern so boshaft. Was hat sie sich nur dabei gedacht? War sie nicht selbst Normannin?“
„Sie hatte nicht mit ihrem frühen Tod gerechnet. Mit etwas mehr Zeit wäre ihr Plan aufgegangen. Sie handelte beim Papst das Wohlwollen für ihren Sohn aus, indem sie auf die nördlichen Gebiete des alten deutsch-römischen Reiches verzichtete. Ihr war klar, dass man mit einem Kind als König niemals ein so großes Gebiet unter Kontrolle halten konnte.“
„Daran scheiterte schon ihr Gemahl Heinrich“, warf Luna ein.
„Sie sagte sich wahrscheinlich, lieber den Spatzen in Hand als die Taube auf dem Dach. Mit dem päpstlichen Segen bereitete sie ihrem Sohn das Königreich Sizilien als Nest für eine lange und zufriedene Regierungszeit.“
„Und dann starb sie und ließ den Jungen allein zurück.“ Luna fächelte sich mit einer Hand Luft zu.
„Zuvor setzte sie Papst Innozenz als Vormund ein. Sie schien ihm zu vertrauen.“ Florent sah sie von der Seite an. Ihre schneeweiße Haut schimmerte durch den Schleier. Er stieß einen kurzen Pfiff aus. Der Destrier, der sich beim Grasen ein Stück entfernt hatte, hob den Kopf und trabte heran. „Ich bringe dich nach Hause. Du musst in den Schatten.“
„Gut erzogen!“, lobte Luna den Hengst. „Wenn du den jungen König erst mal so weit hast ...“
Florent lachte. „Das war eigentlich nicht mein Ziel, aber jetzt, wo du es sagst, finde ich den Gedanken gar nicht schlecht.“ Er wickelte sich die Zügel um die Hand und sie gingen in der drückenden Hitze über das Hafengelände in Richtung Basar. „Erzähl mir von dieser Tante, bei der du lebst!“
„Eine alte Kräuterhexe, wie sie selbst sagt. Die Leute des Viertels bestellen bei ihr Salben, Theriak, Kräutertee und alle möglichen Heilmittel. Sie ist blind und kann kaum noch arbeiten. Aber sie hat all das Wissen in ihrem Kopf. Sie war dankbar, als ich an ihre Tür klopfte und meine Hilfe anbot.“
„Woher kanntest du sie?“
Luna schüttelte den Kopf. „Ich kannte sie nicht. Als ich Edessa verließ, nannte mir mein Vater eine Reihe von Namen; Freunde und Bekannte in verschiedenen Städten, die mir helfen würden. In Palermo war es die Kräuterhändlerin Lorna. Ich wollte ein paar Tage bleiben und dann weiter in den Norden gehen. Ich sehne mich nach den kühlen Tagen, den Reif auf den Gräsern und den ruhigen Wintertagen voller Schnee. Ich bin kein Kind der Sonne.“
„Warum bist du geblieben?“
Sie hob die Hände. „Lorna ist alt. Erst gestern sagte sie, Gott der Herr hätte mich zu ihr gesandt. Ich kann sie nicht allein lassen.“
Sie waren am Eingang der schmalen Gasse angekommen. „Möchtest du sie kennenlernen?“, fragte Luna, um den Abschied ein wenig hinauszuzögern.
„Ein anderes Mal. Ich muss pünktlich zur ersten Unterweisung sein. Mal sehen, wie Federico auf meine Pfiffe reagiert“, sagte er und grinste. Der Braune scharrte ungeduldig mit dem Vorderhuf auf den heißen Pflastersteinen.
„Ich würde gern den Garten hinter dem Palast wiedersehen“, sagte Luna.
Florent, der schon seit einiger Zeit überlegt hatte, wie er die nächste Verabredung arrangieren konnte, sah erfreut auf. „Das kann ich organisieren. Wie wäre es gleich heute nach dem Abendessen?“
„Das wäre schön. Auch in Edessa gab es prächtige Gärten, aber keiner war so wie der im Palazzo Reale.“
„Ich hole dich ab.“
„Das ist nicht nötig“, wehrte sie ab. „Ich muss am Abend Arzneien austragen, mein Weg endet beim Palazzo. Dann treffen wir uns am Hauptportal.“
Wie eine reife Apfelsine hing die Sonne zwischen den Turmspitzen des Palazzos, als Luna den Weg zum Haupttor erklomm. Ihr Gesicht glühte unter dem Schleier. Sie hatte sich beim Ausliefern der Salben und Tinkturen ungewöhnlich beeilen müssen. Ausgerechnet heute war sie viel zu spät fertig geworden. Nun befürchtete sie, Florent habe das Warten aufgegeben. Ihr Herz klopfte stürmisch, zum einen wegen des schnellen Schrittes, andererseits – ja, sie war aufgeregt. Sie redete sich ein, es sei die Aussicht auf den Spaziergang durch die Gärten und die damit verbundenen Erinnerungen.
Kopfschüttelnd dachte sie an ihre Arbeit am Nachmittag zurück. Bei der Zubereitung des Theriak verwechselte sie Kurkuma mit zerstoßenem Pfeffer und verdarb somit die gesamte Mischung. Dann fiel ihr der Mörser aus der Hand und sie verschüttete grünes Meersalz auf dem Tisch. Während des Aufwischens kippte der kleine Flaschenkürbis um, den sie zum Abmessen von Flüssigkeiten benutzte. Kostbarer dunkler Honig tränkte die Tischplatte. Lorna hatte die Nase nach oben gereckt und missbilligend mit der Zunge geschnalzt.
Die Wachen sahen ihr mäßig interessiert entgegen. Als sie zu einer Erklärung ansetzen wollte, wurde die Schlupfpforte im großen Portal aufgerissen und Florent steckte seinen Kopf heraus.
„Das ist sie!“, sagte er und nickte einem der Wachposten zu.
„Wir haben sie schon erkannt“, knurrte der und trat beiseite, um Luna durchzulassen.
„So haarklein, wie Ihr sie beschrieben habt, ist keine Verwechslung möglich“, sagte der andere und grinste.
„Was hast du ihnen erzählt?“, fragte Luna betreten, als sie den dunklen Gang unter der Mauer passierten.
„Na ja“, Florent wand sich ein wenig. „Eine junge Frau mit Schleier und sarazenischer Kleidung und ...“
„... heiß und wunderschön wie die Morgensonne, das hat er gesagt!“, rief der Wachmann hinter ihnen und sein lautes Lachen hallte durch den Gang.
Florent wurde rot und beschleunigte die Schritte.
„Wie war dein Unterricht?“, fragte sie hastig, um die Verlegenheit zu überspielen.
„Oh, Federico wird ein guter Kämpfer. Ein wenig ungestüm, aber er ist tapfer und er nimmt meinen Rat mitunter sogar an.“
Sie betraten den Innenhof, der von den fünfstöckigen Gebäuden des Palastes umgeben und von dort über Balustraden einsehbar war. Mägde verteilten irdenes Geschirr auf der langen Tafel in der Mitte des schattigen Hofes, Küchenjungen schleppten Platten mit würzig duftenden Käselaiben und Körbe mit kleinen Weißbroten herbei.
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