Der Erzbischof thronte hinter einem pompösen Tisch mit Schnitzereien, die beim genaueren Hinsehen furchteinflößende Kreaturen mit spitzen Zähnen und ebenso spitzen Ohren darstellten. Sein gewaltiger Bauch drückte sich gegen die Tischplatte, sodass er das Schriftstück vor ihm nur mühsam erreichen konnte. Das Kinn lag auf zwei Fettwülsten gebettet. Florent war in der Tür stehen geblieben und ertappte sich bei der Überlegung, ob man einen Mann hängen könnte, dessen Hals dicker war als der Kopf.
Walter von Pagliara schnaufte einmal über das Papier, das daraufhin von dem Schreiber mit den Tintenfingern weggezogen und mit Sand bestreut wurde. Dann hob er seinen Blick und fixierte Florent, der dabei das Gefühl hatte, zu schrumpfen wie Fleisch in heißem Fett.
„Und wer seid Ihr?“, fragte er mürrisch.
„Florent von Accera, Euer Gnaden. Mein Vater empfahl mich als Lehrmeister für den Schwertkampf.“ Er schob sich eine lästige Locke aus dem Gesicht.
„Accera, soso.“ Der Mann wedelte mit einer Hand. „Tretet näher.“ Er musterte ihn. Sein Kinn wackelte wie Gallert, als er nickte. „Groß, kräftig. Euer Vater hat nicht zu viel versprochen. Ihr verfügt über gewisse Erfahrungen in der Ausbildung von Knaben, wie ich hörte.“
„Ich war der Lehrmeister von Wilhelm von Lecce, Euer Gnaden. Ich brachte ihm das Reiten und den Schwertkampf bei, außerdem die Regeln ...“
„Ja, ja. Das genügt.“ Der Erzbischof winkte ab. Florent begriff, dass er Wilhelms Namen besser nicht erwähnte. Dabei hatte der junge Prinz mehr Anspruch auf den Thron in diesem Reich gehabt, als alle zusammen, die heute regierten.
„Euer Sold beträgt achthundert Silbergrosso im Jahr. Außerdem erhaltet Ihr Speisung und Unterkunft im Palazzo. Wegen der Unterrichtszeiten müsst Ihr Euch mit dem König absprechen und mit Magister Wilhelm Franciscus. Den findet Ihr in der Bibliothek. Wann könnt Ihr anfangen?“
„Jederzeit. Wenn der König Zeit hat, jetzt gleich.“
Der Erzbischof sah ihn an, als hätte er nach der Formel für die Unsterblichkeit gefragt. „Jetzt?“ Er gab ein Prusten von sich, das sein Kinn erzittern ließ. „Am besten, Ihr versucht, ihn morgen nach dem Frühstück zu erwischen. Aber Ihr müsst schnell sein.“
Florent verbarg seine Verwunderung und verbeugte sich. „Kommt in den nächsten Tagen vorbei, dann könnt Ihr eine Abschrift von Eurem Vertrag abholen“, sagte der Schreiber, bevor er die Tür hinter ihm schloss.
Zwei Mägde wiesen ihm den Weg zur Schreibstube des Quartiermeisters. Der brachte ihn zu einem schlichten, sauberen Raum an der Galerie zum Innenhof, mit Tisch und Hocker und einem einigermaßen breiten Bett.
„Wenn Ihr Euch mit den Mägden gut steht, putzen sie für Euch und kümmern sich um Eure Kleidung. Essen gibt es unten im Hof, immer dem Geruch nach. Die Küche ist gar nicht schlecht, Ihr werdet sehen. Falls Ihr sonst noch was braucht ...“
„Mein Brauner steht unten in der Stadt in einem Mietstall.“
„Ihr könnt ihn in den Stallungen des Königs unterbringen. Soll ich ihn holen lassen?“
„Nein, ich habe noch Gepäck dort, ich gehe selbst.“
Der Mann war schon fast zur Tür hinaus, da fiel Florent etwas ein: „Wo kann ich den jungen König um diese Zeit finden?“
Der Quartiermeister sah ihn mit einem ähnlichen Blick an wie der Erzbischof. „Geht hinunter in die Stadt und lauscht. Dort wo der größte Tumult ist, dort ist der junge König.“
Verwundert sah er die Tür ins Schloss fallen. In die Stadt würde er heute nicht mehr gehen. Der Duft von gebratenem Lamm stieg aus dem Küchentrakt empor. Sein neuer Schützling konnte warten.
Florent erwachte von den üblichen Morgengeräuschen eines Palastes. Mägde riefen sich mit verschlafenen Stimmen Anweisungen zu, Türen knarrten und schlugen, die Holzsohlen der Knechte polterten über den Hof. Geschirr klapperte, Eimer schepperten. Vom Dach gurrten die Tauben. Er hatte gut geschlafen und ging hinaus auf die Galerie, um einen Blick über die Brüstung zu werfen. Der Duft frisch gebackenen Brotes stieg in seine Nase und ließ seinen Magen freudig knurren. Im Innenhof war die lange Tafel, an der er am Vorabend bereits gegessen hatte, erneut für eine ordentliche Mahlzeit vorbereitet. Hungern würde er hier jedenfalls nicht. Voller Tatendrang schlüpfte er in sein Hemd. Heute musste er unbedingt sein Schwert holen, das er mit Pferd und Gepäck bei dem Wirt in der Stadt zurückgelassen hatte. Aber zuerst galt es, den jungen König zu finden. Er fuhr sich durchs Haar und wusch sich über der Schüssel in der Ecke.
Als er den Hof betrat, nahmen die ersten Stallknechte Platz, um zu frühstücken. Er wollte sie fragen, wo er sein Pferd unterbringen konnte. Doch bevor er dazu kam, lief ihm ein vertrautes Gesicht über den Weg. Helles, ungekämmtes Haar, trotzig hervorgeschobene Lippen unter einer Nase voller Sommersprossen, zerrissener Hemdsärmel. Ohne lange zu überlegen, griff er nach seinem Arm.
„He, Bürschchen! Kennen wir uns nicht?“, fragte er.
Der Junge sah ihn entrüstet an. „Was fällt Euch ein?“
„Federico, nicht wahr? Wer ist für dich verantwortlich? Wir sollten mal ein ernstes Wörtchen mit ihm reden.“ Die erstaunten Blicke der Stallknechte nahm er nicht wahr, auch nicht die Mägde, die ihre Arbeit vergaßen und die Szene beobachteten.
„Lasst mich sofort los!“ Der Junge zerrte an seinem Hemd, um sich zu befreien, doch Florents Griff war fest.
Der Quartiermeister trat an ihn heran und raunte ihm zu: „Das ist der junge Herr, nach dem Ihr mich gestern gefragt habt!“
Florent zuckte zurück, als glühe frisch geschmiedetes Eisen in seiner Hand. Täte sich jetzt ein Loch im Boden auf, er wäre mit Freuden hineingesprungen. Die Knechte an der Tafel grinsten. Wie hatte er nur so dumm sein können. Federico war nicht gerade ein häufiger Name auf Sizilien.
„Was ist?“, fragte der Junge herausfordernd. Sein Selbstbewusstsein war schon in der Stadt erstaunlich groß gewesen, wo er wie ein Hase gejagt worden war. Hier im Palazzo schien es unermesslich zu sein.
Florent überlegte fieberhaft, wie er sein Gesicht wahren konnte. „Lasst uns beim Essen darüber reden. Kommt!“ Er fasste den Jungen weitaus behutsamer als zuvor am Arm und schob ihn in Richtung Tisch.
„Warum sollte ich mit Euch essen wollen?“
„Weil ich Euch gestern vor dem Beil des Metzgers bewahrt habe.“
Achselzuckend nahm Federico neben ihm Platz. Das Grinsen in den Mienen der Knechte verblasste.
„Ihr hättet mir gestern sagen können, wer Ihr seid!“, begann Florent vorwurfsvoll und griff nach einem knusprig gebackenen Weizenfladen.
Federico trank in aller Ruhe einen Becher Milch, während er einen seiner trotzigen Blicke über den Gefäßrand schickte. Als er absetzte, blieb ein weißer Rand an seiner Oberlippe. „Warum? Alle in der Stadt kennen mich.“
„Ich kannte Euch nicht.“
„Na und?“
„Findet Ihr es angemessen, als Majestät über den Markt zu rennen und Eure eigenen Untertanen zu bestehlen?“
Federico starrte in seinen Becher und zuckte mit den Schultern. „Warum interessiert es Euch, was ich tue?“
„Ich bin seit gestern Euer Lehrmeister. Ich unterrichte Euch im Schwertkampf, im Bogenschießen und bringe Euch das Reiten bei.“ Florent brach ab, als er die Augen des Jungen aufleuchten sah. Er hatte mit weiterem Widerstand gerechnet, stattdessen sprang Federico begeistert auf, nicht ohne dabei den Milchkrug umzureißen.
„Endlich! Das habe ich mir schon lange gewünscht! Und immer sagte der Dick... der Bischof, dafür sei kein Geld da.“ Er setzte sich und stellte den Krug wieder an seinen Platz. Eine ältere Magd mit ausladenden Hüften und einem runden Gesicht wischte die Milchpfütze auf und zog ihn zärtlich am Ohr. „Aufpassen, Rico, sage ich dir das nicht immer wieder?“
Читать дальше