Der Junge wollte sich losreißen, doch er packte ihn fester. „Du bleibst, amico mio , ich will wissen, für wen ich mir Ärger einhandele.“ Mit hastigen Schritten liefen sie die Gasse hinunter in Richtung Hafen.
„Was machst du in Palermo?“, fragte er Luna.
„Ich arbeite bei einer Kräuterfrau.“
Als er abwartend schwieg, fügte sie hinzu: „Ursprünglich wollte ich zurück in den Norden, doch Lorna ist blind und braucht mich.“
„Kann ich endlich gehen?“, begehrte der Junge auf.
Florent schüttelte den Kopf. „Zuerst klären wir ein paar Dinge: Wie ist dein Name und wo bist du zu Hause?“
Der kleine Dieb schniefte abfällig und wischte sich die Nase am Ärmel ab. Unter dem Straßenstaub kamen ein paar vereinzelte Sommersprossen zum Vorschein. Florent schätzte ihn auf sechs oder sieben Jahre. Seinem Selbstbewusstsein nach zu urteilen, gehörte er zu den Bettlerkindern, die sich in Palermos Gassen durchschlagen mussten. Sein Wams starrte vor Schmutz, war jedoch von bester Qualität. Das Hemd aus feinem Linnen wies am Ärmel einen Riss auf, die Beinkleider waren aus teurer Wolle gefertigt. Der Junge trug sogar lederne Schuhe, was für ein Bettlerkind mehr als ungewöhnlich war.
Florent knuffte ihn leicht in die Seite. „Wenn du nicht redest, dann bringe ich dich umgehend zurück zu dem Metzger. Der hatte irgendwas mit deinen Fingern vor, erinnerst du dich?“
Sie bogen am Kai nach Osten ab. Auf etwa einem Dutzend windschiefen Tischen boten Fischer schreiend ihren frischen Fang an. Es roch nach Salz, Tang und Fischabfällen. Sie tauchten ein in die Menge schwatzender Hausfrauen und körbetragender Mägde, die mit kritischen Mienen und Fingern die zum Teil noch zappelnden Fische, Oktopusse und Krabben prüften. Die Blicke des Jungen hingen an einem Stapel frischer Seehechte.
„Hunger?“, fragte Luna.
„Ich schon“, bemerkte Florent. Sie blieben bei einer älteren Frau stehen, die in einer großen Pfanne Garnelen röstete. Es duftete verführerisch. Er kaufte für jeden eine Portion, die die Alte in einem Kohlblatt reichte. Der Junge griff zögerlich zu.
„Was ist? Bist du etwa wählerisch?“, fragte Luna und fingerte vorsichtig nach einer der heißen Garnelen.
„Hab keinen Hunger.“ Sein Tonfall war noch immer verstockt und sein Blick suchte die Umgebung ab.
„Denk gar nicht daran!“, knurrte Florent und versuchte, eine heiße Garnele mit den Lippen aus dem Kohlblatt zu fischen. „Ich habe dich am Kragen.“
„Warum stiehlst du, wenn du keinen Hunger hast?“, fragte Luna. Sie liefen am Kai entlang und ließen den Trubel des Fischmarktes hinter sich.
Der Junge verdrehte die Augen und fuhr sich mit der freien Hand durch sein struppiges helles Haar. „Es war nicht für mich.“
„Für wen dann? Für deine Freunde?“
Er schwieg und griff sich nun doch eine Garnele.
„Warum haben die Händler aleman geschrien?“, fragte Florent.
„Mein Vater kam aus dem Norden, aus Deutschland.“
Luna musterte die sandfarbenen Haare des Jungen. „Ist er tot?“
„Ja, schon lange.“
„Aber deine Mutter …“
„Gestorben.“
Luna sah ihn mitleidig an, erntete einen genervten Blick aus graublauen Augen und bemühte sich um einen neutralen Tonfall: „Wer kümmert sich um dich?“
Er leckte das heiße Öl vom Kohlblatt. „Die Mägde im Palazzo.“
Florent schob die Brauen hoch, sodass sie unter seinen dunklen Locken verschwanden. „Welcher Palazzo?“
Wieder sah der Junge sich um, als warte er auf jemanden. „Suchst du deine Freunde?“, fragte Florent. „Habt ihr die Marktleute gemeinsam bestohlen?“
Der Bengel stöhnte. „Wir wollten nur eine Handvoll Rindfleisch. Das hätte den Geizhals von Metzger nicht umgebracht.“
„Wozu Rindfleisch?“
„Für den Falken.“
„Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“, schimpfte Florent. Er hatte seine Garnelen aufgegessen und machte sich über das ölgetränkte Kohlblatt her. „Ein wenig dankbar könntest du sein. Wer weiß, was der Metzger mit seinem Beil inzwischen alles …“
„Niemand kriegt Federico!“, trumpfte der Junge auf, ohne zu merken, dass er seinen Namen verraten hatte. „Wenn Ihr mich nicht feige aus dem Hinterhalt gegriffen hättet, wäre ich ihnen davongerannt.“
Florent furchte die Stirn. „Feige?“ Die Reste seines Kohlblatts fielen in den Sand.
Im selben Moment zeigte der Bengel mit erschrockener Miene in Richtung Fischmarkt: „Da, seht!“
Sie wandten die Köpfe und starrten hinüber zu den Ständen, wo nach wie vor Frauen und Knechte mit den Fischern feilschten, scherzten und stritten. Dahinter schaukelten die Fischerboote friedlich in der Dünung.
„Was ist?“, fragten Luna und Florent wie aus einem Mund. Als sie sich umdrehten, war der Junge verschwunden.
Florent fluchte. „Dieser kleine Bastard!“
„Pfiffiges Kerlchen“, lachte Luna.
Doch Florent schien ernsthaft verärgert. „Zu gern hätte ich ihn seinen Eltern übergeben.“
„Er behauptet, sie seien tot. Er sah nicht so aus, als ob sorgende Eltern auf ihn warten.“
„Wahrscheinlich ist er der Spross einer armen Magd, die ihn längst nicht mehr im Griff hat. Die Ritter aus dem Norden hinterlassen bei jedem Feldzug ein kleines Heer von blauäugigen Bastarden auf der Insel.“
Luna schüttelte den Kopf. „Dafür ist er zu gut gekleidet.“ Sie wischte sich das Fett von den Lippen. „Doch jetzt erzähle von dir, was tust du in Palermo?“
„Ich erhalte im Normannenpalast Anstellung als Schwertmeister.“ Er sah nach der Sonne. „Ich glaube, ich muss mich beeilen, wenn ich dort heute noch jemanden erreichen will.“
„Du willst im Palast arbeiten?“ Lunas Stimme war voller Unbehagen. „Nach all dem?“
„Ich habe versucht, auf dem Land zu leben“, sagte Florent und seine Worte klangen bitter. „Mein Vater besitzt Oliven- und Zitronenhaine unten im Süden. Aber ich bin kein Bauer. Ich brauche das Schwert in meiner Hand.“ Sie schlugen unwillkürlich den Rückweg ein. „Und du? Warst du noch einmal im Palast, seit damals?“
Luna schüttelte den Kopf. „Ich bin erst seit wenigen Wochen in Palermo. Und die Leute dort oben gehören nicht zu Lornas Kundschaft.“
Nachdem der Hafen hinter ihnen lag, passierten sie auf der Cassaro , wie die Sarazenen die Straße einst nannten, zunächst die Porta Felice , das Tor, an dem die Seeleute kontrolliert wurden, die in die Stadt wollten. Nach der Porta Nuova ließen sie die gewaltige Kathedrale von Palermo rechts liegen und bogen zum Normannenpalast ab. Seine spitzen Zinnen ragten wie die Zahnreihe eines Raubtieres in den blauen Himmel. Unter König Roger II. war er zur Residenz umgebaut und unter Kaiser Heinrich gründlich renoviert worden. Die arkadenartigen Fensterbögen und Simse im obersten der fünf Geschosse erinnerten an die Architektur der Sarazenen, von der die normannischen Baumeister sich inspirieren ließen. Beim Anblick der Mauern dachte Luna an den prächtigen Palastgarten mit seinen verschlungenen Pfaden unter einem dicht gewachsenen Dach aus Weinranken, wo zahlreiche Wasserspiele für Erfrischung sorgten. Dort hatte sie mit König Rogers Sohn Wilhelm Latein geübt, während seine Schwestern zwischen den Springbrunnen Haschen spielten, zwei wonnige kleine Mädchen, die nicht ahnten, dass ihr Schicksal sie bald in eine feuchtkalte Festung nördlich der Alpen verschlagen würde.
„Wie lange bist du schon in Palermo?“, fragte Luna.
„Seit gestern. Mein Vater hat mir die Anstellung besorgt. Er und Walter von Pagliara kennen sich gut.“
„Der Kanzler?“ Sie erklommen den steilen Anstieg zum Hauptportal und Luna schnaufte leise. „Was ist das für eine Anstellung?“
„Ich soll den kleinen König im Bogenschießen und im Schwertkampf unterweisen.“
Читать дальше